Sebalter von Jurys abgestraft

Zum ersten Mal weist der Eurovision Song Contest die Jury-Resultate aus. Der Vergleich mit den Publikumsstimmen zeigt Erstaunliches.

Vergleich zwischen Telefon-Voting-Resultaten und Jury-Voting-Resultaten am Song Contest 2014. In der letzten Spalte das offizielle, zusammengerechnete Resultat.

Philippe Zweifel@delabass

Der diesjährige Eurovision Song Contest dürfte noch lange in Erinnerung bleiben. Zum einen schnitt die Schweiz überdurchschnittlich gut ab, zum anderen gab es mit der Travestiekünstlerin Conchita Wurst eine schillernde Siegerin. Auch die politische Dimension – die Buhrufe für Russland – machten den heutigen Wettbewerb speziell. Anders als sonst sind auch die transparenten Abstimmungsresultate. Zum ersten Mal legt der Veranstalter, die European Broadcasting Company, sämtliche Jury-Resultate offen. Erst vor ein paar Jahren hatte man die Landesjurys ins Leben gerufen, nachdem beklagt worden war, dass sich gewisse Völker Punkte zuschanzten. Seither werden die Punkte 50/50 per Telefon-Voting und von einer 5-köpfigen Jury pro Land vergeben.

Aus den Daten, die gestern bekannt gegeben worden sind, lassen sich interessante Schlüsse ziehen. Beginnen wir bei der Frage, wie die Jury das Schlussresultat beeinflusst beziehungsweise ob Völker und ihre Jurys unterschiedlich abstimmen (siehe Tabelle oben).

Wie man sieht, verändert sich an der Spitze wie am Schluss wenig: Wurst hätte auch durch blosses Telefon-Voting gewonnen – allerdings viel deutlicher. Und Frankreich ist so oder so das Schlusslicht. Interessanterweise gibt es dazwischen aber erhebliche Unterschiede zwischen Volksmeinung und Jury-Urteil. Die sexy Polinnen zum Beispiel liegen bei den Leuten auf Platz fünf. Und der Schweizer Beitrag von Sebalter hätte es bei einem Telefon-Voting auf Rang 7 geschafft. Umgekehrt wäre etwa Malta ohne Jury-Stimmen von Rang 5 auf Rang 25 abgerutscht.

Auffallend auch, dass die Jurys Beiträge bevorzugen, die schwierige Themen (Malta: Migration) behandeln oder zumindest auf eine sexy Präsentation verzichten (wie Frankreich, Spanien, Aserbeidschan). Die nächste Grafik verdeutlicht diesen Trend:

Viel war seit Conchita Wursts Sieg über angebliche Homophobie in osteuropäischen Staaten die Rede – die Travestiekünstlerin erhielt deutlich mehr Stimmen aus westeuropäischen Ländern. Auch hier zeigt der Vergleich zwischen Telefon- und Jury-Voting ein differenzierteres Bild, wie bereits verschiedene Blogs vermelden. Es waren nämlich vor allem die Jurys der osteuropäischen Länder, die Wurst benachteiligt haben. Zum Beispiel gerade in Russland, wo Wurst von der Jury null Punkte bekam, während das TV-Publikum ihr acht Punkte zugestand (umso irritierender, dass russische Politiker nun vor einem degenerierten Europa warnen).

Zum Schluss die Detailresultate des Schweizer Beitrags. Frappant sind hier, wie erwähnt, die negativen Jury-Votings. Von nur fünf Ländern erhielt Sebalter Jury-Punkte.

baz.ch/Newsnet

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