Der vielarmige Gitarrist

Manuel Troller befreit die Solo-E-Gitarre aus allen Beschränkungen – mit einer minimalistisch geprägten Musik. Nun kuratiert er das Zürcher Jazzfestival Taktlos.

«Als ich ‹Worm­hole› live spielte, begannen die Leute zu tanzen»: Gitarrist Manuel Troller. Foto: Sabina Bobst

«Als ich ‹Worm­hole› live spielte, begannen die Leute zu tanzen»: Gitarrist Manuel Troller. Foto: Sabina Bobst

Eigentlich wäre Manuel Troller auch gerne ein Pianist, sagte er einmal im Gespräch. Pianisten könnten ihre Hände unabhängig voneinander gebrauchen – für voneinander fast abgetrennte, autonome Töne. Gitarristen seien hingegen limitiert.

Manuel Troller, 32-jährig, in Luzern aufgewachsen, heute in Basel wohnhaft, ist ein reflektierter Zeitgenosse. Das zeigt sich nicht nur im Gespräch über Musik. Es äussert sich auch ­darin, dass er als Alleinkurator des diesjährigen Taktlos-Festivals ein umsichtiges Programm zusammengestellt hat. Darin, dass er mit dem erfolgreichen Trio Schnellertollermeier eine formvollendete Minimal Music spielt. Darin jetzt auch, dass die Tracks auf seiner ersten Soloplatte «Vanishing Points» in ihrem Bau oft so präzis daherkommen, als hätte sie vorher ein Architekt auf Millimeterpapier entworfen.

Vor und nach der digitalen Revolution

Ist Manuel Troller nicht doch auf der Gitarre eine Art Pianist, wo man bei ihm doch häufiger ein Geschehen auf zwei Ebenen zu hören glaubt? Das beginnt in «Hologram», dem Eröffnungstrack von «Vanishing Points». Da sind stehende Grund-Sounds, über die Troller dann Einzeltöne zündet. Die Grund-Sounds könnten aus dem Laptop stammen, sie wirken synthetisch. Die Einzeltöne aber sind hörbar handgemacht, sie wirken elektrisch. «Hologram» wirkt ganz so, als ob sich ein digitales weisses Flackern mit dem gelblichen Schimmern einer alten Glühbirne mischen würde. Ein E-Gitarren-Spiel vor und eines nach der digitalen Revolution.

Manuel Troller offenbart sich auf «Vanishing Points» als Totalisator der E-Gitarre. «Ich war immer neugierig und nahm alles auf, dem ich begegnete. Durch dieses ständige Suchen habe ich viele Einflüsse aufgenommen», erklärt Troller. Der Name «Hologram» passt da gut.

Ein Hologramm, das auf Deutsch mit zwei m geschrieben wird, ist in der Fotografie ja eine Technik, die ein Objekt scheinbar frei im Raum schweben lässt; das Objekt lässt sich in verschiedenen Perspektiven wahrnehmen, man kann sogar um es herumgehen. Genau so wirkt die trollersche ­Gitarre. Mehr noch, sie scheint sich dabei zu verwandeln und verschiedene Formen der E-Gitarren-Musik anzunehmen – quer durch die Zeiten und die Stile.

Wie das klingt, zeigt am besten «Wormhole», der 18-minütige Kerntrack von «Vanishing Points». Ein groovendes Repetitionsmuster erklingt, das sich in den Mikrostrukturen stetig wandelt. «Das Pulsierende der Clubmusik ist hier entscheidend», erzählt Troller. «Als ich ‹Worm­hole› live spielte, begannen Leute auch schon zu tanzen.» Auch länger zurückreichende Altersschichten der Musik haben sich niedergeschlagen: «Ein Bewusstsein um die Tradition der amerikanischen Minimalisten spielt mit», sagt Manuel Troller.

«Manchmal», sagt Troller, «da hätte ich gern noch einen Arm mehr.»

Kompositorisch ist seine Musik tatsächlich durchaus eng an Verfahren angelehnt, die Steve Reich, einer der Urväter amerikanischer Minimal Music, in den späten 60er-Jahren entwickelte. Doch Troller sucht einen anderen Tonfall als der Amerikaner. «Reich klingt für mich fast zu lieb – vielleicht verlangt die Welt Dinge, die etwas mehr Ecken haben.» So gibt es bei Troller auch Rockgitarristisches. Troller lässt seine minimalistisch gespielte E-Gitarre in «Wormhole» dampfen und rocken.

Die Gitarre bei Troller hat zudem die Störmanöver der Industrial Music aufgenommen. In «Revolt» spielt Troller seine Gitarre wieder auf zwei unterschiedlichen Ebenen: Da ist zuerst ein lang gezogener, silberner Gitarrenton, er wird zum orchestralen Sound-Nebel. Plötzlich kommt Krieg in den Frieden – mit brutalen Störklängen. Noch gnadenloser dann das dreiminütige «As Long As You Do What They Say» mit seinen Noise-Attacken. Ein Brummen, Bersten, Stören, Splittern, Schaben. Die elektrische Gitarre ist hier ein unheilvolles Schreddergerät.

Wie gross dann wieder der Kontrast zum Schlussstück ­«Vanishing Point», ein Soundscape mit einigen eingelassenen schlichten Motiven. Die E-Gitarre ist hier Ambient-Gitarre. Und auch das klingt wie das meiste bei Troller orchestral. Troller schätzt den US-Gitarristen Bill Frisell. «Extrem, welche Register er gleichzeitig zu ziehen vermag.» Genau das kann man nun auch vom registerreichen Gitarrenspiel von Manuel Troller ­selber sagen. Auch wenn der immer weitersucht – und gar noch mehr sein möchte als ein Klavierspieler mit unabhängigen Händen. «Manchmal», sagt Troller, «da hätte ich gern noch einen Arm mehr.»

Manuel Troller: Vanishing Points (Three: Four Records).

Konzerte von Manuel Troller am Zürcher Taktlos-Festival: Mit Schnellertollermeier am Donnerstag, 14. März, um 20 Uhr im Kanzlei / Solo am Samstag, 16. März, um 21 Uhr im Club Zukunft. Das vollständige Programm: www.taktlos.com

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