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Michal Nesterowicz verlässt das Sinfonieorchester Basel

Das letzte Konzert des Ersten Gastdirigenten: Akzente wurden wie Sprengsätze gesetzt, ohne dass die Musik ins Brutale kippte.

Dirigent mit Leidenschaft: Michal Nesterowicz. Foto: Lukasz Rajchert
Dirigent mit Leidenschaft: Michal Nesterowicz. Foto: Lukasz Rajchert

Das Sinfonieorchester Basel (SOB) beendet nach vier Jahren das Experiment mit einer Doppelspitze, bestehend aus einem Chefdirigenten und einem Ersten Gastdirigenten. Der Vertrag mit Chef Ivor Bolton wurde schon vor einiger Zeit bis 2025 verlängert, derjenige mit dem ständigen Gast Michal Nesterowicz läuft hingegen aus.

Das SOB will zwar nicht gänzlich auf die Dienste des relativ jungen Polen verzichten, wie es in seinem Orchestermagazin schreibt. Doch statt sich an einen Ersten Gastdirigenten zu binden, will man den Raum für verschiedene Gastdirigate öffnen. Organisatorisch ist der Schritt nachvollziehbar, er hat aber einen etwas schalen Nachgeschmack. Denn in den ersten Saisons als SOB-Chefdirigent leitete Ivor Bolton nur relativ wenige Konzerte; er hatte noch andere Termine. Wohl nicht zuletzt des­wegen wurde die Position für Nesterowicz geschaffen, die man nun, da Bolton präsenter ist, ­offenbar nicht mehr braucht.

Der international tätige Nesterowicz nahm seine Aufgabe in Basel ernst. Ein paar Dinge sind ihm missglückt, namentlich die Bruckner-Sinfonien im Münster. Viel mehr ist ihm jedoch glänzend gelungen. Unvergessen ist seine leidenschaftliche «Scheherazade» von 2017. Der Maestro führte in der Regel Werke auf, die er gut kannte – und oft auswendig dirigierte.

Energischer Abschluss

Von seiner besten Seite erlebte man ihn auch am Mittwoch im Theater Basel (und in der Zweitvorstellung am Donnerstag), wo er sein letztes Konzert als Erster Gastdirigent gab. Nesterowicz präsentierte unter anderem einen Mix aus den «Arlésienne»- und den «Carmen»-Suiten von Georges Bizet: In «Prélude & Aragonaise» staute sich die Leidenschaft tremolierender Streicher; im «Farandole»-Satz fanden energische Trommelschläge und tänzerisch verspielte Flötenmelodien zueinander; in der «Danse Bohème» wurden Akzente wie Sprengsätze gesetzt, ohne dass die Musik ins Brutale kippte.

Denn bei aller Leidenschaft liess Nesterowicz kaum je die Zügel fahren. Sie war das Ergebnis klar geführter und gegeneinander abgesetzter Orchesterstimmen. Dies erwies sich auch im ersten Konzertteil als Tugend: Das nach einem Fluss benannte Streicherstück «Orawa» von Wojciech Kilar (1932–2013) öffnete den Raum von kammermusikalischer Intimität zu mächtigen Streicherflächen; das zweite Stück, Haydns Klavierkonzert in D-Dur, kam wie eine Tuschezeichnung rüber. Solistin war die junge deutsch-japanische Pianistin Alice Sara Ott. Sie konnte es auf ihrem ­modernen Flügel zwar nicht mit dem Klangfarbenreichtum eines alten Fortepianos aufnehmen, liess dem Stück aber mit ihrer äusserst feinen Artikulation und kultiviertem Pianospiel seinen Charme.

Es gibt tiefgründigere Musik als diese Haydn-, Bizet- und Kilar-Werke. Aber mit so viel Hingabe, analytischem Geschick und sinnlicher Lust gespielt, kommt in ihnen eine stille Grösse zum Vorschein. Michal Nesterowicz – man wird ihn vermissen.

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