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Der Mann mit der Löwenpranke

Der grosse Jazzpianist McCoy Tyner ist mit 81 Jahren verstorben. Ein Nachruf.

Christoph Merki
Was für eine Wucht: Der mit 81 Jahren verstorbene US-Jazzpianist McCoy Tyner an einem Auftritt im Central Park in New York im Juni 2010. Foto: David Atlas
Was für eine Wucht: Der mit 81 Jahren verstorbene US-Jazzpianist McCoy Tyner an einem Auftritt im Central Park in New York im Juni 2010. Foto: David Atlas

Was für eine gewaltige Kraft! Wer McCoy Tyner vor 15 Jahren im Zürcher Jazzclub Moods hörte, wer da hörte, mit welch unglaublicher Wucht dieser Pianist mit seiner Linken die Grundtöne der Akkorde in die Klaviertastatur wuchtete, auf die erste Zählzeit eines Takts, mit einer Wucht, die man von seinen Platten her zwar kannte, aber doch nicht auf derart fulminante Weise erwartet hatte; und wer da auch vernahm, wie Tyner über diese die Erde zum Beben bringenden Basstöne auch noch gewaltige Akkordballungen stülpte und mit der Rechten zusätzlich rasant-dichte Tongirlanden spielte – der glaubte plötzlich ein wenig nachzuempfinden, wie es damals gewesen sein muss in den 60er-Jahren.

Damals steigerte sich McCoy Tyner an der Seite des grossen Tenorsaxofonisten John Coltrane ins bald Hymnische, bald Ekstatische, bald Vitalistische – und sorgte so für einige der wichtigsten Momente in der Jazzgeschichte überhaupt. Tyners Weltruf nämlich rührt bis heute vor allem daher, dass er in den 60er-Jahren im sogenannten «klassischen Quartett» von Coltrane mitwirkte, dieser Jahrhundertgruppe – gemeinsam mit Kontrabassist Jimmy Garrison und Drummer Elvin Jones.

Und wie man jetzt über Tyner nachdenkt anlässlich seines Tods, will einem auch jenes Zitat des Schriftstellers W.E.B. Du Bois einfallen, das Musikautor J.C. Thomas einst auf den Saxofon-Hymniker Coltrane münzte: «Wenig an Schönheit hat Amerika der Welt gegeben, ausser der rauen Erhabenheit. Der menschliche Geist äusserte sich in dieser neuen Welt mehr durch Vitalität und Erfindungsgabe als durch Schönheit.»

Aus realem Fleisch

Noch eine zweite persönliche Erinnerung an Mc Coy Tyner. 2011 trat der damals 73-Jährige beim Festival da Jazz in St. Moritz auf. Der Pianist war körperlich schon angeschlagen. Beinah schwerfällig setzte sich der gross gewachsene Mann ans Klavier, blieb als Person demütig im Hintergrund. Und doch merkte man sofort, wie sehr die Musiker seiner Band, etwa Altsaxofonist Gary Bartz, sich ihm immer wieder ehrfürchtig zuwandten und verstohlen hinblinzelten zu ihm.

Hier sass eben ER auf dem Klavierschemel: «The Real McCoy» (wie eine Platte Tyners heisst)! Aus realem Fleisch, realem Blut und realen Pianofingern, wo seine Mitmusiker ihn angesichts seiner historischen Bedeutung vielleicht schon eher in irrealen Bezirken des Monumentalistischen vermutet hatten.

Beim Blick auf McCoy Tyner sahen die meisten eben immer gleichzeitig noch einen zweiten Musiker mit: John Coltrane natürlich. Wie Coltrane stammte der 1938 geborene McCoy Tyner aus Philadelphia. Der Vater war Fabrikarbeiter, die Mutter betrieb einen Beautysalon. Als der Bub 13 war, stellte sie ihm ein Klavier zum Üben hin, bald machte der junge Tyner im Friseursalon seine Bandproben.

Undatiertes Foto von John Coltrane. Bild: Keystone
Undatiertes Foto von John Coltrane. Bild: Keystone

«Der Saxofonist stand jeweils gleich beim Haartrockner», erinnerte sich Tyner später. Die Kundinnen seiner Mutter hätten «some rocking tunes» gehört, wenn ihr Haar fixiert worden sei. Selbst Pianist Bud Powell spielte einmal bei der Coiffeuse. Er gehörte ebenfalls zur inspirierenden lokalen Jazzszene von Philadelphia – neben dem Orgelspieler Jimmy Smith oder dem Trompeter Lee Morgan. Tyner begann in der Highschool-Zeit Musiktheorie zu büffeln und spielte schon mit 16 professionell in Rhythm-and-Blues-Bands.

