«Lemmy sagte: ‹Wissen das deine Eltern?›»

Gitarrist Tommy Vetterli war mit Rocklegende Lemmy Kilmister auf Tour. Der Zürcher erinnert sich.

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Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Wie war Lemmy Kilmister backstage? Ich sah ihn kaum. Wenn er doch mal auftauchte, dann war er zurückhaltend, sehr lakonisch. Die meiste Freizeit verbrachte er wohl allein mit seinen Spielautomaten. Einmal besuchte er uns in der Garderobe. Die Freundin eines Roadies war damals sehr jung und sah noch jünger aus. Lemmy schaute sich kurz um im Raum, fixierte sie dann und sagte knapp: «Wissen das deine Eltern eigentlich, dass du hier bist?» Dann ging er wieder. (lacht) Die Saufgelage überliess er seinen Bandmitgliedern, die damals viel eher den Rock-Klischees entsprachen.

Wie blieb Ihnen die Tour in Erinnerung? Wir standen damals am Anfang unserer Karriere und durften bereits mit Motörhead auftreten. «No Sleep Till Christmas» hiess die Tour – das war schon grossartig, und dieses Gefühl ist geblieben. Ich hatte als Jugendlicher ja noch ein Poster von «Ace of Spades» in meinem Schlafzimmer aufgehängt. Video-Poker spielend in seiner Stammkneipe in Hollywood. (2. September 2003, Bild: Alexander Sibaja/Getty Images)

Was machte die Faszination Motörhead aus? Um 1980 waren Motörhead das nächste grosse Ding für mich – sie verbanden als erste Hardrock und Punk. Dieser Sound war eine Wucht, das härteste, das es zu hören gab. Heute klingts für mich relativ brav … aber damals fühlte sich das so an, als stürze eine Wand auf einen nieder.

Welchen Anteil hatte Kilmister mit seinem eigenartigen Bass-Spiel? Seine ungewöhnliche Technik – er nutzte den Bass wie eine Gitarre mit Plektrum und extremer Verzerrung, spielte auch Akkorde – war sicher ein wichtiges Element dieses wuchtigen Sounds. Mindestens so wichtig war der Schlagzeuger, der als einer der ersten die Doublebass einsetzte. Ausserdem waren sie so unglaublich laut, da konnte man sich nicht einmal backstage unterhalten. (lacht)

Wie entwickelte sich Motörhead nach der Tour weiter? Nach dem Ausscheiden des ersten Gitarristen Fast Eddie Clarke wurde der Einfluss des klassischen Rock ’n’ Roll immer stärker. Das hat mich persönlich mit der Zeit nicht mehr allzu sehr interessiert.

Bandfoto 1978 mit Fast Eddie Clarke, Lemmy und Phil Taylor (v.l.n.r) (Bild: Keith Morris/Redferns/gettyimages)

Warum sammelte er eigentlich Nazi-Memorabilien? Das habe ich mich ebenfalls gefragt, das fand ich auch seltsam. Lemmy war sicher kein Nazi, er interessierte sich wohl für die pure Ästhetik. Es gibt ja auch andere Rocker, die solche Dinge sammeln. Der frühere Slayer-Gitarrist Jeff Hanneman etwa, andere Amis auch. Aber im Gegensatz zu diesen konnte man beim gebildeten Lemmy sicher sein, dass er um die Gräuel der Nazis wusste. Wie gesagt, es war wohl die Ästhetik.

Wie erklären Sie sich die Aura, die Kilmister bis zuletzt umgab und zum begehrten Gesprächspartner machte? Das ist einfach: Er blieb authentisch und sagte offen seine Meinung. So was ist heute rar, die Sehnsucht danach entsprechend gross. Er verkörperte als einer der Letzten den unverfälschten Rock ’n’ Roll. Dieser hat nichts mit Gepose und Gebrülle auf der Bühne zu tun, wie viele heute meinen – sondern mit einer grundsätzlichen Haltung zum Leben.

Mehr BilderEine Würdigung der Rock-’n’-Roll-Ikone im Fotoblog Zoom.

baz.ch/Newsnet

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