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So klingt ein fein abgestimmter Organismus

Das Art Ensemble of Chicago wird 50 – das Label ECM würdigt das Avantgarde-Ensemble mit einer CD-Box.

Unterwegs in witzigen Welten: Lester Bowie (links) und das Art Ensemble of Chicago (1987). Foto: Anthony Barboza (Getty Images)
Unterwegs in witzigen Welten: Lester Bowie (links) und das Art Ensemble of Chicago (1987). Foto: Anthony Barboza (Getty Images)

Was für ein radikaler Mensch! Trompeter Lester Bowie, spätestens in den Achtzigern bekannt geworden mit seiner froh-experimentellen Free-Trompete als grosser Gegenspieler von Wynton Marsalis, fackelte in jungen Jahren nicht lang. 1969 verkaufte der in Chicago wohnende Jazzmusiker sein Haus und sein Bentley-Auto. Er wollte so seinen Kollegen vom Art Ensemble zeigen, dass es ihm ernst war mit dem Schritt, den er für sie plante: die Übersiedelung nach Paris.

Tatsächlich schifften sich Lester Bowie, die Saxofonisten Roscoe Mitchell und Joseph Jarman sowie Kontrabassist Malachi Favors im Juni 1969 ein nach Europa. «Wir wollten einfach nicht für den Rest unseres Lebens in denselben amerikanischen Clubs spielen», sagte Lester später über diese Zeit. An Bord hatten sie mehrere Hundert verschiedene Musikinstrumente. Darunter viele kleine Perkussionsgeräte, für die das Art Ensemble bald in ganz Europa berühmt sein sollte: Holztrommeln, Gongs, Glocken, Pfeifen, Sirenen, Congas, Klanghölzer, Rasseln. Gewicht der Instrumente insgesamt: über zwei Tonnen.

Mag sein, dass einige dieser Trommeln, Glocken, Pfeifen, die schon auf der Überfahrt nach Paris dabei waren, auch auf dem Album «Nice Guys» (aufgenommen 1978) zu hören sind. Dieses Album eröffnet den Reigen von 21 CDs, die das Label ECM unter dem Titel «The Art Ensemble of Chicago and Associated Ensembles» zum 50-jährigen Bestehen der Gruppe herausgegeben hat, inklusive knapp 300-seitigem Begleitbüchlein.

Der Geist des Kollektivs

Gerade die Alben des Ensembles für ECM, «Nice Guys», «Full Force», «Urban Bushmen» und «The Third Decade» sind besonders sprechend fürs Art Ensemble – die ECM-Jahre um 1980 waren die erfolgreichste Zeit des Art Ensembles of Chicago. Die Band tourte damals durch die ganze Welt von Frankreich bis Mexiko, von Russland bis Japan.

«Jedes einzelne Mitglied des Art Ensemble könnte für sich ein Bandleader sein», schrieb US-Jazzkritiker Nat Hentoff 1979, «doch zusammen erreichen sie einen Innovationsgrad und Intensitätspegel, der die Ausdruckskraft der einzelnen nochmals ausweitet.» Schon auf «Nice Guys» lässt sich dieser eminente Kollektivgeist des Art Ensemble nachhören. Zum einen haben fast alle Mitglieder Stücke fürs Album geschrieben. Und wo eben ein Lester Bowie, der Strassen- und Brassmusik liebte, musikalisch anders sozialisiert war als etwa der der E-Avantgarde zugetane Roscoe Mitchell, klangen die Stücke sehr verschieden. Sie bildeten einen polystilistischen Kosmos; sehr oft trafen auch schon innerhalb eines Stückes heterogenste Musikwelten witzig aufeinander. Improvisierte Spoken-Word-Beiträge, Trompeteneinlagen, urgewaltige Kollektivimprovisationen, vaudevilleartige Passagen, Zitatfetzen aus Dixieland, Reminiszenzen aus europäischer Kunstmusik – alles hatte Platz.

