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Because er hatte Flair

In diesem Jahr wäre Falco 60 Jahre alt geworden. Das Gedenk-Album macht wieder einmal klar, dass der grosse Selbstdarsteller bis heute unerreicht ist.

Falco. Mann Mann Mann, Falco. Das war doch eigentlich alles ein völliger Wahnsinn: dieser Kerl, diese Lieder, dieser Ruhm, dieses Leben, dieser Tod. Wie es schon losging. Da beschliesst ein junger Mann namens Johann Hölzel in jungen Jahren: Ich bin jetzt ein Superstar. Die anderen belächeln ihn, der Hansi aber stolziert durch Wien, die Nase hoch, die Schritte breit, und bleibt bei seiner Meinung. Er spielt in verschiedenen Bands, benennt sich ausgerechnet nach dem ostdeutschen Skispringer Falko Weisspflog, haut alle mit seinem Charisma um, und dann, Anfang der Achtziger, wird er tatsächlich ein Star.

Als wäre das etwas, was man nur beherzt behaupten muss, um es wahr zu machen. Und was für ein Star er wurde! Der fulminanteste Export Österreichs, den die Welt seit der Wiener Klassik gesehen hatte. Hits bis nach Amerika, «Rock Me Amadeus», «Jeanny», «The Sound Of Musik». Die gegelten Haare, die albernen Pilotenbrillen, die überdrehte Grandezza. Dazu diese ureigene Mischung aus Englisch, Deutsch, Österreichisch: «Der Bube fragt den König, Hey babe, do you wanna dance? / Sie machen History, dann sie sind scharf wie nie, the first preelected Rock 'n' Roll band.» Gab es vorher nicht. Gab es nachher nicht. Hat sich sonst in diesen Breiten niemand getraut.

Nach ein paar Jahren war der Rausch vorbei. Falco wollte ernsthafter werden, zeigen, dass er auch eine nachdenkliche Seite hatte, aber diesen Falco wollten die Leute nicht hören. Zurück blieb ein Mann, der nicht genau wusste, wie er mit den Neunzigern umgehen sollte, der zu ungesund lebte und immer wieder versprach, bald werde er es noch mal im ganz grossen Stil angehen. Bis er eines Tages in der Dominikanischen Republik sein Auto gegen einen Reisebus setzte, das Blut voll Alkohol, Kokain und THC. Das war im Februar 1998, er starb auf der Stelle. Grosser Falco, armer Falco. Zu seiner Beerdigung auf dem Wiener Zentralfriedhof kam ganz Österreich.

Am 19. Februar, würde er, wenn er noch lebte, 60 Jahre alt. Aus diesem Grund erscheint jetzt ein Gedenk-Album mit dem Titel «Falco 60» (Sony Music), als Doppel- und Dreifach-CD, auf zweifachem Vinyl und Doppel-DVD. Da sind alle Hits drauf, angefangen bei «Ganz Wien» («Kokain und Kodein / Heroin und Mozambin / Machen uns hin, hin, hin») und dem unzerstörbaren «Kommissar«. Dazu die nicht ganz so gelungenen Versuche (kann sich noch jemand an sein Duett mit Brigitte Nielsen erinnern?), die späten Techno-Anbiederungen («Mutter, der Mann mit dem Koks ist da»). Ein paar jüngere Musiker verneigen sich per Remix, und auf den DVDs schliesslich finden sich Mitschnitte grosser Konzerte.

Das alles heute zu hören und zu sehen, ist berührend, mitreissend, oft lustig, manchmal peinlich. Vor allem aber wird klar: Falcos Songs sind zum Teil Klassiker - aber doch sehr, sehr deutlich Produkte ihrer Zeit. Die Zeit, über die Falco selbst sagte: «Wer sich an die Achtziger erinnern kann, hat sie nicht erlebt.» Koksbefeuert, exaltiert, plastikglänzend. Und nicht immer schön zu hören: Die holländischen Brüder Bolland & Bolland produzierten ihm Musik, in der billige Synthesizer herumtropften, die Gitarren sollten funky klingen, erinnern aber eher an Sparkassenwerbung. Vieles wirkt, man muss das so sagen, auf neonbunte Weise billig. Und trotzdem, das ist das Faszinierende, sind die besten Songs im besten Sinne glamourös. Sie wollen zu viel, sie behaupten zu viel, sie trumpfen auf, jeder Ton sagt: Wo ich bin, ist oben. Und wo oben ist, ist alles vergoldet und herrlich, jetzt und immerdar. «Ganz oben auf der Liste, ja, da stehe ich / Du musst mir schon verzeihen, aber ich liebe mich.» («Egoist«)

Der blanke Grössenwahn, ja. Aber im Fall von Falco immer gebrochen durch Selbstironie, durch ein Augenzwinkern im entscheidenden Moment, durch den Mut, an der unpassendsten (also: passendsten) Stelle plötzlich mit breitem österreichischem Akzent ins Englische zu wechseln, also Weltläufigkeit vorzutäuschen und dabei grinsend die eigenen Wurzeln auszustellen. Man muss im Wörterbuch der österreichischen Spezialitäten nicht lang blättern, um auf das Stichwort zur Beschreibung dieser Mischung zu stossen: Schmäh. Josef Hader hat den Schmäh mal beschrieben als eine Mischung aus Schlitzohrigkeit und Charme, er meinte, die beiden seien ein «Geschwisterpaar, das Charmante und das Verlogene, die ohne einander gar nicht existieren können.» Genau diese Mischung machte Falco aus. Und diese Mischung ist im Pop seither sagenhaft selten. Bei österreichischen Bands der Gegenwart wird gern nach dem Falco-Bezug gesucht, aber was Wanda oder Bilderbuch machen, ist dann eben doch etwas ganz anderes und teilt mit dem Hölzel Hansi höchstens den Dialekt. Und so gilt 19 Jahre nach seinem Tod weiterhin nur für ihn, den grossen Falco, den armen Falco, das, was er selbst in seinem grössten Hit über Mozart sang: «Er war ein Superstar, er war populär, er war so exaltiert, because er hatte Flair.»

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