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Sonne, Mond und Sternchenpop

In der Boulevardpresse tritt die englische Sängerin Lily Allen weit resoluter auf als auf der Showbühne. Dennoch hat ihr Auftritt am Montreux Jazzfestival mehr geboten als erwartet.

Kaum ein Popsternchen kurvt derzeit mit einem funkelnderen Schweif durch den Weltraum als Lily Allen aus Hammersmith London. Die Paparazzi reiben sich vorfreudig die zittrigen Hände, wenn die 24-Jährige vor die Türe tritt, ziemlich gross ist gemeinhin die Chance, dass da wieder einmal ein wesentliches Stück Damenwäsche verrutscht oder gar gänzlich vergessen gegangen ist. Ähnlich gross wie die Aussicht, ein absetzbares Bild zu kriegen, ist indes auch die Befürchtung, von der kleinen Dame eins auf die Fotoapparatur zu kriegen.

Die Schlagzeilen, die Lily Allen generiert, reichen von FKK-Konzertankündigungen über Lobpreisungen unsympathischer Rauschgifte und Schlägerein, sie beschimpft – dies wiederum ist halbwegs sympathisch – auf offener Bühne Sir Elton John, kauft sich im Suff einen jamaikanischen Strand oder zeigt im holländischen Fernsehen Naturwidrigkeiten an ihren sekundären Geschlechtsmerkmalen.

Bekannte Problemzonen

Zuletzt gab sie an, ihre Karriere spornstreichs an den Nagel hängen zu wollen, sobald sie sich endlich einen reichen Mann geangelt habe, und nie wird so richtig klar, wo das Kokettieren aufhört und die Dummheit beginnt oder ob hinter dieser Kampagne letztlich doch mehr ironische List und Gesellschaftskritik steckt, als viele annehmen.

So dominant Lily Allen die einschlägigen Schlagzeilen ausfüllt, auf der Showbühne des Montreux Jazzfestivals wirkt sie sonderbar verloren. Sie schlendert und bummelt über die Szenerie wie ein Teenager, dem es an der körperlichen Kondition mangelt, sein aufgewecktes Temperament auszuleben. Ganz gegensätzlich verhält es sich mit der Musik der schillernden Dame: Sie legt in der Live-Umsetzung an Wucht und Energie zu, allerdings ohne die bekannten Problemzonen verbergen zu können.

Lily Allen hat auf ihren beiden Tonträgern eine Form der Popmusik etabliert, die auf die Schnittmengen zielt. Eine Musik, die alles will, ohne alles zu beherrschen: gefallen und doch hip sein, Unanständigkeit implizieren und doch kinderzimmertauglich bleiben, in der Disco wie im Autoradio funktionieren, gleichzeitig Couleur 3 und Bravo-TV anpeilen. Es ist Musik, in welcher die Sonne und der Mond gleichzeitig scheinen, dazu werden gelegentlich noch das Neonlicht und die Discokugel angeknipst.

Breitband-Konkordanz

Auf dem Erstling «Alright, Still» hörte sich das noch angenehm kurzweilig an, immerhin stand Lily Allen dafür Amy-Winehouse-Erfinder Mark Ronson als Produzent bei, ebenso wie das Kollektiv Future Cut, das sich darauf spezialisiert hat, biedere musikalische Ideen in eine fashionable Form zu bringen. Auf der aktuellen Einspielung «It’s Not Me, It’s You» hat das Streben der Lily Allen nach künstlerischer Breitband-Konkordanz indes zur Folge, dass ihre Musik in der Endabrechnung weder richtig gefährlich noch ganz harmlos poppig ist. Ein unentschlossener Eindruck, den ihr gesamter Auftritt in Montreux hinterlässt.

Immerhin schafft es Allens vierköpfige Band, die neusten Lieder etwas aufzurauen und von ihrer biederen Radio-Ästhetik zu befreien. Auch wird gewahr, dass Lily Allen über eine durchaus reizvolle Stimme verfügt, die zwar mittig gellt, wenn sie sich Platz verschaffen muss, die aber auch durchaus lasziv zu zärteln vermag, wenn man ihr genügend Raum dazu lässt.

Geltungsbedürftige Musik

Für ein ganzheitlich einnehmendes Konzertereignis reichen diese widersprüchlichen Energien dann doch nicht aus. Und es stellt sich die Frage, ob jemandem in Sachen Geschmackssicherheit tatsächlich zu trauen ist, der ausgerechnet den letzten Britney-Spears-Hit «Womanizer» aus dem weiss Gott reichen Popmusikfundus zum Covern auswählt.

Lily Allen pflegt sich selbst als hoffnungslos geltungsbedürftig zu umschreiben. Vom selben Charakter ist ihre Musik. Mit dem bedauernswerten Unterschied, dass sie es, im Gegensatz zu ihrer Urheberin, in ihrem Geltungsdrang allen recht machen will. Lieder zu erfinden, mit denen sich aufdringliche Fotografen zusammenschlagen lassen, das müsste ihr nächstes Ziel sein.>

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