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«Kein Computer, kein Handy, kein Internet, das wärs»

Parallel zum Start des Kinofilms «Im Sog der Nacht» feiert Nils Althaus morgen den Auftakt seiner «Ändlech»-Tournee: Der Berner Schauspieler und Liedermacher über Freud und Leid seiner Doppellaufbahn.

«Meine ‹Ändlech›-Tournee startet am gleichen Tag wie mein neuster Film. Das ist purer Zufall, ich persönlich hätte das nicht so getimt. Zwei Chancen, kulturell wahrgenommen zu werden, auf einen Schlag. Das ist wie Geburtstag an Weihnachten und nur ein Geschenk. Viele Vorteile hat dieses Timing nicht. Ausser vielleicht, dass es aussieht, als wäre der Althaus auf einen Schlag extrem produktiv.

Dabei sind die beiden Projekte, der Film und die CD, zeitlich gesehen weit voneinander entfernt. ‹Im Sog der Nacht› ist längst abgedreht, und die Vorpremiere hat auch schon stattgefunden. Bei meinem musikalischen Programm hingegen fängt die Arbeit erst richtig an. Die CD ist da, und ich trage die volle Verantwortung für den Ablauf von Plattentaufe und Tournee. Ich habe die hundertprozentige künstlerische Kontrolle und Freiheit. Da hat nichts anderes Platz in meinem Kopf.

Sehnsucht nach Distanz

Natürlich kommt in solch betriebsamen Zeiten einiges zu kurz. Zum Beispiel habe ich seit Monaten keinen einzigen Liedtext geschrieben. Das Schreiben ist unmöglich, wenn ich so viel um die Ohren habe. Oft sitze ich den ganzen Tag am Computer: Mails beantworten, mit meinem Management telefonieren, hin und wieder mal ein Bild auf die Website laden – das sind alles geschäftliche Dinge, die so leicht Überhand gewinnen können. Diese organisatorische Welt ist extrem nah, es gibt kein Hindernis dazwischen. Zum Schreiben aber brauche ich Ruhe, Distanz von dem ganzen Rummel.

Früher schrieb ich meine Lieder, wann immer ich Zeit und Lust hatte. Heute kann ich das nicht mehr, ich muss mir bewusst Raum dafür schaffen. Kreativ sein bedeutet manchmal auch, stundenlang irgendwelchen Gedanken nachhängen zu können. Ehe man zur Ruhe kommt, muss man erst einmal die Liste der unerledigten Dinge verbrennen. Kein Computer, kein Handy, kein Internet, das wärs. Manchmal überlege ich mir ernsthaft, einen Monat in die Berge zu gehen, allein, nur ich, meine Gitarre, Papier und ein Bleistift. Einfach mal weg von diesem täglichen Bestreben, nichts zu vergessen oder zu verpassen.

Auf der Bühne kann ich mich nicht verstecken, da bin ich mich selbst. In meinen Liedern zeige ich meine wortverliebte, schelmische, humorvolle Seite. Im Film ist das hingegen anders. Meine bisherigen Rollen waren meistens nachdenklich. Trotzdem könnte ich nicht sagen, dass ich im Film meine ernste Seite auslebe. Viel eher spiele ich mit anderen Eigenschaften und Figuren. Das liebe ich: In eine vorgegebene Rolle zu schlüpfen und zu wissen, dass das, was die Rolle vorschreibt, immer richtig ist, hat etwas unglaublich Befreiendes.

Reaktionen auf Mehrspurigkeit

Keine Frage, ich brauche beides, die Musik und die Schauspielerei. Vor allem wegen der Abwechslung, wegen den unterschiedlichen Arbeitsprozessen. Wenn ich lange Zeit im stillen Kämmerlein Musik mache, bekomme ich irgendwann wieder Lust auf die Arbeit im Team. Die Kombination von Musik und Schauspiel ist mir viel mehr wert als die Summe der Einzelteile. Wenn ich nur eine Laufbahn verfolgen könnte, würde mir etwas fehlen.

Innerhalb der Künstlerszene sind die Reaktionen auf diese Mehrspurigkeit gut. Die Castingleute freuen sich, dass sie mit mir nicht nur über Schauspielerei reden müssen, sondern auch mal etwas von einer anderen Branche mitkriegen, von der Musik oder der Biochemie, die ich ursprünglich studiert habe. Umgekehrt habe ich auch mit der CD ‹Ändlech› versucht, neues Land zu erkunden. Das Album geht in Richtung Kleinkunst und Kabarett.

Die Kleinkunstwelt und die Kinowelt begegnen sich nicht allzu oft. Ich finde das spannend. Es gibt Leute, die tun, was sie schon immer getan haben – solange, bis sie denken, das sei das einzig Richtige für sie. Bei mir ist es anders. Ich denke immer, egal, was ich mache, Hauptsache, ich mache es mit Leidenschaft und Hingabe. Ich könnte mir vorstellen, auch noch eine ganz andere Richtung einzuschlagen. Ernstere, dunklere Mu-sik zu machen, Theater zu spielen oder ein Drehbuch zu schreiben. Während meiner Tournee stehen jedoch meine Lieder an erster Stelle. In ihnen stecken mein Herz und meine Person. Und trotzdem wird der Moment kommen, an dem es mich wieder woanders hinzieht. Ich glaube, ich werde ein Leben lang auf der Suche sein – eigentlich ein beruhigender Gedanke.

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