Das Art Ensemble spielte (und spielt bis heute) eine Gruppenmusik. Soli sind öfter nur von episodenhafter Kürze, dienen mehr als Kontrast zu kollektiv erzeugten Klängen denn als Vehikel zur Selbstverwirklichung. Die gemeinsam gehäkelten Musikstücke waren dann auch nur von den langjährigen Bandmitgliedern realisierbar – fehlte einer, wurde es schwierig: Davon berichtet im ECM-Booklet der Posaunist George Lewis, 1977 hatte er bei einer New Yorker Konzertreihe Lester Bowie zu ersetzen – das konnte nicht gelingen, «das Art Ensemble war ein ganz fein abgestimmter und ausbalancierter Organismus», erinnerte sich Lewis 2018.

Gratis Musikunterricht

Der kollektive Ansatz ging nun unmittelbar zurück auf die prägende Pariser Zeit. 1969 angekommen in Frankreich, fanden die Chicagoer längerfristig Quartier in einem Landhaus in Saint-Leu-la-Forêt, einer Kleinstadt ausserhalb von Paris. Umgeben von Kirsch- und Apfelbäumen, verbrachte das Ensemble unzählige Tage damit, als verschworene Gemeinschaft Musik zu entwickeln und einzustudieren. Man verstand sich auch finanziell als Kollektiv: Alle Einnahmen der Einzelmusiker liefen in eine Gesamtkasse – aus dieser bezahlte man dann auch alles Anfallende vom Essen bis hin zu technischem Equipment.

Dieses kollektive Selbstverständnis der Chicagoer in Paris in den Jahren 1969 bis 1971 ging wiederum auf Erfahrungen der meisten Bandmitglieder in Chicago zurück. Sie hatten sich im Umfeld des legendären Pianisten Muhal Richard Abrams bewegt. Dieser war 1965 treibende Kraft für die Gründung der sogenannten AACM (Association for the Advancement of Creative Musicians), einer bedeutenden Chicagoer Musikerkooperative. Die AACM bestärkte afroamerikanische Spieler darin, zum freien Ausdruck zu finden. AACM-Mitglieder gaben Jugendlichen aus Chicago zudem gratis Musikunterricht. Auch gab es schon einen kollektiven Selbstfinanzierungsgedanken. Leitend war bei allem Muhal Richard Abrams’ Vorstellung, «dass die Ära des Individuums der Vergangenheit angehört», so die Journalistin Valerie Wilmer.

Gleich vier Drummer

Vielleicht trägt ein solcher kollektiver Geist weit, gerade im Jazz. Das Art Ensemble of Chicago scheint es zu belegen. Noch immer spielt es dieser Tage, wenn auch in etwas veränderter Besetzung. Und vom langlebigen Spirit des Chicagoer Ensembles berichtet auch die CD-Box von ECM, wenn sie auch Alben versammelt, die nicht direkt vom Art Ensemble stammen, sondern von dessen Exponenten im Spiel mit anderen Gruppen.

Besonders schön klingt «Bells for the South Side» (2017). Es sind Mitschnitte von Konzerten Roscoe Mitchells mit verschiedenen Trios im Museum of Contemporary Art Chicago 2015. Auf eine Leinwand in den Ausstellungsraum übertragen, spielten in den Trios von Mitchell gleich vier verschiedene Drummer und benutzten die ursprünglichen Trommeln, Glocken, Pfeifen des Art Ensemble.

William Winant etwa spielte die grosse Trommel, die der 1999 verstorbene Lester Bowie geschlagen hatte, wenn er nicht im Ärztemantel seine neckische Trompete blies. Vielleicht war die Trommel ja gar die, die Bowie 1969 schon mit nach Europa genommen hatte.

ECM: The Art Ensemble of Chicago and Associated Ensembles. 21 CDs mit Booklet.Paul Steinbeck: Message to Our Folks – The Art Ensemble of Chicago. University of Chicago Press 2018, 336 S., ca. 40 Fr.

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