«Kunst kann einen Menschen ändern»

Jared Leto von Thirty Seconds to Mars über Konflikte und Kreativität.

Mustergültiger Mut zur Farbe: Jared Leto ist, das Foto deutet es an, ein bunter Vogel. Ist es die französische Abstammung?

Mustergültiger Mut zur Farbe: Jared Leto ist, das Foto deutet es an, ein bunter Vogel. Ist es die französische Abstammung?

(Bild: Reuters)

Am 12. März spielt die amerikanische Alternative-Rock-Band Thirty Seconds to Mars in der Basler St. Jakobshalle. Aushängeschild der Dreier-Kombo ist Jared Leto. Der 45-Jährige aus dem US-Bundesstaat Louisiana ist ein Star und ein Multitalent. All jenen, die Rockmusik nicht so sehr mögen, dürfte er mindestens als ausgezeichneter Schauspieler bekannt sein. Für seine Rolle als aidskranker Transvestit Rayon in «Dallas Buyers Club» von 2013 hat er 2014 einen Oscar als bester Nebendarsteller erhalten. Völlig zu Recht. An der Seite des ebenfalls grossartigen Matthew McConaughey – bester Hauptdarsteller! – liefert er eine Glanzleistung.

Dieses Jahr war Leto unter anderem in der Fortsetzung des Kult-Films «Blade Runner» zu sehen. Er spielte in «Blade Runner 2049» den blinden Seher Niander Wallace. Anfang Oktober wurde bekannt, dass Leto in die Rolle des kürzlich verstorbenen Playboy-Gründers Hugh Hefner schlüpfen wird.

Der Mann, dessen Mutter aus einer Cajun-Familie stammt, also von den französischsprachigen Siedlern im Grossraum New Orleans abstammt, die dort sesshaft wurden, nachdem man sie aus Kanadas Atlantikprovinzen vertrieben hatte, ist vielbeschäftigt. Steht er vor den Filmkameras, eilt ihm der Ruf voraus, ein «Method Actor» zu sein. Das heisst, er lebt sich voll und ganz in seine Rolle ein, bleibt oft sogar in dieser, auch wenn der Dreh für den Tag längst beendet ist.

Viele, viele Konzerte

Der Mann ist auch ein Vielbeschäftigter, wenn er mit Thirty Seconds to Mars durchs Land zieht. Kaum eine andere Band spielt so viele Konzerte, wenn sie mit einer neuen Platte auf Tournee geht, wie die drei Herren Tomislav Milicevic, Shannon Leto und Jared Leto. Shannon ist der um ein Jahr ältere Bruder von Jared.

Alles andere als selbstverständlich somit, dass Jared Leto Zeit für ein Gespräch findet. Hiess es zuerst vom Veranstalter noch, es bestehe die Möglichkeit, ihn in London zu treffen, so wurde dies ein paar Tage später in das Angebot umgewandelt, mit Jared Leto ein kurzes Telefongespräch zu führen. Dieses angekündigte Gespräch wurde beim ersten vereinbarten Termin aus irgendwelchen Gründen kurzfristig abgesagt. Beim zweiten Mal kam es nicht zustande, weil Leto offenbar einfiel, dass ja der faktisch höchste amerikanische Nationalfeiertag Thanksgiving unmittelbar bevorsteht, aber beim dritten Mal klappte es.

Die Übungsanleitung lautete wie folgt: zehn Minuten Gespräch um 19.40 Uhr (10.40 Uhr in Kalifornien). Logischerweise erhält der Journalist nicht die Handy-Nummer von Jared Leto, sondern wird angerufen. Und weil man ja den Anruf zurückverfolgen könnte, wird man verbunden, via London, England.

Geduld ist gefragt

19.35 Uhr. Ich sitze auf dem Bett im Schlafzimmer. Handy und Aufnahmegerät liegen bereit. Daneben ein A5-Notizblock (liniert) mit zwei, drei Stichworten darauf.

