Hitzewelle trifft Kastagnettenfeuer

Jordi Savall und das La-Cetra-Barockorchester spielen «Nachtmusik und Fandango» – Nina Corti tanzt.

Tänzerin Nina Corti (Mitte) und das La Cetra Barockorchester lassen sich in der Basler Martinskirche feiern.

Tänzerin Nina Corti (Mitte) und das La Cetra Barockorchester lassen sich in der Basler Martinskirche feiern.

(Bild: Stefan Burkhardt)

Simon Bordier

Einmal die Arme in den Brunnen auf dem Basler Martinskirchplatz tauchen, Hals und Nacken nässen, einen grossen Schluck aus der Wasserflasche nehmen – und dann ab in die Wärme der Martinskirche, wo die Geigen flirren, die Trommeln tosen, die Kastagnetten knistern.

Das Hitzeprogramm mit dem Titel «Nachtmusik und Fan­dango» ist für das erschlaffte menschliche Gehirn allein nicht zu schaffen; alle Glieder sind gefragt, es geht ums Tanzgefühl. Darauf legt es der musikalische Leiter an diesem frühen Sonntagabend, der Dirigent Jordi Savall, zum Glück auch an.

Es handelt sich nach 2001 und 2003 um die dritte Zusammenarbeit des Basler Barockorchesters La Cetra mit dem Musik­forscher und Gambenvirtuosen, der lange an der hiesigen Schola Cantorum lehrte und 2013 mit einem Ehrendoktor der Uni Basel bedacht wurde.

Musik fliesst wie von selbst

Schon erstaunlich, wie treff­sicher und sensibel der Maestro Akzente setzt und damit die Musik wie von selbst zum Fliessen bringt. La Cetra – unter seinem Chefdirigenten Andrea Marcon oft Extreme suchend – spielt nun ebenso wach wie entspannt.

Im Wechsel der Streichergruppen wird in der «Música ­sinfónica dividida» des Spaniers Rodriguez de Hita eine grosse Geschmeidigkeit spürbar; die Konzertmeis­terin Eva Saladin schmückt Mozarts «Serenata notturna» mit hauchzarten Vorschlägen und Kadenzen aus; in der «Kleinen Nachtmusik» entschweben zwanzig Streicher traumwandlerisch über harmonische Rückungen hinweg.

Auffallend ist die Tiefenwirkung. Die Musiker sind so im Chorraum aufgestellt, dass sich ein luftiges Pingpong von ersten und zweiten Geigen oder auch von Tutti und Solisten entwickelt. Selbst harte Klangbrocken werden integriert. Namentlich in der «Serenata notturna» fühlen sich Bassist Federico Abraham und Perkussionist Philip Tarr zu Höherem berufen, knüpfen an die zarten Kadenzen Saladins an und wirken dabei wie Elefanten im Porzellanladen – köstlich.

Ein Feuer aus Kastagnetten

Ein Bratschist, der sein Ins­trument lustig bellen lässt, betritt die Bühne und führt in die Welt von Boccherinis «Musica notturna di Madrid». Ein ein­faches Stück, laut Savall «Strassenmusik», die aber eine starke Poesie entfaltet.

Höhepunkt ist Boccherinis Gitarrenquintett Nr. 4, das ebenfalls in grosser Besetzung gespielt wird. Im letzten Satz, dem bekannten «Fandango», lassen es die Streicher und die Solo­gitarre rhythmisch knistern. Die Interpretation wirkt gleichwohl ein wenig gediegen – wäre nicht wieder etwas Strassenlärm angebracht? Savall und La Cetra warten darauf, dass die Tänzerin Nina ­Corti erscheint: Aus dem Gitarrenknistern entfacht sie mit ihren Kastagnetten ein Feuer, im Chorraum hallt das Klicken und Klacken mächtig wider. Leicht erhöht hinter dem Orchester, vollführt Corti anmutige Bewe­gungen, wirkt wie eine Erscheinung über flimmerndem Asphalt.

Mit einem ausgelassenen Rondo entlassen La Cetra und Jordi ­Savall das Publikum aus der ­tropisch warmen Kirche in die Sahara-­Hitze. Das wars wert.

Basler Zeitung

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