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Auf Flügeln des Gesangs

Zwei ausverkaufte Basler Neujahrskonzerte im Theater und in der Martinskirche.

Das Konzert in der Martinskirche (Bild von 2015) war ausserordentlich schön.
Das Konzert in der Martinskirche (Bild von 2015) war ausserordentlich schön.
Nicole Pont

Nach einem ungeschriebenen Gesetz stehen Neujahrskonzerte im Zeichen einer manchmal etwas aufgesetzten Heiterkeit. Offenbar sind viele froh, dass das alte Jahr vorüber ist, und setzen blinde Hoffnungen in das neue. Und welche musikalische Gattung wäre für solche Oberflächlichkeit geeigneter als die Operette? Das Theater und das Sinfonieorchester Basel ordneten sich diesem Diktat willig unter und liessen am Neujahrstag die Operettenkorken knallen. An den Bühnenseiten standen zwei ausgesucht geschmacklose Arrangements von exotischen Blumen und Reisekoffern, weil es in Operetten oft irgendwie ums Fernweh geht, von der Decke hingen die üblichen Lüster aus dem Requisiten­fundus.

Man hat in diesem Haus schon liebevollere Inszenierungen gesehen, und ob die Theaterleitung dieser Gattung wirklich traut, darf man bezweifeln.

Der interimistische Opern­direktor und der künstlerische Leiter des Orchesters führten durch ein reichhaltiges, auf die deutsch-österreichische Operettentradition fokussiertes Programm. Dabei gaben sie dem Konzert durch den Hinweis auf das Schicksal jüdischer Komponisten, die in die Emigration gezwungen wurden, auch eine ernsthafte Note.

Welche Schätze da noch in den Archiven schlummern, zeigten etwa die Ausschnitte aus Werken von Kurt Weill, aber auch Emmerich Kálmáns «Charleston» mit seinem jazzigen Bläsersatz. Nicht weniger als acht Solistinnen und Solisten brachten die Gesangsnummern zur Aufführung, unterstützt vom Opernchor und dem Sinfonieorchester unter der Leitung von Kristiina Poska – einer temperamentvollen und zugleich mädchenhaft wirkenden Dirigentin, die den Stab in der linken Hand hält und bisweilen mit den Füssen ein Tänzchen aufführt.

Man sah prächtige Abend­roben und hörte viel Schönes von unverbrauchten Stimmen, wobei unter den Frauen einzig die Mezzosopranistin Jasmin Etezadzadeh textverständlich sang; bei den Männern waren die Routiniers Karl-Heinz Brandt und Rolf Romei leicht im Vorteil. Die Zugabe von Jacques Offenbach erinnerte (neben einem kubanischen Stück) daran, dass es Operetten nicht nur im deutschen Sprachraum gab.

Beseelte Koloraturen

Dass es auch anders geht, zeigte am Tag danach das Kammer­orchester Basel in seinem Neujahrsprogramm in der Martinskirche, das abgesehen von einer Zugabe ohne Operettenlieder auskam und nur eine einzige Sängerin brauchte – aber was für eine! Regula Mühlemann hat in der letzten Phase ihres erst 33-jährigen Lebens enorm an Erfahrung, Sicherheit und nicht zuletzt an sängerischem Können zugelegt. Im Basler Konzert sang sie Opernarien von Händel, Mozart und Rossini und bezauberte damit die voll besetzte Martinskirche. Selbst wer taub wäre, könnte sich ihrer Ausstrahlung kaum entziehen – ihrem Lächeln, ihrem Augenspiel.

Ihrer Neigung, mit dem Publikum zu flirten, gab die junge Luzernerin freigebig nach, vergass aber nicht, sich beim Singen voll auf den Notentext zu konzentrieren. Etwa auf den Dialog mit dem Konzertmeister Daniel Bard in der Mozart-Arie «L’amerò, sarò costante», der so intensiv geriet, dass man leicht überhören konnte, dass diese Partie für ihre Stimme etwas tief liegt. Oder auf die langen, die Musik wie auf Flügeln tragenden ­Melodiebögen in «Zeffiretti lusinghieri» aus dem «Idomeneo». In Händels «Tornami a vagheggiar» nahm man dankbar zur Kenntnis, dass diese Arie endlich einmal nicht zu schnell genommen wurde, was der Sängerin erlaubte, die Koloraturen auszusingen und nicht nur mechanisch anzutippen.

Das Kammerorchester Basel war unter dem Dirigenten Umberto Benedetti Michelangeli ein mehr als verlässlicher Partner: hellwach im Rhythmischen, markant in den Bläsern, klangschön in den Streichern und in Orchesterwerken von Händel, Mozart und Rossini auch ohne Singstimme klanglich attraktiv. Reichlich gespendeter Beifall führte zu zwei Zugaben, die Mühlemann, das Kammer­orchester und sein Dirigent bravourös absolvierten.

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