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Sie suhlen sich in Sex, Drugs & Rock 'n' Roll

AC/DC veröffentlichen am Freitag ihr neues Album «Black Ice». Die gute und die schlechte Nachricht ist: Es klingt wie die alten.

Die erste Strophe des ersten Songs ist gerade zu Ende, als sich AC/DC den Fans erklären: Phil Rudd ist am Schlagzeug für ein paar Sekunden alleine zu hören. Er nutzt den Moment, da alle Ohren auf ihn gerichtet sind, um stoisch den Takt zu halten. Will heissen: So waren wir, so sind wir, und wir werden euch auch auf der neuen Platte nichts zumuten.

«Black Ice» heisst dieses neue Album, das heute, acht Jahre nach dem letzten, in die Läden kommt. Es hätten 80 oder 800 Jahre vergehen können, und die Band hätte sich trotzdem nicht verändert. Warum auch. Die Band hat es dank ihrer Beharrlichkeit von der Aussenseitertruppe, die aus der Agglomeration von Sydney kam, zum Klassiker gebracht, der in den letzten fünf Jahren, ohne Konzerte zu geben oder neue Songs zu veröffentlichen, 18 Millionen CDs verkauft hat.

Konzentrierte Triebabfuhr

Brendan O'Brien, der «Black Ice» produziert hat, gab den Songs im Vergleich zum trockenen, bluesigen letzten Album etwas mehr Schmierfett bei, wodurch der Sound der Platte da und dort an das erfolgreichste Album der Band, an «Back in Black» von 1980 erinnern. Oft sind es aber nicht einmal Nuancen, welche die neuen Songs von den alten unterscheiden – das Vokabular ist schlicht dasselbe: die simplen Songstrukturen. Die präzis ineinander greifenden Gitarren, die bei Chuck Berry gelernt haben, aus schleppenden Bluesmotiven einen vorwärtsdrängenden Rock 'n' Roll zu gewinnen.

Und dann die Texte. Die spielen im Wesentlichen zwischen dem «Schoolgirl With A Fantasy» und dem «Big Jack», der weiss: «Santa ist nicht der Einzige mit einem dicken Sack.» Das müsste, zumal aus dem Mund eines 61-jährigen Brian Johnson, peinlich berühren. Tut es aber für den nicht oder höchstens am Rande, der diese Band als das begreift, was sie spätestens seit «Thunderstruck» (1990) ist, ihrem letzten wirklich grossen Song: ein Themenpark für Sex, Drugs & Rock 'n' Roll, der so gut ausgelastet ist, dass es keinen Grund gibt, das Sujet auszuwechseln. Hier gibts Rock ohne Verzögerung und konzentrierte Triebabfuhr.

Auch mit «Black Ice» halten AC/DC ihre Fiktion von «klassischen Rock-'n'-Roll-Tugenden» aufrecht, von «purem Rock», von «Essenz». Das ist ihre «unique selling proposition» seit vielen Tagen, in denen sie alle Trends souverän haben vorbeistreichen lassen, habe es sich dabei nun um Glamrock gehandelt oder um Metrosexualität. Dass AC/DC auf ihren besten neuen Songs – «Wheels», «Black Ice» – dabei wie eine junge Band klingen, wie ausgemergelte Strassenkinder, wild und hungrig nach allem: Das ist dann doch eine erstaunliche Leistung für eine Band dieses Sättigungsgrades.

Was heisst schon Anarchie?

Überhaupt: Gerade als Dienstleister am konservativen Rockfan sind AC/DC ganz bei sich. In einem Interview mit dem britischen Magazin «Q» erzählt Gitarrist Angus Young, die Punks seien ihm immer zu gebildet, zu clever vorgekommen: «Wenn ich schon nicht verstehe, was da Anarchie bedeutet, wie soll es dann irgendein Typ von der Strasse verstehen?» Tatsächlich fusst der Erfolg von AC/DC – dieser Rockberserker, ja Satanisten! – auf grundsoliden Handwerkertugenden, und es ist kein Zufall, dass die Musiker abseits der Bühne wie ihre eigenen Bühnenarbeiter aussehen, wie oft in Berichten über die Band betont wird.

Es ist selten geworden, dass Musiker über ihre Musik genau so reden, wie sie klingt. Es geht um Kunstlosigkeit und die guten, alten, kleinbürgerlichen Handwer-kerideale: Schuster, bleib bei deinem Leisten. Oder: Wenns nicht kaputt ist, flicks auch nicht. AC/DC mögen in ihren Texten mit der Hölle flirten. Aber das ist nur ein Effekt im Themenpark. Nihilismus ist nicht Teil seiner Erzählung. Eher scheint die Band zu sagen: Wenn du dich zusammenreisst und wenn du nicht zu anspruchsvoll bist, hält die Zukunft auch für dich ein bisschen Spass bereit, das nächste Bier und das nächste Paar Titten.

So weit also nimmt auch «Black Ice» den üblichen Geschäftsgang. So ansatzlos wie ein Gitarrensolo von Angus Young blitzt im drittletzten Song, in «Rock-'n'-Roll Dream», dann aber doch eine neue Nuance auf. Nachdem sich wie üblich die «pretty women» ums Rockriff geschart haben, singt Brian Johnson unvermittelt: «Es könnte das letzte Mal sein.» Plötzlich, in ihrem 35. Jahr, umweht ein Hauch von Sterblichkeit diese erratische Band, die einst gar den Tod ihres ersten Sängers recht folgenlos überwand. Und es dräut die schlimme Einsicht: «Könnte es sein, dass ich in einem Rock-'n'-Roll-Traum lebe?»

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