Als Tyner 21 war, holte ihn der etwas ältere Coltrane in sein bald berühmtes Quartett. Und Coltrane erklärte in einem Interview 1961 die eigenen musikalischen Verdienste auch mit den Verdiensten seines Kollegen: «Mein aktueller Pianist, McCoy Tyner, verleiht mir Flügel, und ich kann so von Zeit zu Zeit vom Boden abheben.»

An der Seite Coltranes wuchs Tyner zu jenem Pianisten heran, der neben Bill Evans, Chick Corea und Herbie Hancock den Sound des modernen Jazz-Pianospiels definierte. Sein Klavier klang zum einen perkussiv, darum vielleicht, weil er als Teenager auch Conga-Lektionen besucht hatte. Zum anderen liebte Tyner Akkorde mit Quarten-Intervallen, die sehr offen und modern klangen. Und seine Rechte konnte wahnwitzige rotierende Figuren spielen, die leicht und delikat klangen.

Ein Klavier wie ein Orchester!

Das Wichtigste aber war im Zusammenhang mit dem Energetiker John Coltrane, dass auch Tyner dieses immens Kraftvolle hatte. «McCoy Tyner spielt Klavier wie ein brüllender Löwe», schrieben die Kritiker. Die Pianisten rätselten, wie Tyner so viel Kraft aus seinem Klavier herausholen konnte, ohne plump-kraftmeierisch zu wirken. Ein perkussives Anstürmen. Flutende Akkorde. Ein Klavier wie ein Orchester! «Ich hatte dem Quartett die Klangfülle zu geben», erinnerte sich Tyner später. «Oder wie John zu sagen pflegte: die Dichte und Volltönigkeit.»

Tyner wirkte so bei den wichtigsten Einspielungen von Coltrane mit. Darunter unsterbliche Alben wie «My Favorite Things», «Africa/Brass», «Impressions», «Crescent», «‹Live› at The Village Vanguard» oder «Meditations». Und natürlich ist da vor allem «A Love Supreme» (1965), jenes grosse saxofonistische Gebet John Coltranes, das den Jazz, der sonst eher irdisch denkt, für die Metaphysik öffnete. Ein Album, das für viele Menschen zum Erweckungserlebnis werden sollte: Gitarrist John McLaughlin etwa erzählt bis heute, dass er «A Love Supreme» jahrelang rauf- und runterhörte.

1965 sollte McCoy Tyner Coltranes Gruppe verlassen, die sich zunehmend Klang- und Geräuschexperimenten gegenüber öffnete, die Tyner missbehagten. Wo Coltrane zwei Drummer im Ensemble beschäftigte, habe er sich selber gar nicht mehr gehört beim Spielen, meinte Tyner.

Konvertierte zum Islam

Tyner kam zum Blue-Note-Jazzlabel. Umittelbar vor Coltranes Tod 1967 nahm er «The Real McCoy» auf, eines seiner stärksten Alben mit mittlerweile klassisch gewordenen Kompositionen wie «Passion Dance» oder «Blues on the Corner». Seinem grossen Mentor Coltrane sollte Tyner aber auch künftig geistig verbunden bleiben.

Tyner war wie Coltrane ein religiöser Sucher. Er konvertierte mit 18 vom Christentum zum Islam. Er glaubte, Musik müsse eine spirituelle Dimension haben, und er sah den tiefsten Sinn der Musik darin, dass sie den Menschen «läutern» und «erheben» könne. Wie Coltrane hatte er auch ein weltmusikalisches Interesse: Auf dem Album «Sahara» von 1972 spielte er Koto; Harpsichord und Celesta sind es auf «Trident» von 1975.

Gleichzeitig steht McCoy Tyner aber auch dafür, dass die pulsierende Jazzmusik der 1960er-Jahre nie welkt – und bis heute stark klingt. Tyner verkörpert jenen Hauptstrom der Jazzentwicklung, der vom Bebop eines Charlie Parker über den modalen Jazz der 60er-Jahre bis zum zeitgenössischen Neo-Hardbop führt. Und das durchaus kompromisslos. In den 70ern verschloss er sich dezidiert den elektrischen Pianos und den Synthesizern, die damals die Musikwelt überschwemmten und auch viele Jazzmusiker bis hin zu Bill Evans in den Bann zogen.

«The Real McCoy» aber bewahrte sich seine Löwenpranke fürs akustische Piano. Am Freitag ist McCoy Tyner in New Jersey gestorben. Er wurde 81 Jahre alt.

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