Einer kapselt sich ab – Bon Iver in Montreux

Mit Eremitenfolk-Songs wurde Justin Vernon berühmt. Mit seiner Band Bon Iver hat er aber längst anderes im Sinn, wie das Konzert am Montreux Jazz Festival zeigte.

Fotografen waren in Montreux nicht zugelassen: Justin Vernon. Foto: Cameron Wittig & Crystal Quinn

Fotografen waren in Montreux nicht zugelassen: Justin Vernon. Foto: Cameron Wittig & Crystal Quinn

Er hat sich in seinen frühen Songs einst in die Wälder und die Holzhütte verabschiedet. Dort, wo ihn niemand finden konnte, schon gar nicht seine Ex-Freundin, für die er 2007 sein Debüt «For Emma, Forever Ago» geschrieben hat. Doch Justin Vernon alias Bon Iver hatte stets mehr im Sinn, als einfach naturbelassene Folkballaden für eine neue Innerlichkeits-Aussteiger-Generation zu singen: Gut hörbar war dies bereits an seinem Einsatz der vielgescholtenen Stimm-Korrektur-Software Auto-Tune, die seiner Kopfstimme etwas Hybrides und Künstliches verliehen hat. Spätestens 2016 und seinem letzten Album «22, a Million» wurde es augenscheinlich, als er nach einer neuen, experimentellen und elektrifizierten Songform suchte.

Bon Ivers private Vision des Songs machte ihn zum unwahrscheinlichen Star, mit dem selbst Kanye West zusammengearbeitet hat. Ein Star, der in Montreux die Abschottung sucht. Fotografen sind nicht zugelassen, als der 38-Jährige mit seiner vierköpfigen Band die Bühne des Auditorium Stravinski betritt. Und als wären wir hier in einem Aufnahmestudio, kapselt er sich mit einem Kopfhörer, den er nur während einigen Ansprachen zur Seite legt, weiter ab.

Ein Bon-Iver-Konzert, aufgenommen 2016. Video: NPR

Das hat dann schon etwas Klinisches, zumal die Lichtshow und die Visuals die grösseren Bühnen anzeigen, auf denen sich Vernon normalerweise bewegt. Aber man erlebt an diesem Sonntagabend auch einen Musiker, der sein Suchen nach neuen Verbindungen zwischen Mensch und Maschine nach aussen kehrt. Konfliktlos ist das nicht, etwa dann, wenn Justin Vernon das Lied «715 – CR??KS» ganz allein hinter seiner Keyboard- und Computer-Konsole singt. Seine Stimme überschlägt sich dank den Manipulationen, sie türmt sich auf, als würde sie einen Kampf austragen. Als lauern da Geister in ihm, die er nun rauslässt.

Es geht ja auch ums Exorzieren dieser depressiven Dämonen, und man merkt es in seiner Erkennungsmelodie «Skinny Love», in dem Vernon trotz Kopfhörer den Folk-Sänger gibt, der er einmal war. Man spürt es vor allem in den Passagen, in denen die Band – besetzt mit zwei Schlagzeugern – brachial spielt und die Strobos blitzen. Gospel- und Soulspuren blitzen auf, er singt dann freier, verlässt seine Kopfsingstimme und gerät beinahe ins Tänzeln.

Als Justin Vernon zum Schluss des eineinhalbstündigen Konzerts, das so viele Pop-Aggregatszustände durchwandert hat, den neuen Song «Hey, Ma» singt, dann ist zu spüren: Vielleicht könnte es nach den Exorzismus-Übungen bei Bon Iver künftig ein bisschen leichter werden.

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