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Harter Widerspruch, gut abgefedert

«Songs Of Experience», das lange überfällige neue Album von U2. Es ist erfrischend, diese Band nach langer Zeit wieder in akzeptabler Form zu begegnen.

Im Zwielicht der Paradise Papers. U2-Sänger Bono (2. v. l.) ist mit Negativwerbung konfrontiert. Aber immerhin: Als Band funktionieren U2 nach langer Zeit wieder ziemlich gut.
Im Zwielicht der Paradise Papers. U2-Sänger Bono (2. v. l.) ist mit Negativwerbung konfrontiert. Aber immerhin: Als Band funktionieren U2 nach langer Zeit wieder ziemlich gut.
Anton Corbijn

U2 sind Meister im Selbstmarketing. Vor jeder weiteren Albumveröffentlichung tritt die irische Stadionband ein regelrechtes Werbegewitter los, dabei betritt sie oft multimediales Neuland. 2014 schalteten U2 «Songs Of Innocence» für alle Kunden des Apple-Konzerns zum Nulltarif frei – und zogen so die grösste Albumveröffentlichung der Musikgeschichte ab.

Das Echo auf diese digitale Gratis-Aktion fiel gemischt aus. Viele Nutzer ärgerten sich darüber, Musik auf ihre Geräte geladen zu kriegen, die sie gar nicht haben wollten. Einigen davon war bis anhin gar nicht bewusst gewesen, dass Apple derart tief in ihre persönlichen Daten eingreifen konnte. U2 zeigten sich bald reuig. Es sei fehlgesteuerter Idealismus gewesen, der die Band zu ihrer Tat bewegt hatte, so Sänger Bono. Über die Höhe der Zahlung, die die Band als Gegenleistung von Apple erhalten hatte, schwieg er sich aus.

Wenig später liessen U2 durchblicken, dass auf «Songs Of Innocence» das Komplementärwerk «Songs Of Experience» folgen würde. Allerdings zog sich die Arbeit daran immer weiter in die Länge. Als der Veröffentlichungstermin endlich auf den 1. Dezember (dem Welt-Aids-Tag) festgelegt wurde, war «Songs Of Experience» mehr als ein Jahr überfällig. Das nicht zuletzt, so Bassist Adam Clayton im Interview mit Rolling Stone, weil die Band nach Brexit und Trump die veränderten politischen Gegebenheiten in ihren Songs wiedergeben wollte.

Peinliche Enthüllung

Die mediale Einstimmung auf «Songs Of Experience» verlief zunächst in gelenkten Bahnen. Die Single «You’re The Best Thing About Me», eine Mischung aus Garagen-Rock und Supermarkt-Pop, erschien Anfang September und fiel nicht weiter auf. Parallel dazu tauchte ein Live-Video des Songs «The Blackout», ein finsteres Gedankenexperiment zum Thema Internet-Kollaps, bei Facebook auf.

Bis Bono Anfang November in den Paradise Papers erwähnt wurde, schien die Werbekampagne um «Songs Of Experience» auf Kurs. Nach dem 5. November ist nichts mehr, wie es war. Bono, seit dem Kauf eines Facebook-Anteils von 1,5 Prozent Milliardär, soll zwecks Steueroptimierung ein Netzwerk an Briefkastenfirmen aufgebaut haben. Für den engagierten Afrika-Aktivisten, der zahlreiche Regierungschefs dafür angeprangert hatte, Staatsvermögen in Steueroasen zu verstecken, war diese Enthüllung äusserst peinlich.

Die Negativwerbung kommt für U2 zu einem denkbar schwierigen Zeitpunkt. Nach den auf allen Fronten enttäuschenden «Songs Of Innocence» muss sich die Band kreativ wieder beweisen. Trotz dieser Herausforderung, die eigentlich ein Ansporn sein müsste, ist «Songs Of Experience» kein grosser Wurf geworden.

Die Gründe dafür haben bei U2 Geschichte. Weil der Band der Mut oder der Wille fehlt, keine Rücksicht auf kommerzielle Befindlichkeiten zu nehmen, ist «Songs Of Experience» ein durchzogener Mix aus Kniefällen vor dem Mainstream (das eingangs erwähnte «You’re The Best Thing About Me»), Variationen mit dem klassischen U2-Sound der 80er-Jahre (die zweite Single «Get Out Of Your Own Way») und neckischen Bagatellen wie der Rock’n’Roll-Nummer «The Showman (Little More Better)». Gegen alle Vorbehalte, die man gegen den Grossinvestor Bono einbringen kann, ist er als Sänger das bestechende Element an «Songs Of Experience». Vom filmischen Eröffnungsstück «Love Is All We Have Left» an scheint Bono meistens nur für sich zu singen, so schafft er eine einladende Intimität. Gibt er seine Zurückhaltung auf, wird er zum Marktschreier. «Lights Of Home», ein gar gewöhnlicher Song mit «Hey, Jude!»-Coda ist dafür ein frappantes Beispiel.

Erst im zweiten Drittel gewinnt «Songs Of Experience» an Fahrt. Das gloriose «American Soul», eine ironisch gewürzte Attacke auf das Weisse Haus, wurde klar vom Rock der Queens Of The Stone Age inspiriert, von ihrem grollenden Sound, ihren klobigen Riffs und der Verschmitztheit des Lead-Gesangs. Bono freut sich ob dieser schamlos wuchtigen Nummer, bei der die ganze Band lustvoll reindreschen darf. So nah am Heavy Metal waren U2 selten.

Akzeptable Form

Zum ersten Mal seit «All That You Can’t Leave Behind» (2000) klingen U2 wieder wie eine Band. Adam Claytons markige Bassparts und Larry Mullens draufgängerisches Schlagzeugspiel werden nicht unter Keyboardklängen begraben, Gitarrist The Edge hält sich mit Overdubs zurück. Wo der grosse Stilist früher Arrangements aus Soundschichten aufgebaut hatte, lässt er bei Songs wie der Post-Punk-Nummer «Red Flag Day» eine einzelne Gitarre stehen.

In den Songtexten geht es – «Love Is All We Have Left» ist sozusagen die Ouvertüre – um Liebe in ihren verschiedenen Aggregatzuständen. Dabei scheint es oft nur um die Beziehung zwischen Bono und seiner Ehefrau Alison zu gehen. Ergriffen singt er von Todesängsten und Heimkehr («Lights Of Home»), von gegenseitiger Entfremdung («Landlady») und von Selbstsabotagen («Get Out Of Your Own Way»).

Manchmal gelingt es Bono, die privaten Spannungen in einen politischen Kontext zu stellen. In «Summer Of Love» findet die syrische Stadt Aleppo Erwähnung, was dem sonnigen Stück einen finsteren Anstrich verleiht.

Es sind Details wie dieses, die «Songs Of Experience» aus U2s durchzogenem Spätwerk herausheben. Das enge Zusammenspiel der Bandmitglieder trägt das Übrige dazu bei. Es ist erfrischend, diese Band nach langer Zeit wieder in akzeptabler Form zu begegnen, auch wenn die letzten Wochen einen gelehrt haben, ihr als Weltunternehmen zu misstrauen.

Aber: Wer das bis jetzt tat, hat ohnehin einen bewundernswerten Grad an Naivität bewiesen. Bono hat schon immer Wasser gepredigt und Wein getrunken, das tut er auch nach vierzig Jahren Bandgeschichte immer noch.

U2: «Songs Of Experience», Universal.

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