19.55 Uhr. Noch hat das Telefon nicht geklingelt. Ob wohl wieder etwas dazwischengekommen ist?

19.58 Uhr. Man hätte um diese Zeit noch allerlei anderes zu tun, als nervös auf den Anruf eines Stars aus Amerika zu warten, der vielleicht nie erfolgen wird.

Punkt 20 Uhr. Das Telefon klingelt. Es ist eine Nummer aus London, wie das Display verrät. Adam, der PR-Profi, meldet sich. Es tue ihm leid wegen der Verspätung, aber Jared sei in zwei Sekunden bereit. Ob mir die Bedingungen auch klar seien? «Nur Fragen zur Musik und zur Tournee. Keine Fragen zu Trump oder zu Harvey Weinstein.»

Dann für über eine Minute tote Leitung. Das hätte zum Mars und zurück gereicht. Dann zwei Männer gleichzeitig am Telefon, Jared in Kalifornien und Adam in London, sie haben offenbar noch rasch etwas miteinander besprochen.

BaZ: Jared?
Jared Leto: Hey Markus, wie gehts?

Danke, gut. du bist offensichtlich sehr beschäftigt heute, mit all den Interviews, die du geben musst. Und jetzt bist du auch noch in Verzug geraten. Ziemlicher Stress, oder?
Nicht so schlimm. Danke, dass du gewartet hast.

Kein Problem. Bin froh, dich am Draht zu haben. Euer neues Album wird «A Day in the Life of America» heissen …
Nein. Das ist nicht wirklich der Titel des Albums. Das ist der Titel eines Films, an dem wir arbeiten. Er ist ein Begleitstück zum Album.

Wie heisst denn das Album?
Das haben wir noch nicht bekannt gegeben.

Nun gut, trotzdem: Wie war denn dein Tag im Leben Amerikas heute? Wo bist du überhaupt, in Los Angeles?
Yep, ich bin in Los Angeles. Ich gebe jetzt seit einer Stunde Interviews und sitze jetzt in meinem Auto, fahre zum nächsten Meeting und spreche mit dir.

Wie unterscheidet sich denn Amerika im November 2017 vom Amerika im November 2016?
Jedes Jahr ist anders. Aber wir leben in einer sehr anspruchsvollen Zeit. Es gibt recht viel Instabilität und Unsicherheit. Ja, es ist eine faszinierende Zeit, die wir gerade erleben, deshalb wollen wir diesen Dokumentarfilm drehen.

Diese Instabilität und Unsicherheit, so nehme ich an, hat etwas mit dem politischen Umbruch in den USA zu tun?
Absolut. Es findet ein Wechsel in der Gesellschaft statt, es gibt politische Umbrüche, die Umwelt verändert sich – vieles passiert. Und die erste Single des neuen Albums «Walk on Water» gibt davon Zeugnis ab. Es ist ein Song, der aufzeigt, in was für einer Welt wir leben. Es ist ein Song, der über Veränderungen spricht. Und es ist ein Song über die Verantwortung, aufzustehen und für seine Überzeugungen zu kämpfen.

Wie haben sich diese Veränderungen – auf allen Ebenen – auf dein Komponieren und Texten ausgewirkt?
Es wirkt sich auf alles aus, was dir passiert. Dein Leben, deine Arbeit, die Kunst, die du machst. Die Auswirkungen sind erheblich. Natürlich hat das alles Einfluss auf die Art, wie ich Lieder schreibe.

Stärker als noch vor zehn Jahren?
Ja, würde ich sagen. Vor zehn Jahren hatten wir gerade damit angefangen, an einem Album zu arbeiten, das «This is War» heisst. Wir kämpften gegen unsere Plattenfirma um Rechte, und so kam dieser Titel zustande. Er bezog sich auf diesen Konflikt.

