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Die andere Seite Kabuls

Nicht alles ist Krieg in Afghanistan: In der Hauptstadt erblüht eine einheimische Rockszene, die an die Zukunft ihres Landes glaubt.

Die musikalische Seite Kabuls: Gitarrist Suleman Kardasch präsentiert sein Können.
Die musikalische Seite Kabuls: Gitarrist Suleman Kardasch präsentiert sein Können.
Keystone
Treue Fans: Die Zuschauer tragen zur Stimmung bei.
Treue Fans: Die Zuschauer tragen zur Stimmung bei.
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Die Band Kabul Dreams präsentiert ihr Debütalbum.
Die Band Kabul Dreams präsentiert ihr Debütalbum.
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Die Gitarren auf dem Rücken, strahlend wie die Rockstars, lassen sich die drei jungen Männer von den bewaffneten Wachposten am Eingang des Klubs durchwinken. Hinter hohen Mauern und Stacheldraht verbirgt sich ein gepflegter Garten. Hier stellt das Trio, die erste afghanische Indie-Rock-Band, ihr Debütalbum vor.

Vor nicht einmal zehn Jahren, unter der Herrschaft der Taliban, wären sie für so ein Konzert im Gefängnis gelandet. Musikinstrumente zu spielen, war verboten. Singen war erlaubt, doch nur zum Lobe Allahs oder der Taliban. Heute sind die Kabul Dreams, wie sich die Gruppe nennt, Wegbereiter einer bescheidenen, aber wachsenden einheimischen Rockszene.

Etwa 100 Afghanen und Ausländer drängen sich um eine behelfsmässige Bühne mit improvisierter Beleuchtung und einer Anlage mit Aussetzern. Drummer Mudschtaba Habibi macht Tempo; «I wanna run away», schreit Sänger und Gitarrist Suleman Kardasch den Titelsong des Albums heraus. Im Text geht es um einen jungen Afghanen, der genug hat von den Selbstmordattentaten, den Anschlägen der Radikalislamisten. Doch abzuhauen wäre das Letzte, was der Band einfiele. Aus dem Exil im Iran, in Usbekistan und Pakistan sind die drei nach der Zeit der Taliban wieder heimgekehrt.

Mehr als Anschläge und Attentate

«Die jungen Leute in Afghanistan stehen sehr auf Rockmusik, und wir bieten ihnen etwas aus ihrem eigenen Land», sagt Bassist Siddik Achmed. Ein weiterer beliebter Titel mischt das Publikum auf, «Crack in the Radio» dreht sich um ein Mädchen, das bei einem Kabuler Rocksender arbeitet. Ein Thema, das unter den Taliban undenkbar gewesen wäre. Die Zuhörer johlen, es wird wild getanzt. Einige trinken sogar Bier, obwohl der Islam den Alkoholgenuss verbietet.

Das nächste Stück ist eher wehmütig und erinnert an den Britpop der 90er. Zuhörerinnen in Kopftüchern wiegen sich sanft zu den melodischen Gitarrenriffs. «Wir wollen, dass sich hier etwas ändert, und wir wollen etwas Neues sehen. Viele junge Leute meines Alters hier finden die Songs richtig gut», sagt der 28-jährige Hadi Marafat.

In vielen Landesteilen sind aufständische Taliban noch immer aktiv. «Kabul Dreams» musste mehrere Auftritte aus Sicherheitsgründen absagen. Die Gruppe singt auf Englisch. Das versteht man in der Heimat vielleicht nicht so gut, hilft aber hoffentlich dabei, international bekannter zu werden. Im Januar spielte die Band schon auf einem regionalen Musikfestival in Neu-Delhi. «Wir wollen der Welt zeigen, dass es in Afghanistan Rockmusik gibt, nicht nur Selbstmordanschläge und Attentate», sagt Kardasch.

Unpolitisch ist auch politisch

Neuere Gruppen wie die Alternative-Metal-Band District Unknown schauen zu Kabul Dreams als Vorbilder und Vorreiter auf. District Unknown bezieht sich auf Gruppen wie Metallica oder Led Zeppelin und kommt wesentlich härter rüber. Ihre demnächst erscheinende Single dreht sich um den Frust junger Afghanen, die in ihrer vom Krieg zerrissenen Heimat so gut wie keine Chance haben. «Wir haben unsere eigenen Gefühle, wir spüren Aggression, Niedergeschlagenheit, und wir drücken das für jeden jungen Afghanen aus», sagt Leadsänger Lemar Saifulla. Die Auftritte seiner Band sind begrenzt, man fürchtet Drohungen Strenggläubiger. «Wir wollen nicht Satanisten genannt werden», sagt Saifulla.

Seit dem Sturz der Taliban geht es aufwärts mit der Rockmusik. Ein paar Plattenläden verkaufen CD-Raubkopien von Nirvana, Pearl Jam und anderen Bands. Auch indische und pakistanische Gruppen sind bei der Jugend populär. Was noch fehlt im Angebot, sind Alben afghanischer Bands. Das hofft Kabul Dreams zu ändern. Nach dem ersten Album mit nur fünf Titeln sollen es auf dem zweiten, das in Arbeit ist, volle zwölf werden.

Da soll es dann nicht um Politik und Gewalt gehen, sondern um Liebe, um Beziehungen und den Alltag, sagt Kardasch. Bassist Achmed wirft ein: «Die Tatsache, dass unsere Lieder keinen politischen Inhalt haben, ist an sich schon politisch.»

dapd/jak

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