Im Margenloch

Das Musikgeschäft wächst wieder. Das Streaming ist dabei das Glück, aber auch das Unglück der Branche.

<img src="http://files.newsnetz.ch/upload//7/9/79064.jpg" border="0/" class="textImg" style="width:100%"> Eingeschweisst und billig: Das Albumcover als sarkastische Selbstvermarktung von Künstlerin Santigold.

Eingeschweisst und billig: Das Albumcover als sarkastische Selbstvermarktung von Künstlerin Santigold.

Die Musikerin ist luftdicht eingeschweisst in Plastik, zusammen mit allerlei Schminkzeug und Billiginstrumenten und zum Kaufpreis eines Liedes im Internet: «99 Cents» heisst das letzte, im Februar erschienene Album der US-amerikanischen R&B-Sängerin Santigold. Die Künstlerin als Ramsch, bedroht vom näherrückenden Verfallsdatum. Die Musik dazu ist ein überdrehter, hysterisch gut gelaunter Konfektpop, hurtig «eingetütet zum Verkauf», wie es in einem der Songs heisst, und «gut für dein Wohlbefinden». Diese sarkastische Selbstvermarktung von Santigold illustriert seit gestern nun sehr schön den neuesten Bericht der internationalen Musikbranche, der IFPI.

Denn die freut sich zwar über den ersten substanziellen Umsatzzuwachs seit fast 20 Jahren, mahnt aber auch: Das Wachstum von 3,2 Prozent stehe in einem viel zu kleinen Verhältnis zum tatsächlichen Wachstum des Musikkonsums, der «explodiert» sei. Zwar machten die in der IFPI zusammengeschlossenen Plattenfirmen im Jahr 2015 erstmals seit 2009 wieder einen Umsatz von mehr als 15 Milliarden Dollar. Dabei profitierten sie – und erst recht die Künstler – aber noch zu wenig vom Boom der Streamingdienste, bei denen Musik nicht mehr gekauft, sondern im bezahlten oder auch unbezahlten Abo gehört wird. Um 45,2 Prozent stiegen 2015 die Einnahmen aus dem Streaming, sie machen bereits 43 Prozent des Umsatzes im digitalen Musikgeschäft aus. In den USA wurden 93 Prozent mehr Songs gestreamt als im Vorjahr. Im Vergleich mit diesen Raten ist das Wachstum der Branche tatsächlich bescheiden ausgefallen. Die Marge ist im Streaming deutlich tiefer als bei Downloads oder bei physischen Tonträgern wie CDs und LPs.

Die Schweiz hinkt hinterher

Dieser Widerspruch – das «Margenloch», wie die IFPI schreibt – zeigt sich umso deutlicher, als die Verkäufe von CDs und LPs nur noch leicht, um 4,5 Prozent, gesunken sind; was dafür spricht, dass der Musikkonsum insgesamt tatsächlich stark gewachsen ist, seit die Songs leicht greifbar im Internet lagern und über das Smartphone auch jederzeit abrufbar sind. Weltweit hat das digitale Geschäft den Handel mit traditionellen Tonträgern erstmals überflügelt: Zu den 19 Ländern, in denen die CD als wichtigstes Produkt abgelöst wurde, zählt allerdings noch nicht die Schweiz. Unser Land hinkt der Entwicklung traditionellerweise hinterher, hier setzte die Branche im letzten Jahr nochmals 3,5 Prozent weniger Geld um.

Ungeschlagen an der Spitze: Adele mit ihrem Album «25». Hier an den BRIT Awards 2016 mit «When We Were Young».

Zu einem weltweit guten Musikjahr trug 2015 auch bei, dass mehrere Superstars neue Platten auf dem Markt hatten. Die überragende Künstlerin war dabei die britische Soulsängerin Adele, die von ihrem Album «25» in den letzten sechs Wochen des Jahres rund 17,4 Millionen Stück verkaufte; hinter ihr folgten Ed Sheeran und Taylor Swift – mit je 3,5 Millionen Exemplaren ihrer schon Ende 2014 veröffentlichten Platten.

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