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Aus den Tiefen der Stille

Bei Mozart plätschert ein Bergbach, bei Schubert riecht es nach Heu: Zum Auftakt des Menuhin Festival betört der Pianist Christian Zacharias in der Kirche Saanen.

Denken mit den Händen: Christian Zacharias.
Denken mit den Händen: Christian Zacharias.
Raphael Faux/zvg

Stille sei ihm lieber als Applaus, hat Christian Zacharias in einem Gespräch gesagt. Von wegen! Es ist kurz nach zehn Uhr, der Himmel über der Kirche Saanen dunkel geworden, und nun steht er mittendrin: Der Beifall hüllt den Pianisten ein wie die tosende Brandung den Felsen. Er lächelt, lässt sich gar für zwei Zugaben zurückholen an den Konzertflügel, der den schmucken Chor der Mauritiuskirche füllt. So imposant das Instrument, so fein wird die musikalische Sprache sein, die den gehaltvollen Abend prägt. Es ist ein Rezital, das Zugaben nicht nötig hat. Zacharias sagt in seinem Programm mit zwei frühen Mozart-Sonaten (KV 310, KV 533/494) und der späten B-Dur-Sonate von Schubert (D960) alles, was es zu sagen gibt.

Der 64-jährige Pianist, der auch als Dirigent und Kammermusiker einen hervorragenden Ruf geniesst (und ihn als Artist-in-Residence in Gstaad unter Beweis stellen wird), verfügt über ein sublimes Spiel. Hochkonzentriert und unaufgeregt vermittelt er seine musikalischen Botschaften, als wären sie an jeden Einzelnen im Publikum persönlich gerichtet. Vordergründiges Blendwerk, pianistisches Spektakel – sie sind dem Interpreten fremd. Er versteht es, die Aufmerksamkeit mit dynamischen Feinheiten und Klangfarben zu fesseln. Eine Offenbarung ist Mozarts a-Moll-Sonate und an Intimität kaum zu steigern. Sie gibt den Auftakt zum Klassik-Festival, dessen rund 50 Konzerte ziemlich plakativ mit «Music in motion» überschrieben sind.

Abgründe öffnen sich

Zacharias richtet die Bewegung nach innen. Er fokussiert das Tonmaterial punktgenau, artikuliert rhetorisch vielschichtig. Da nehmen musikalische Strukturen wie von selbst plastische Form an. Mit der rechten Hand ein mikrokosmischer Triller, in der linken Hand eine expressive Melodie: Christian Zacharias beherrscht das Denken mit den Händen. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichen, die er auch als Orchesterdirigent in den verschiedenen Registern auslotet, ist für ihn auf den Tasten kein Hexenwerk. Der Pianist destilliert aus minimaler Tonmaterie ein Maximum an Klangwirkung, ohne selbst je laut zu werden. Wie er das macht? Es bleibt sein Geheimnis. Die Wirkung aber spürt sofort, wer sich auf sein Spiel einlässt. Wie schwierig das Einfache ist und wie bedeutungstief das vermeintlich Banale (etwa wenn es von Dilettanten gespielt wird), das erlebt man an diesem Abend bei beiden, Mozart und Schubert. Zacharias öffnet Abgründe. Und man merkt es erst, wenn man bereits fällt.

Die Sinnlichkeit des Denkens

Keinen Moment muss man es bedauern, dass nicht ein Orchester den Eröffnungsabend bestreitet. Zacharias hat einen unerschöpflichen Fundus an Ausdrucksnuancen in der Hand. Und er macht hellhörig auch für Werke, die man kennt. Dieser Pianist ist mehr als ein blosser Notenvollstrecker. Er zeigt, wie sinnlich und lustvoll Denken am Klavier sein kann. Schliesst man die Augen, werden seine Interpretationen zusätzlich bildhaft: In den unerbittlichen Klopfrhythmen des Allegro maestoso nimmt Zacharias den Schmerz und die Verzweiflung vorweg, die im düsteren Schlusssatz aufbrechen. Auch bei Schubert entfaltet sich ein surreales, gleichzeitig reales Vexierbild. Die Grenzen zwischen Natur, Mensch und Musik verwischen. In der Verträumtheit des Molto moderato riecht man das trockene Heu, das draussen darauf wartet, eingebracht zu werden. Und bei Mozart sprudelt ein Bergbach in den gebrochenen Begleitfiguren. Oder doch nur eine Illusion in der berauschenden Umgebung des Saanenlandes?

Die Bilder aus der Stille werden vom Schlussapplaus zerzaust, Zacharias muss es gewusst haben.

Weitere Konzerte mit Christian Zacharias in der Kirche Saanen: 21. Juli, Kammermusik mit Baiba Skride (Violine) und Sol Gabetta (Cello). 24. Juli als Solist und Dirigent mit dem Kammerorchester Basel.

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