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Heilige, Cowboys und ein Geist mit Gitarre

Hollywood liebt sie, und sogar in Weltraumkapseln wird ihre Musik gespielt: Jetzt legt die Band Calexico ihr neues Album «Carried to Dust» vor.

«Musik für jeden (guten) Geschmack» verspricht die Jukebox in der Hotelbar. Gespielt aber wird live. John Convertino streichelt die Trommelfelle und wippt mit dem Fuss. Joey Burns, ein Geist mit Gitarre, schaut entrückt und haucht die Worte so, als dürften sie nicht gehört werden. Er singt von gekappten Wurzeln und falschen Identitäten. Bilder von Heiligen und Cowboys, spanischen Eroberern und Dämonen schieben sich dazwischen, von Madonnen der Kirche und des Konsums, von Geschäftshochhäusern und Maschinenwracks. Von «zwei Welten in Not» ist im Refrain die Rede.

«Two Silver Trees» heisst das Stück zum Videoclip, «Carried to Dust» die neue Platte von Calexico. Frei übersetzt: Alles wird Staub. Die Wüste klingt in diesem Titel an, und wer einen religiösen Unterton zu vernehmen glaubt, liegt auch nicht falsch. «Jede Musik ist spirituell», glaubt John Convertino, die eine Hauptperson von Calexico, «und wenn Kirchgänge zu deiner Jugend gehört haben, zeigt sich das später in deiner Arbeit wieder.» Convertino hat einst die Gospelgruppe seiner Mutter und Geschwister begleitet und gelernt, sich als Schlagzeuger zurückzunehmen. Die Geistlichen erlaubten nur leises Trommeln. Das hört man noch heute.

Nur einmal, vor zwei Jahren bei den Aufnahmen zu «Garden Ruin», ist er lauter geworden. «Garden Ruin» war ein Album der Empörung und der Sorge um den Garten Eden. «Ich will alles niederreissen und neu aufbauen», hiess es da gemünzt auf die politischen Lage in den USA. Der Irakkrieg war ebenso Thema wie der religiöse Fundamentalismus und der fehlende Wille der Administration Bush, mehr für die Umwelt zu tun. Den Zorn bündelten Calexico in festere, direktere Liedstrukturen. Es hat nicht richtig funktioniert.

Der Clash der Kulturen

«Carried to Dust» markiert eine Rückkehr. Von Dur zu Moll, von einem stromlinienförmigeren und krachigeren zu einem wieder breiten, sanften Sound. Der zornige Ton ist einem melancholischen gewichen. Von Kälte, Angst und Tod ist die Rede. Aber auch vom Herzklopfen und dem Willen zu (Über-)Leben. «Vieles auf der Platte basiert auf Tour-Erfahrungen, die wir im Studio in langen Improvisationen personalisiert haben», sagt Convertino. Zwei Lieder handeln von den Geistern des Pinochet-Regimes in Chile, eines von Globalisierungsverlierern in Moskau. Geblieben sind die Echos auf die Migration von Süd nach Nord.

Grenzmusik haben Burns und Convertino ihre Kompositionen schon genannt. «Wenn du nahe der Grenze wohnst, ist das Zwitterdasein selbstverständlich», so Convertino. «Du willst erleben, wie sich das Fremde anfühlt.» Calexico lassen die Welten still kollidieren, im schläfrigen Ton des US-Südwestens. Der flirrende Gitarrensound des Spaghetti-Westerns tritt in einen Dialog mit Mariachi-Melodien, dann trifft Country auf Jazz und Latin auf Dub. Neu schiebt sich zwischen Glockenspiel, Marimba und Banjo auch mal eine chinesische Zither. Die Guzheng flirtet alsbald mit der Cuatro, einer venezolanischen Gitarre. Es ist der Clash der Kulturen, der globalisierte Klang der Frontier.

Convertino spricht von «Dazwischenorten». Da fühlt er sich am wohlsten. Auch im Aufnahmeprozess geniesst er jene Momente besonders, wenn die Musiker erst eine ungefähre Ahnung haben, in welche Richtung ein Lied gehen soll. Und so sind auch die Bilder, die immer schon da sind, wenn Calexico spielen, schemenhaft. Sie flimmern wie heisse Luft über dem Asphalt, imaginäre Reisefotos, Schnappschüsse von Seelenwanderungen quer durchs Pop-Universum. «Unsere Musik ist ein Geschmacksverstärker», sagt Convertino, «zugleich heimelig und unheimlich.» Die Texte werden dem immer ähnlicher, sind fragmentierter denn je. Joey Burns zurückgenommener Gesang funktioniert oft fast instrumental.

Es sind Lieder im Schwebezustand, die den Traum vom Glück spazieren fahren, die Ahnung eines Schattens aber stets mit sich tragen. Das gefällt auch Hollywood. Demnächst werden Calexico Taylor Hackfords Film «The Love Ranch» vertonen. Auf dem Soundtrack des Bob-Dylan-Biopics «I'm Not There» war die Band gleich fünf Mal vertreten. Der Transfer verläuft auch umgekehrt: «The Ballad of Cable Hogue» heisst ein Calexico-Stück in Anlehnung an den gleichnamigen Western von Sam Peckinpah. Auf dem neuen Album gibts die Nummer «Contention City». In dieser Geisterstadt in Arizona kommt es in beiden «3:10 to Yuma»-Western zum grossen Finale. «Wir mögen solche Spielereien», erklärt Convertino, «Ironie aber ist nicht unser Ding.» Was er meint: Die Arbeit mit musikalischen Klischees ist Teil des Geschäfts, dient aber nur dazu, das Hybride zu erforschen und in Sound zu übersetzen.

Die Grenze im Weltall

Im September werden Calexico in ihrer Heimatstadt Tuscon, Arizona, zusammen mit den Mariachis von Luz de Luna an einer Wahlveranstaltung für die demokratische Kongressabgeordnete Gabrielle Gifford spielen. Es ist auch ein Dankeschön dafür, dass Gifford im Juni den Calexio-Sound ins All geschickt hat. Die Politikerin hat das Stück «Crystal Frontier» als Wecknummer für ihren Mann ausgewählt, den Shuttle-Kommandanten Mark Kelly. Der nach dem Astronauten John Glenn benannte John Convertino weiss noch immer nicht, ob er das grossartig oder seltsam finden soll. Schliesslich geht es in «Crystal Frontier» um eine ganz andere Grenze. Inspiriert vom gleichnamigen Buch von Carlos Fuentes, verhandelt das Lied die kulturelle Entwurzelung der Grenzgänger zwischen Mexiko und den USA. «Zwei Welten sind in Not», singt Joey Burns in der Hotelbar.

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