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Eine Stadionrockoper

Grössenwahnsinnig und komisch: Die Gruppe Muse kehrte ins Wankdorf zurück.

Kleiner Mann mit Grössenwahn: Matthew Bellamy auf der «Unsustainable»-Tour.
Kleiner Mann mit Grössenwahn: Matthew Bellamy auf der «Unsustainable»-Tour.
Keystone

Sie waren einst Kinder der Traurigkeit: Matthew Bellamy, Dominic Howard und Chris Wolstenholme, damals, als sie ihr rohes, durch einen schönen Welthass veredeltes Debüt «Showbiz» veröffentlichten. Das war Ende der Neunzigerjahre. Von da an wurde alles grösser und wahnsinniger und grössenwahnsinniger bei dieser eigentümlichen Band namens Muse: Die episch-virtuosen Rocksongs, die mit bombastischen Opernversatzstücken angereichert sind, der Überhang zum schlechten Geschmack inklusive einem silbernen Klavier, vor allem aber die Tourneen, die Muse nach 2010 nun bereits zum zweiten Mal ins Berner Stade de Suisse führen.

Und so ist doch männiglich überrascht, als im Vorprogramm dieses Konzerblockbusters im ausverkauften Fussballstadion ein einfach verbastelter, rot blinkender und winkender Roboter vor der Bühne seine Runden dreht. Der Wortschatz des bedauernswerten Technikgeschöpfs beschränkt sich auf ein Wort: «Unsustainable», unhaltbar, das Motto, das der Muse-Show im Jahr 2013 den Namen gibt.

Doch natürlich: Das Robotergeschöpf ist nur das komische Vorspiel einer über zweistündigen, immer wieder komischen und unterhaltenden Show, die mit mächtigen Stichflammen und der James-Bond-meets-Queen-Promenadenmischung «Supremacy» ab dem neuen Album «The 2nd Law» ihren Auftakt nimmt. Der kleine, schmächtige Matthew Bellamy mimt bei seiner Rückkehr ins Stade de Suisse den zampanohaften, ruhelosen Gitarrero, der seine Stimme in höchste Höhen schrauben kann, nutzt alle Laufstege der Bühne und alle Rockposen der Popgeschichte, und wächst dank den mächtigen Videoleinwänden ins Überdimensionale, hin zu einem unwahrscheinlichen Rockstar.

«Follow me»

In der mit der Endzeit flirtenden Stadionrockoper von Muse im Jahr 2013 wird schön vereinfacht und effektvoll angeprangert, was in Zeiten des Überwachungsstaats und den entfesselten Märkten einfach an den Pranger zu stellen ist: Die Obamas und Camerons und Merkels grüssen als Tanzbären, ein krawattierter Laiendarsteller schmeisst Noten ins Publikum, sinkt zu Boden, die Aktienkurse fallen, ehe die Band «Spiel mir das Lied vom Tod» anstimmt. Doch selbstverständlich wird das buntdurchmischte Publikum an diesem Samstagabend noch einmal davonkommen, denn Bellamy beruhigt im stampfenden Schlager «Knights of Cydonia»: «No one's gonna take me alive». Später, als Verführer auf den Knien in der Stadionmitte: «Follow me». Und ganz zum Schluss: «They will not control us, we will be victorious».

Und so schleudert sich die mit einem Keyboarder verstärkte Band – begleitet von allerhand Gimmicks und einer lustigen Cirque-du-Soleil-Trapeztanzeinlage aus einer schwebenden Glühbirne – punktgenau durch ihr Repertoire aus kraftmeiernden Rockepen mit Metaleinschlag, süssen Weltschmerzmelodien für die begeisterte Konzertgängerschaft wie die Traumfinal-Hymne «Starlight» und dem herausragenden Frühwerksong «Sunburn», der die Distanz zwischen der grotesken Grössenwahnsshow der Gegenwart und der Bandvergangenheit vermisst. Damals, als Muse noch Kinder der Traurigkeit waren.

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