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So waren Hazel Bruggers Swiss Music Awards

Da nützten weder Goldzähne noch Hit-Medleys: Die Humoristin hat es geschafft, dass neben ihr die Pop-Aushängeschilder zu Statisten verkommen sind.

Die einzige wirkliche Gewinnerin des Abends war die Moderatorin Hazel Brugger.
Die einzige wirkliche Gewinnerin des Abends war die Moderatorin Hazel Brugger.
sma

Man stelle sich einmal Folgendes vor: Die Schweizer Musikindustrie feiert mit den Swiss Music Awards ihre grösste Sause des Jahres – und die Leute interessiert einzig und allein, was die Neu-Moderatorin Hazel Brugger Lustiges zu erzählen hat. Wir schreiben das Jahr 2020 und genau so präsentiert sich die Situation. Es scheint, als ob der grösste Popstar des Landes also gerade eine Komödiantin sei. Und dass die Musik wieder einmal dazu verknurrt ist, die Pausen zu füllen.

Hazel Brugger startet denn auch angemessen selbstbewusst in den Abend. Sie, die in Sachen Mode bisher höchstens als Trägerin wallender Unisex-T-Shirts auffällig geworden ist, hat sich zur Feier des Abends in ein Unisex-T-Shirt mitsamt Veston gewandet. Sie eröffnet mit einem kleinen Corona-Virus-Sketch-Intro und leitet – «apropos Krisensituation» – elegant zur Schweizer Musikszene über, knüpft draufgängerische Bezüge zwischen dem Kölner Karneval und dem ulkigen Goldgebiss des Wetzikon-Latinos Loco Escrito, zwischen Musikschaffenden, Kokain und Tod. Und sie erwähnt, dass die in Aussicht gestellten Live-Acts ihre Moderation nur deshalb unterbrechen würden, weil sich das Schweizer Fernsehen keinen 90-Minuten-Auftritt von ihr habe leisten können.

Bemitleidenswerter Baschi

Das ist so grossartig, dass der erste musikalische Showblock der Schweizer Problemrapperin Loredana im Vergleich fast fade ausfallen muss. Sie hat sich für ein Medley ihrer grössten Hits entschieden, so, wie man das früher in den grossen Samstagabend-Shows gemacht hat. Doch irgendwie will sich das Hitpotenzial dieser Cloud-Rap-Nummern nicht so recht erschliessen, weil Loredana – entgegen der alten Medley-Goldregel – nicht die Refrains, sondern die Strophen ihrer Songs zusammengeschnitten hat. Und die Company, von der sie sich teilweise umtanzen lässt, erreicht ebenfalls höchstens Gemeindezentrum-Jazztanzkurs-Niveau. Aber egal. Es geht hier ja schliesslich um Hazel und nicht um die Musik, die abseits der Show-Act höchstens in 10-Sekunden-Dosen verabreicht wird – oder als Einlaufmusik der Laudatoren.

Also übernimmt Hazel wieder, erinnert den bemitleidenswerten Baschi im Publikum wiederholt daran, noch nie einen Award gewonnen zu haben und lässt ihn live einen Trostpflasterstein basteln. Schon bald muss sie indes an Bligg abgeben, der gerne zwei neue Lieder vorstellen möchte. In einem davon spielt er sich als Boss der Schweizer Hip-Hop-Szene auf, verliert aber während eines Ausflugs ins Publikum derart ungünstig die Kontrolle über das Vollplayback, dass sein verbales Geprotze in ein sehr ungünstiges Verhältnis zu seiner Showperformance rückt.

