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«Statt Sklavenhalter hatten wir Königinnen»

Vor seinem gestrigen Konzert im Zürcher Volkshaus gab Rocksänger Eric Burdon ein exklusives Interview. Er sprach über sein Verhältnis zur schwarzen Musik und ihren Vertretern, die seine Freunde waren.

«Damit die Musik wirklich wirkt, braucht es eine bestimmte Energie»: Eric Burdon.
«Damit die Musik wirklich wirkt, braucht es eine bestimmte Energie»: Eric Burdon.
PD
Pazifist: Eric Burdon posiert 1966 mit einer Handgranate um den Hals.
Pazifist: Eric Burdon posiert 1966 mit einer Handgranate um den Hals.
Keystone
Als Sänger der Animals: Eric Burdon auf einer undatierten Aufnahme.
Als Sänger der Animals: Eric Burdon auf einer undatierten Aufnahme.
Keystone
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«I will not beg, I will demand», singen Sie auf Ihrem letzten Album – ich bettle nicht, ich fordere. Lässt sich das als Leitmotiv lesen für das Leben, das Sie geführt haben?

Ich denke schon. Es gibt vieles auf dieser Welt, das mich wütend macht, so geht es wohl allen. Und weil du nichts dagegen machen kannst, musst du darüber singen. Das ist das Beste, was du draus machen kannst.

Beim Lesen Ihrer Autobiografie bekommt man den Eindruck von einem Optimisten, der pessimistisch auf die Welt blickt.

Ich versuche, alles positiv anzugehen. So viele Leute haben Angst vor dem Tod, aber was solls, der kommt eh, warum also sich Sorgen machen? Ich möchte gerne wie die Vikinger sterben: in einem Boot, das ins Wasser gestossen wird. Dummerweise endet man heute in einem Spitalbett mit Schläuchen in der Nase.

Sie hatten immer enge Kontakte zu schwarzafrikanischen Kollegen, Jimi Hendrix war ein Freund von Ihnen, John Lee Hooker, die Musiker von War, mit denen sie mehrere Platten aufnahmen. Wie kam es, dass Sie von der schwarzen Community so herzlich aufgenommen wurden?

Mein Grossvater und seine Generation arbeiteten in den Kohlenminen, sie kamen von der Arbeit zurück mit schwarzen Gesichtern. Jeden Abend setzte er sich in einen Blechtrog, und seine Familie wusch ihm den Kohlenstaub ab. Keine Frage: Diese Generation in Newcastle, meiner Heimatstadt, wurde wie Sklaven behandelt. Die Geschichte der Kohlenarbeit zeigt, dass achtjährige Kinder zur Arbeit gezwungen wurden, sie krochen auf allen vieren durch die Schächte und zogen eiserne Kohlenschlitten. Wenn das keine Sklaverei ist, was ist es dann? Der einzige Unterschied war, dass wir keine Sklavenhalter hatten, sondern Königinnen und Könige (er lacht).

Jimi Hendrix hat einmal gesagt, der Blues sei leicht zu spielen, aber schwer zu fühlen.

Natürlich, jeder kann auf einer Gitarre zwölf Takte spielen. Aber damit die Musik wirklich wirkt, braucht es eine bestimmte Energie, und es braucht die Erfahrung, die man als Kind erduldet hat. 1941, als ich geboren wurde, warfen die Deutschen Bomben auf meine Stadt und zerstörten das Spital, in dem ich lag. Ich hatte Glück, das zu überleben. Ich habe später nachgelesen, wer diese Bomber waren, sie kamen aus dem besetzten Norwegen. Würde ich weiterrecherchieren, könnte ich vielleicht den Namen des Piloten finden, der uns bombardiert hat.

Er wurde vielleicht ein Fan von Ihnen.

Ja, genau (er lacht laut).

Trotzdem haben Sie wiederholt gesagt, dass Sie sich in Deutschland wohlfühlten, Sie haben ja mehrere Jahre dort gelebt. Das ist nicht selbstverständlich für einen Engländer Ihrer Generation.

Ich fühlte mich immer gut dort, bis mich die Polizei verhaftete und wochenlang im Hochsicherheitsgefängnis von Stammheim festhielt wegen Verbrechen gegen den Staat.

Das war wegen einer Bemerkung über die RAF, die Sie am Radio äusserten. Eine harmlose Bemerkung.

Die Verhaftung gefiel mir nicht besonders. Was mich an den jungen Deutschen beeindruckte in diesen Jahren: Sie mussten den Nationalsozialismus ihrer Eltern überwinden, in der DDR kam der Kommunismus dazu. Als Aussenseiter kam mir das ostdeutsche Regime genauso bedrückend vor. Dieselben Uniformen, dieselbe Haltung, dieselbe Humorlosigkeit. Alles sah grau aus. Und es war für die Nachkriegsgeneration in Ost und West schwer, es zu überwinden. Mit den Animals spielte ich schon 1964 in Polen, das tat niemand sonst damals. Wie das Konzert zustande kam, ist mir heute ein Rätsel.

Zurück zur Musik. Sie haben immer wieder fremde Stücke gespielt und sie dabei zu eigen gemacht. Wie muss man sich einen solchen Prozess vorstellen?

Ich verstehe mich als Interpret. Es wird immer wieder behauptet, Songschreiber seien unwillig, ihre Stücke freizugeben. Das ist Blödsinn, das Gegenteil ist wahr, weil die Autoren an der Aufführung mitverdienen. Nina Simone zum Beispiel beklagte sich darüber, dass ich «Don’t Let Me Be Misunderstood» von ihr übernahm, sie mochte unsere Version nicht, sie klang wirklich weiss, wir spielten die Nummer viel zu schnell. So gesehen kann ich ihren Standpunkt nachvollziehen.

Die letzte Frage gilt natürlich Ihrem bekanntesten Song. Können Sie jeden Abend dieselbe Energie aufbringen, um «House of the Rising Sun» wie neu zu spielen?

Nicht fünf Minuten vorher, das nicht. Aber sobald ich die Akkorde höre und die Reaktion des Publikums spüre, komme ich in Stimmung. So wie wir den Song jetzt aufführen, spielen wir die letzte Strophe als Ragtime in Erinnerung an den alten amerikanischen Süden. Wenn du ein Lied während vierzig Jahren bei jedem Konzert spielst, musst du etwas damit anstellen, oder du hörst besser auf.

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