«Verdammt no mau Rock ’n’ Roll!»

Kultur

Das «Meitschi vom Breitsch» im Zürcher Hallenstadion: Steff la Cheffe tritt vor fast 13'000 Leuten auf. Ein Backstage-Bericht.

«Ich bin nicht die Organisatorin. Ich bin die Rapperin» Steffe la Cheffe bei ihrem Auftritt im Hallenstadion.

«Ich bin nicht die Organisatorin. Ich bin die Rapperin» Steffe la Cheffe bei ihrem Auftritt im Hallenstadion.

(Bild: Radio Energy/zvg)

Zwölf Minuten lang wird diese Show dauern. Zwölf Minuten, in denen es keine Rolle mehr spielt, wo sich Steff la Cheffe gerade befindet.

Stefanie Peter legt ihren Kopf auf den Tisch im Restaurant Les Halles in Zürich. «Bist du müde?» «Ja, aber weisst du», sagt sie, schaut auf, und streckt das Zettelchen hin, das an der Schnur ihres Yogi-Teebeutels hängt. Dort steht: «Hindernisse machen stark.» Sie hat Charme, diese junge Frau, die seit ihrem Sieg vor vier Jahren am Nachwuchswettbewerb M4Music wenig anderes tut, als sich der Musik zu widmen. Es ist Donnerstag, und morgen wird sie als Steff la Cheffe im Rahmen des «Energy Stars for Free» im Hallenstadion auftreten. Seit elf Jahren veranstaltet das Schweizer Privatradio Energy diesen Mega-Event mit Stars aus dem Popmusik-Sektor. Tickets kann man keine kaufen, sondern nur gewinnen. Es ist nicht gerade das Format, mit dem man die erfolgreichste Schweizer Rapperin in Verbindung bringen würde. Was will sie dort, zwischen einem Liebeslieder singenden Ex-Mister-Schweiz Jan Oliver, einem komplett durchkommerzialisierten Bligg und der britischen Schmachtsängerin Leona Lewis? «Ich hab mir das lange überlegt, ob ich das machen will.» Nun steht Steff la Cheffe hinter ihrer Entscheidung, sie findet, dass es okay ist, diese Promotionsgelegenheit wahrzunehmen. Natürlich ist das auch reizvoll, sich von 13'000 Menschen anfeuern zu lassen.

Es macht den Anschein, als gebe es unter den Acts verschiedene Kategorien: Steff la Cheffe tritt vor 20 Uhr auf und ihre Show wird somit nicht im Fernsehen übertragen; auf dem Werbeplakat ist sie als «Special Act» aufgeführt. Da sie aber gerade ein halbes Jahr Promotions-Tour für ihr Album «Vögu zum Geburtstag» hinter sich hat, ist die Band eingespielt. Einen Tag vor dieser grossen Kiste geht es nur noch um den Feinschliff.

Räkeln statt stänkern

Im Studio von Dominik «Dodo» Jud, des Zürcher Produzenten, Rappers und Weggefährten, hat sie sich eben erst ein Zimmer eingerichtet. «Hip-Hop-WG» nennt sie es, weil da auch andere Künstler an neuen Werken schrauben. Als sie gerade auf Toilette will, erscheint der Zürcher Musiker Dabu Fantastic. Stefanie macht einen Satz zurück in die Küche und rappt ihn mit einer Idee für den gemeinsamen Song an. Derweil erzählt Dodo von seiner neuen Trainingsmethode («Fit ohne Geräte»), und Hintergrundsängerin Brandy Butler weiht die Aushilfskraft Milena Buzzo in die Choreografie zu «Ha ke Ahnig» ein.

Als Steff la Cheffe und ihre Crew im Hallenstadion ankommen, stehen sie erst mal alleine da. Da gibt es weder einen Empfang, noch weiss die Band, wo sie ihre Gerätschaft hinbringen soll. Steff trägt Schlagzeugteile und Koffer in die Halle («Weshalb soll ich bloss herumstehen?») und bewahrt Ruhe. Als der Soundcheck mit drei Stunden Verspätung doch noch über die Bühne geht, knurren die Mägen und die Stimmung ist geladen. Aber statt zu stänkern, räkelt sie sich auf einem Konzertflügel, der irgendwo hinter der Bühne darauf wartet, weggerollt zu werden. «Na? Irgendwann, im roten Abendkleid . . .»

Seelenlose Hallen und coole Clubs

Am Freitag ist Besammlung in der Hip-Hop-WG. Während sich Steff mit dem Make-up-Pinsel übers Gesicht fährt, erzählt sie von ihrem letzten halben Jahr. Sie hat keinen Bock mehr darauf, dass die grossen Anlässe immense Erwartungen an sie und das Publikum wecken. «Ich muss mich selbst schützen. Sonst ist das jedes Mal eine Faust ins Gesicht.» «Bist du ernüchtert?» «Ja, huere», sagt Steff und trägt noch etwas mehr Puder auf. «Ich habe genug von diesen seelenlosen Hallen, die nur funktionieren, wenn da mindestens 1000 Leute drin sind. Nächstes Jahr will ich wieder in zwei bis drei coolen Clubs spielen.» Auch wenn sie finanziell drauflegen muss.

Das Backstage-Zimmer im Hallenstadion muss für sie, ihre siebenköpfige Band und die 18 Tänzer reichen. Nebenan ist Bastian Baker, den sie herzlich drückt und mit «Congrats pour ton MTV-Dingsbums» begrüsst. Rauchschwaden drängen aus Sidos Backstage-Raum. Während sich alle aneinander vorbeidrücken, trägt Steff Lidstrich und roten Lippenstift auf, bindet ihr hüftlanges Haar zum Zopf und lacht in den Spiegel. «Die Leute sollen wissen, dass ich eine Hammer-Band im Rücken habe. Was mir mache, isch verdammt no mau Rock ’n’ Roll!» Als ihr Manager sie fragt, wo der Rest der Crew sei, sagt sie nüchtern: «Ich bin nicht die Organisatorin. Ich bin die Rapperin.»

Die Band wird abgeholt, um sich hinter der Bühne in Stellung zu bringen. Steff trommelt ihre Truppe zusammen, sie bilden einen dichten Knäuel und zelebrieren den Schlachtruf. Die Rapperin stellt sich mit ausgestreckten Armen hinter den Vorhang, als wolle sie sich die Energie der kreischenden Menschen einverleiben. Der Schlagzeuger zählt ein. Steff rennt los. Ihr Zopf schlängelt ihr im Nacken hinterher. Steff la Cheffes Band ist eine der wenigen, die an diesem Abend komplett live auftritt. Egal unter welchen Umständen: So viel Realness muss bei Steff la Cheffe sein. Die Ruhe, die Steff umgibt, schwindet auch nach dem Auftritt nicht. Glücklich meint sie nur: «Ich würde es wieder tun.»

Der Bund

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