Erfolg, statt Exzellenz

Mit zunehmender Dauer der Sendung wird einmal mehr gewahr, dass diese Swiss Music Awards schon rein konzeptionell nicht unbedingt dafür geeignet sind, dass sich wegen ihnen die Fernsehschweiz vor lauter Spannung auf ihrem Sofa windet. Denn ausgezeichnet wird hier auch im Jahr 13 dieser Veranstaltung nicht die Exzellenz, sondern die Erfolgselite der Schweizer Musik (was eben nicht zwingend deckungsgleich sein muss). Wer sich wirklich brennend dafür interessiert, könnte sich wahlweise jede Woche gierig die Schweizer Hitparaden-Ranglisten reinziehen oder sich die Tagesprogramme der einschlägigen Hitradios (inklusive SRF 3) anhören. Eine Fernsehshow zum Thema krankt fast notwendigerweise daran, dass es halt eben doch bloss von bedingtem nationalem Interesse ist, ob von den erfolgreichsten Alben 2019 nun jenes der Büetzer Buebe, jenes von Kunz oder das von Patent Ochsner das bessere gewesen sein könnte. Es ist berechtigterweise jenes von Patent Ochsner. Als man Büne Huber mittels einer Live-Schaltung darüber unterrichtet, bricht er tatsächlich kurz in Tränen aus.

Auch Loredana kriegt einen Preis, was toll ist, weil damit eine Dankesrede der verhaltensauffälligen Sängerin winkt. Sie war zusammen mit der Stubete Gäng und Marie Claude Chappuis in der Kategorie «Best Breaking Act» nominiert. In der Rede zeigt die Frau, gegen welche die Staatsanwaltschaft Luzern ein Verfahren wegen Betrugs, Drohung und Erpressung am Laufen hat, dass sie – wie soll man es sagen – zwar schon ein gewinnendes Wesen hat, aber nicht ganz auf die Art, wie es der Ausdruck meint.

Sie habe schon viele Preise gewonnen, dies sei jetzt nicht gerade der krasseste, beginnt sie ihr Statement – und sie freue sich, hier zu sein, obwohl es überhaupt nicht so aussehe. Und sie könne eigentlich überall wohnen, weil sie ja nun Geld habe, aber das sei gar nicht ihr Ziel. Und hätte man genau hingehört, hätte man spätestens jetzt wohl vernehmen können, wie Loredanas Imageberater nervös auf den KKL-Sesseln herumruckelten. Denn eigentlich wollte Loredana bloss erwähnen, dass sie gerne in der Schweiz lebe und sehr stolz auf diesen Preis sei. Es ist ihr nicht ganz gelungen. Gäbe es einen Award für die ungünstigste Wendung in einer Dankesrede, Loredana hätte gleich wieder als Gewinnerin antanzen dürfen.

Loco Escrito als Schlussbouquet

Was war da noch? Die Berner Brummigkeit Baze, gewinnt den von der gemeinen Schweizer Musikantenschaft verliehenen Artists Award, Stephan Eicher nimmt seinen Preis für herausragende Leistungen mit sympathischer Demut entgegen, und Loco Escrito etabliert sich immer mehr als primatolles Schlussbouquet dieser Veranstaltung. Er gewinnt schon zum zweiten Mal in Folge den Preis für den besten Hit. Und wie er glückstrunken auf die Bühne stürzt, Stephanie Heinzmann durch die Luft schleudert, den lieben Gott preist, die Liebe, die Freundschaft und seine Goldzähne, da könnte man für einen kurzen Moment tatsächlich glauben, dass dieser Preis gewordene Pflasterstein mit Materialwert von einem Franken, eben doch die ganze Welt bedeutet.

Die Gewinnerinnen und Gewinner:

Best Female Act: Stefanie Heinzmann Best Male Act: Luca Hänni Best Group: Patent Ochsner Best Album: Patent Ochsner – Cut Up Best Breaking Act: Loredana SRF 3 Best Talent: Monet192 Best Hit: Loco Escrito – Punto Artist Award: Baze Outstanding Achievement Award: Stephan Eicher Best Live Act: Hecht Best Act Romandie: Muthoni Drummer Queen Best Solo Act International: Billie Eilish Best Group International: Rammstein Best Breaking Act International: Billie Eilish Best Hit International: Lady Gaga & Bradley

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