«Ich war immer schon stilschizophren»

Der amerikanische Jazz-Saxofonist bringt sein Bandprojekt James Farm nach Basel.

Offen für alles. Joshua Redman nimmt sein Saxofon auch gern auf Ausflüge in Klassik, Funk und Rock mit.

Offen für alles. Joshua Redman nimmt sein Saxofon auch gern auf Ausflüge in Klassik, Funk und Rock mit.

(Bild: Michael Wilson)

BaZ: Guten Abend, Joshua Redman. Oder sollte ich besser «Guten Morgen» sagen? Sie haben schliesslich einen langen Flug von West nach Ost hinter sich und spüren bestimmt die Zeitverschiebung.
Joshua Redman: «Guten Abend» ist schon richtig. Gestern war ich noch an der Westküste der USA, seit heute Morgen halte ich mich in …(überlegt kurz) … Göteborg auf.

Man liest, dass Sie am liebsten am Klavier komponieren. Warum fehlt dieses Instrument denn bei vielen Ihrer Studio- und Live-Projekte?
In der Vergangenheit hatte ich tatsächlich Trio- und Quartettbesetzungen, bei denen kein einziges Harmonieinstrument dabei war. So etwas ist natürlich ungewöhnlich. Gleichzeitig hat der Verzicht auf das Klavier eine ungemeine Freiheit ins Spiel dieser Formationen gebracht, die sonst gar nicht möglich wäre. Umgekehrt mussten wir die musikalischen Einschränkungen akzeptieren, die eine pianolose Besetzung mit sich bringt. Nach Basel komme ich aber mit einer Formation namens James Farm, dort ist sehr wohl ein Pianist im Spiel.

James Farm sind ein Kollektiv gleichberechtigter Komponisten und Instrumentalisten. Ganz anders ist es bei Ihrem aktuellen Album «Still Dreaming». Dort stehen Sie ganz klar im Mittelpunkt.
Das ist korrekt. Abgesehen davon orientieren sich James Farm auch an Genres weitab des Jazz, da sind auch Elemente aus der sogenannten Electronica dabei. Die Band hat Ähnlichkeiten mit The Bad Plus, mit der ich auch schon zusammengespielt habe. Nur gehen James Farm nicht ganz so weit, dass wir wie eben The Bad Plus klassische Werke wie Igor Strawinskys «Die Frühlingsweihe» für den Jazz erobern müssen.

Sie wechseln ungemein schnell zwischen verschiedenen Projekten, Ansätzen und Bandbesetzungen. Tun Sie das freiwillig oder aus einem finanziellen Zwang heraus?
Die Zeiten sind lange vorbei, als ich mit Konzerten so viel verdient habe, dass ich eine eigene Band unterhalten konnte. Die vielen Auftrittsmöglichkeiten, die ich um die Jahrtausendwende hatte, gibt es heute nicht mehr. Mit James Farm sind wir jetzt drei Wochen lang auf Europatournee, was inzwischen schon als ziemlich lang gilt. Die schwierige Situation für Jazz-Musiker hat mich dazu gezwungen, Multi-Tasking zu betreiben. Was den Vorteil hat, dass meine verkrusteten Gehirnwindungen ständig von frischer Musik durchgespült werden. Aber ich war schon immer ein bisschen stilschizophren: Ich höre sogar aus den Rocksongs einer Led Zeppelin eine gewisse Funkyness heraus, darum habe ich diese Stücke auch immer wieder selber interpretiert.

Das Blatt kann sich aber auch schnell wenden. Vor drei Jahren hat Andy Sheppard in dieser Zeitung die desolate Lage der britischen Jazz-Szene beklagt. Mittlerweile berichten die englischen Medien von einer einheimischen Jazz-Explosion.
Ich bin zwar viel auf Tournee, aber ich kann nicht behaupten, eine Autorität auf dem Gebiet des globalen Jazz zu sein. So viel kann ich aber sagen: Der Jazz bewegt sich heute auf einem sehr hohen Niveau. In jedem Land gibt es spannende Exponenten dieser Musik. Ob sich diese zusammenfinden und eine Szene bilden, ist eine andere Frage.

Die grosse Verfügbarkeit von Musik im Internet hat die ganze Musikbranche durcheinandergebracht. Trauern Sie den alten Zeiten nach, als es noch eine finanzkräftige Plattenindustrie gab?
Das alte Geschäftsmodell war sicher nicht über jeden Zweifel erhaben. Bis zu einem gewissen Grad hat es aber doch funktioniert. Wenigstens haben die Plattenfirmen damals noch kräftig in den Jazz investiert. Das geschieht kaum noch. Jetzt ist die ganze Industrie auf der Suche nach neuen Wegen, um irgendwie über die Runden zu kommen.

Es wird oft behauptet, dass die Künstler über Streaming-Dienste wie Spotify ein neues Publikum erreichen. Profitieren Sie als gestandener Musiker von den neuen Vertriebskanälen?
Für die Jazz-Nerds sind Internet-Plattformen wie Youtube natürlich grossartig, weil sie dort obskure Studio-Aufnahmen und seltene Konzertmitschnitte entdecken. Das grosse Problem beim Streaming sind aber die lächerlich kleinen Geldbeträge, die an die Musiker weitergereicht werden. Ich habe selber ein Konto bei Apple Music, aber ich kenne mich bei den verschiedenen Plattformen nicht so gut aus. Darum kann ich nicht sagen, ob Tidal seine Künstler für die Verwendung ihres geistigen Eigentums wirklich besser entlohnt, als der Branchenführer Spotify es tut.

Gleichzeitig böte das Streaming doch die Chance, dass Menschen den Jazz kennenlernen, die sonst durch sein elitäres Image abgeschreckt werden.
Ich kann nicht dagegen sein, dass immer mehr Menschen einen besseren Zugang zu immer mehr Musik haben. Ich frage mich aber, ob man sich wirklich mit der Materie auseinandersetzt, wenn einem die ganze Populärmusik der letzten 100 Jahre auf dem Silbertablett präsentiert wird. Wenn ich in meiner Jugend eine Platte gekauft habe, dann habe ich mich wochenlang mit dieser einen Platte beschäftigt. Das kommt beim Streaming viel weniger vor.

Wird der Jazz als Bastion einer Underground-Kultur weitab des Mainstreams heute als brisanter wahrgenommen als zu seiner kommerziellen Blütezeit?
Jazz hat eine eingebaute Aktualität, weil diese auf Improvisation beruhende Musik in dem Moment entsteht, in dem sie vor einem Publikum gespielt wird. Eine grössere Aktualität kann ein Genre doch gar nicht haben.

Ich meinte «brisant» eigentlich insofern, als dass Jazz schon immer mit Ausdrucksfreiheit und Selbstbestimmung zu tun hatte. Darum bietet er sich als Träger von politischen Inhalten an.
In einer Band muss man verhandeln können, damit überhaupt Musik entstehen kann. Man muss sich auf eine Konversation mit anderen Menschen mit anderen Ansichten und Überzeugungen einlassen können, und um diesen Dialog führen zu können, muss man selbst gut zuhören können. Jetzt, da die Menschen sich immer mehr in ihren Echokammern vergraben, wo sie nur das zu hören und zu sehen bekommen, was sie hören und sehen wollen, hat diese Offenheit eine besondere Brisanz. Jazz hat zwar mit starken Persönlichkeiten und solistischen Eigenleistungen zu tun, diese müssen aber im Gefüge eines Kollektivs funktionieren. Das macht ihn zu einem Modell für eine funktionierende Gesellschaft.

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt