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Brav ist das neue Verrückt

Sie singt jetzt richtig schön vom Land: Miley Cyrus hat eine neue Single und ein neues Image.

Wer hätte gedacht, Miley Cyrus in einem Musikvideo in einem Strickpullover zu sehen? Mit Rollkragen? Miley, das war doch der schlimme Popfinger, das provokative Starlet, das nackt auf der Abrissbirne ritt, das an Hämmern leckte und farbigen Glibber schluckte. Noch bei einem ihrer letzten grossen öffentlichen Auftritte, bei der Vergabe der MTV Awards im Herbst 2015, feierte sie einen knallbunten Kinderpopgeburtstag, aber natürlich war die Konfettikanone irgendwie auch eine sexuelle Metapher.

Doch jetzt gibt es dieses neue Video. «Malibu» ist die erste Single eines Albums, das später im Jahr erscheinen soll. Darin sieht man Miley Cyrus, wie sie einen ihrer sieben Hunde streichelt, wie sie über Blumenwiesen tollt und farbige Luftballone in die Meeresbrise hält. Es ist das Porträt des 24-jährigen Popstars als Hippiemädchen, und wenn es am Ende des Clips dann doch noch einmal seinen Hintern durch die nasse Pluderhose in die Kamera hält, dann wirkt das wie ein letzter Wink zum Abschied.

Gruss vom Schaukelpferd

Ganz klar, «Malibu» orchestriert den harten Imagewechsel eines Popstars, der seine Teenagerexistenz hinter sich lassen möchte. Im Branchenblatt «Billboard» bereitete Miley Cyrus vor einer Woche das Terrain in einem langen, passenden Interview. Das Titelfoto zeigte sie in einem sexy Landmädchenlook auf einem Schaukelpferd, und über ihre neue Landlust an der Seite ihres Verlobten Liam Hemsworth wurde folglich ebenso parliert wie über ihre jetzt schon dreiwöchige (!) Abstinenz von Drogen und über tägliche Yoga-Sessions.

Der Reporter, der das ganze Album schon hören konnte, beschrieb es als «ganz schön liedhaft», als «effektfreien Poprock» und als eine Platte, die diese Karriere «transformieren» werde. «Malibu» löst das bereits alles ein. Es ist ein perfektes Stück von Singer-Songwriter-Pop über knuffig federnden Gitarren, ein wunderbar leichtes, leise melancholisches Melodienlüftchen für den kommenden Sommer. Der Song hat einen weichen, einnehmenden Groove, aber da ist keine Spur mehr von den hibbeligen R&B-Produktionen, die ihr letztes reguläres Album «Bangerz» von 2013 geprägt haben. Vom Hip-Hop habe sie sich entfremdet, sagt Cyrus im Interview: «Das ist mir zu viel ‹Lamborghini, Rolex und Girl auf dem Schwanz›. Das bin ich so was von nicht.»

Sie hat die Stimme

Die Aussage mag nun doch etwas erstaunen; aber wirklich überraschend kommt der Imagewechsel nicht. Miley Cyrus war seit ihren Auftritten für Disney – als Hannah Montana – ein Teenage-Star, der auch auf der Popbühne eine durchgeknallte, hysterische Teenager-Existenz feierte. Dass sich eine solche Karriere nicht beliebig verlängern lässt, leuchtet ein. Und so klang «Miley Cyrus and Her Dead Petz» – das Album, das sie im Herbst 2015 ins Internet stellte – denn auch bereits wie ein langer, beschwerlicher Katersonntag nach der grossen, bunten Durchknutschparty.

Aber da waren bereits auch Lieder wie «Karen Don't Be Sad», in denen sehr gut zu hören war, wie gut Miley Cyrus singt. Und das ist wohl das entscheidende Moment dieses Imagewechsels: Auch Lady Gaga ist eine tolle Sängerin, die ihre Karriere derzeit auf neues, erwachseneres Terrain lenkt. Wie schwierig es dagegen für eine mittelmässige Sängerin ist, den im Studio hochgerüsteten Dancepop hinter sich zu lassen, zeigt die Karriere von Madonna. Wie wohl sich dagegen Miley Cyrus schon seit längerem mit handgemachtem Folkpop fühlt, zeigen auch die Live-Videos ihrer «Backyard Sessions» auf Youtube. Dabei coverte sie in einem bereits recht rustikalen Setting ihre Lieblingslieder.

Für ihre neuen Songs hat Miley Cyrus denn auch, wie sie «Billboard» sagte, alle Texte und Melodien selber geschrieben. Mit ihrem Produzenten Oren Yoel, der die ganze Musik einspielte, entstand schliesslich das Album. So scheint aus dem von Disney gelenkten Popsternchen also tatsächlich eine reife Singer-Songwriterin geworden sein. «Wenn du mir vor drei Jahren gesagt hättest», singt sie in «Malibu», «dass ich diesen Song schreiben würde / Dann hätte ich dir nie geglaubt.»

Die Metaphern sind gross

Was dann aber doch etwas skeptisch macht, das ist die Überdeutlichkeit, mit der die gelernte Schauspielerin Miley Cyrus ihren Imagewechsel in Szene setzt. Die Bekenntnisse im Interview sind rührend, und die Videobilder, die «Malibu» für die neue, luftige Realness dieser Sängerin bereithält, sie sind herzallerliebst. Dass sie nicht schon bald mit grossem Gelächter und gerecktem Schlimmefinger vom Schaukelpferd absteigen wird, ist damit – zum Glück? – noch lange nicht gesagt. Noch nie hat Miley Cyrus auch nur den geringsten Zweifel daran offengelassen, dass sie weiss, wie gut ihr so ein Image steht.

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