Wenn der echte Tod das Haus betritt, klingt alle Lyrik dumm

Wie weitersingen nach privaten Katastrophen? Phil Elverum wählt als Mount Eerie nach dem Tod seiner Frau einen radikal autobiografischen Zugriff.

Irgendwann wird ihn das Glück wieder finden: Phil Elverum singt gemeinsam mit Julie Doiron. Foto: Rin San Jeff Miller

Irgendwann wird ihn das Glück wieder finden: Phil Elverum singt gemeinsam mit Julie Doiron. Foto: Rin San Jeff Miller

Es geht ihm um den Song und nicht um ihn, den Sänger. Das schreibt Phil Elverum im Begleittext zum neuen Album «Lost Wisdom pt 2». Und natürlich möchte man diese neuen Songs, die der Amerikaner als Mount Eerie gemeinsam mit der Antifolk-Musikerin Julie Doiron aufgenommen hat, als universal gültige Trauer- und Liebeslieder hören. Sind es doch Lieder, die durch ihre karge Instrumentierung und den beiden Stimmen der beiden zu Tränen rühren.

Es sind auch Lieder, in denen zeitweise der Glaube aufblitzt, dass die Zeit der privaten Katastrophe nun hinter allem liegt und ein neues Leben begonnen hat und auch beginnen kann. Etwa dann, wenn Elverum gleich im ersten Lied singt: «Out of nowhere love returned».

Doch die Gegenwart ist trauriger, die Verzerrungen im Soundbild deuten das an. Denn seit drei Jahren kann man die Musik des 41-jährigen Phil Elverum nicht mehr vom Sänger trennen. Damals starb seine Ehefrau, die Comiczeichnerin Geneviève Castrée, kurz nach der Geburt der gemeinsamen Tochter.

Elverum veröffentlichte in der Folge zwei erschütternde Alben mit Songs, die die Trauer, die Liebe zu seiner verstorbenen Frau und das Dasein als junger Vater in Worte zu fassen versuchten. Der Hinterbliebene wählte dafür eine fast nackte Sprache, und – anders als etwa Nick Caves jüngste Traueralben – einen radikal autobiografischen Zugang. Wenn der echte Tod das Haus betritt, sang Elverum damals in seiner sanften und einnehmenden Stimme, klingt alle Lyrik dumm.

Vorbei waren damit die Zeiten, als Phil Elverum alles Private aus seiner Musik aussparen konnte. Er stand bis dahin für eine insulare und enorm einflussreiche Do-it-yourself-Musik, die er erst als The Microphones veröffentlichte. Später benannte er sich nach dem Hausberg seiner Heimatstadt Anacortes, dem Mount Eerie, während der Einfluss von Black Metal, Naturelementen, Wikingersagen und Zenmotiven in seiner Musik stärker wurde.

Wenn nun Elverum betont, dass wieder der Song und nicht er als Sänger im Zentrum des neuen Albums stehen soll, möchte er ein Stück weit Normalität herstellen und an diese Vergangenheit anknüpfen. Es ist aber nach dem Tod seiner Frau wieder etwas passiert, etwas, das zunächst Glück versprochen hat. Im Sommer vor einem Jahr wurde bekannt, dass Elverum die Schauspielerin Michelle Williams geheiratet hat. Und damit jene Frau, die nach dem Tod ihres damaligen Partners Heath Ledger alleine mit der gemeinsamen Tochter zurückgeblieben ist.

Die Ehe ist bereits wieder zerbrochen, die Tabloidzeitungen berichteten, erwähnt Elverum bitter auf dem neuen Album. Er lebt nun nicht mehr im reichen Teil von New York City, sondern er ist wieder zurück in Anacortes, jenem Fischereistädtchen am nordwestlichsten Zipfel der USA. Dort hat er mit Julie Doiron (mit der er vor zehn Jahren bereits den ersten «Lost Wisdom»-Teil aufgenommen hat) das neue Album eingespielt. Gemeinsam finden sie zu einer Sprache, die wieder ein Mehr an Metaphern bringt, zuweilen auch Zuflucht im Metaphysischen sucht.

Aber es bleiben zunächst jene nackten Zeilen hängen, in denen Elverum sein Dasein als Witwer und geschiedener Mann seziert. Etwa im Song «Widows», wenn er singt, dass er aufgewacht sei, zitternd und mit gebrochenem Herzen, und seine Hand wie Lachshaut stinke. Und er fragt sich, nur einen Song später, bei jedem Sonnenuntergang, ob es da noch einen weiteren Frühling geben werde.

Doch den Glauben an die Liebe, an das Glück auch, hat Elverum noch nicht aufgegeben. Wie er mit Julie Doiron die Zeile «I believed in love and I still do» singt, dann rückt das private Schicksal in den Hintergrund. Es ist dann schlicht einer der traurigsten und doch schönsten Lovesongs der vergangenen Jahre.

Mount Eerie with Julie Doiron: Lost Wisdom pt. 2 (P.W. Elverum & Sun)

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