«Meine Musik darf heute auch einfach unterhalten»

Der Drum’n’Bass-Veteran Roni Size legt heute im Parterre auf.

Vorreiter eines Genres. Das Album «New Forms» von Roni Size gilt als Meilenstein des Drum’n’Bass.

Vorreiter eines Genres. Das Album «New Forms» von Roni Size gilt als Meilenstein des Drum’n’Bass.

BaZ: Roni Size, Sie stammen aus der Musikmetropole Bristol. Wie hat die schleichende Gentrification die Musikszene dieser einst so produktiven Stadt verändert?
Roni Size: Da fragen Sie den Falschen. Ich bin zu viel in der Weltgeschichte unterwegs, als dass ich dazu etwas Repräsentatives sagen könnte. Ich gehe selber auch nicht mehr so oft an Partys wie in meiner Jugend. Die Gentrification hat aber auch ihre guten Seiten. Dank ihr sind viele neue Gesichter nach Bristol gekommen. Seltsam finde ich es nur, dass ich einer der wenigen Menschen in der Stadt bin, der noch einen richtigen Bristol-Akzent hat.

Ihr für das Drum’n’Bass-Genre stilbildendes Album «New Forms» ist mehr als zwanzig Jahre alt. Wie viele Tracks daraus kommen in Ihren aktuellen DJ-Sets vor?
Als DJ will ich das Publikum bedienen, das meine Musik aus den 1990er-Jahren hören will; Ich habe aber auch viele neue Produktionen fertig, die ich den Leuten gerne vorführen würde. Ich löse dieses Dilemma, indem ich den Clubbetreibern ein Set mit vielen Klassikern verspreche – und neben einigen veritablen Klassikern auch Tracks auflege, die sich erst noch zu Klassikern mausern werden.

Ist es für Sie ein Problem, dass Sie auch nach so vielen Jahren auf ein einziges Genre fixiert werden? Schliesslich reicht Ihre Stilpalette heute weit über den Drum’n’Bass hinaus.
Ich stelle mich schon lange nicht mehr als Aushängeschild dieser Szene auf. Gleichzeitig arbeite ich gerne mit jungen Produzenten, die den Drum’n’Bass gerade erst für sich entdeckt haben. Für sie ist der als Sound aus einer fernen Zukunft konzipierten Drum’n’Bass etwas völlig Neues. Jetzt wollen sie diese Musik selber spielen. Solche Kollaborationen sind auch für mich sehr aufregend. Bei meinen eigenen Produktionen wage ich mich in den Tempobereich über 160 BPM vor. Dort oben gibt es kaum andere Musik: Trip-Hop, Techno, House und Dubstep steigen schon bei viel niedrigeren Tempi aus. Darum finde ich dort einen kreativen Freiraum, den ich für mich allein beanspruchen kann.

Kann man überhaupt noch zu Musik tanzen, die schneller als 160 Beats Per Minutes ist?
Sicher kann man das. Als Tänzer muss man ja nicht jeden Akzent mitmachen, der aus den Lautsprecherboxen kommt. Täte man das, sähe man wie ein Giraffenbaby aus, das gerade aus dem Leib seiner Mutter geschlüpft ist. Viel besser ist es doch, sich auf die Basslinie eines Stücks einzuschiessen: So kommt man bei jedem noch so hohen Tempo gut durch. Früher habe ich meine Musik nur für mich produziert. Mir war es lange unwichtig, was andere damit anfangen. Inzwischen sehe ich das anders. Heute darf meine Musik auch einfach unterhalten.

Michael Jacksons «Off The Wall» war die erste LP, die Sie sich im Kindesalter gekauft haben. Können Sie dieser Musik noch etwas abgewinnen?
Das kann ich sehr wohl. Die Arrangements aus «Off The Wall» haben ein grossartiges Gefühl von Räumlichkeit, dieses versuche ich in meine eigene Musik einzubringen. An «Off The Wall» gefällt mir auch, dass es das letzte richtige Michael-Jackson-Album ist, bei dem man Michael Jackson wirklich spürt. An seinen späteren Produktionen waren zu viele andere Menschen beteiligt, das hat man ihnen angehört.

Bei «Natural Thing», einem Ihrer frühen Tracks, haben Sie ein Stück der Rockband Yes gesampelt. Haben Sie sich damit viel Ärger eingeheimst?
Überhaupt nicht. Vor zwanzig Jahren wurde jedes noch so kleine Sampling als Kriminaldelikt wahrgenommen, inzwischen geht das Musikgeschäft viel lockerer mit dieser Technik um. Werde ich von einem anderen Musiker gesampelt, verstehe ich das als grosses Kompliment. Yes denken da sicher nicht anders.

Roni Size (bürgerlich: Ryan Owen Granville), geboren 1969 im westenglischen Bristol, gehört zu den ganz Grossen im Drum’n’Bass-Genre. Sein 1997 mit dem Bandprojekt Reprazent erarbeitetes Album «New Forms» gilt als Meilenstein in diesem Genre, darum ist Size aktuell auf so etwas wie einer Jubiläumstournee.

Basler Zeitung

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