Ist es für einen Künstler und seine Produktivität essenziell, sich einem Konflikt stellen zu müssen, sich an etwas zu reiben?
Absolut nicht, nein. Denken wir an Fotografie. Es ist doch absolut schön und fesselnd, den Sonnenuntergang abzubilden. Man braucht nicht einen Konflikt oder eine Tragödie, um einen Song zu schreiben oder eine Story. Es ist doch auch sehr lohnend, nach dem Schönen zu streben.

Schauen wir auf die Schweiz. Wir sind glücklicherweise allen grossen Konflikten der letzten 200 Jahre entkommen. Aber so präsentiert sich auch unsere Kunst. Sie ist nicht aufsehenerregend oder stark. Sie ist meist selbstgenügsam und sehr brav.
Es steht mir nicht zu, über die Kunst in der Schweiz zu reden. Wenn ich an dein Land denke, fällt mir der Stolz an hochqualitativem Handwerk ein. Sorgfalt. All das kannst du nicht haben, wenn nicht ein gewisses Mass an Kreativität vorhanden ist. Denk mal an Uhren. Das ist jetzt ein Klischee, oder?

Ja, selbstverständlich. Uhren und Schweiz.
Es steckt so viel Sorgfalt, Wissen und handwerkliches Können in der Herstellung einer Uhr, das kann nur an einem Ort gelingen, der Stabilität kennt, der friedlich ist, wo alles unter Kontrolle ist.

Schauen wir auf die USA. Ich verbringe acht bis zehn Wochen pro Jahr in Neu-England. Ich sehe die Risse, die jetzt durchs Land gehen. Kannst du mit Musik etwas dagegen ausrichten?
(Pause. Denkt nach.) Ich glaube schon. Jede Form von Kunst kann einen Menschen verändern oder ihn inspirieren. Und wenn sie den einzelnen Menschen verändern kann, kann sie auch die Welt verändern ...

An dieser Stelle werden wir aus London unsanft unterbrochen. Adam mischt sich in das Gespräch ein und weist darauf hin, dass es nur noch Zeit für eine einzige weitere Frage gibt. Adam findet zudem, es sollte jetzt in dem Gespräch um die Tournee und die neue Platte gehen …

BaZ: Okay. Danke, Adam. Also, Jared, wenn du auf der Bühne stehst als Musiker, vor einem vollen Stadion, kriegst du mehr Energie vom Publikum, oder gibst du dem Publikum Energie?
Jared Leto: Oh, nein, ich denke, wenn ich auf der Bühne stehe, bin ich im Dienst des Publikums. Ich denke nie darüber nach, ob ich jetzt Energie kriege. Ich denke nur an das, was ich den Leuten geben kann. Und ich glaube, die Show, die wir in eurem Land spielen werden, wird toll. Es ist das erste Mal seit einiger Zeit, dass wir neue Songs präsentieren werden, ein brandneues Album, eine brandneue Show, eine brandneue Tournee. Das wird echt sehr speziell. Wir freuen uns sehr darauf, in die Schweiz zu kommen und euch zu sehen …

Was kommt denn nun zuerst? Der Dokumentarfilm oder das Album?
Das Album.

Adam redet schon wieder rein. Murmelt irgendwas. Es sind allerdings noch keine zehn Minuten Sprechzeit vorbei.

BaZ: Danke Jared, dass du dir Zeit genommen hast. Einen schönen Tag noch.
Jared Leto: Danke dir. Pass auf dich auf. Bye-bye.

Tote Linie. Auch Adam hat nun nichts mehr zu sagen, ist einfach weg. Ohne Gruss, ohne Adieu, ohne bye-bye, ohne nichts.

Es bleibt das ärgerliche Gefühl, dass hier irgendein PR-Manager gerade ein durchaus gutes Gespräch – das sich ziemlich strikt an alle auferlegten Verhaltensregeln hielt – unterbunden hat. Jared Leto jedenfalls hat den Wink mit dem britischen Zaunpfahl verstanden und all das Brandneue in einer einzigen Antwort noch untergebracht, ein Profi eben.

Mehr von Jared Leto und Thirty Seconds to Mars am 12. März in Basel.

Basler Zeitung

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