«Ich bin Mitglied bei Exit»

Tina Turner spricht in einem Interview offen über ihre körperlichen Gebrechen, den Suizid ihres Sohnes, das Leben in der Schweiz – und den Tod.

«Ich bin bereit, wenn die Tür sich öffnet.» Tina Turner bei einem ihrer letzten Konzerte im Jahr 2009. (Archiv) Bild: Hermann J. Knippertz/Keystone

«Ich bin bereit, wenn die Tür sich öffnet.» Tina Turner bei einem ihrer letzten Konzerte im Jahr 2009. (Archiv) Bild: Hermann J. Knippertz/Keystone

Beckenbruch, Schlaganfall, Darmkrebs, Nierentransplantation: Im Interview mit der Wochenzeitung «Die Zeit», das morgen Donnerstag erscheint, spricht die Rocklegende Tina Turner an ihrem Schweizer Wohnsitz über die zahlreichen schweren Krankheiten, die sie zuletzt in kurzen Abständen heimgesucht hatten. «Es kam tak-tak-tak-tak-tak», sagt Turner. Trotzdem sei sie nie desillusioniert gewesen. «Ich hatte das Gefühl, dass ich geheilt werden würde. Ich war die ganze Zeit zuversichtlich.» Nur die «Sache mit der Niere» habe ihr Sorgen bereitet, nichts habe geholfen. Weder die Medikamente noch ein Homöopath, «der glaubte, dass ich eine Vergiftung habe – von dem Trinkwasser, das in unserer Villa durch alte Rohre floss».

Im vergangenen Jahr erhielt Turner eine Niere von ihrem Ehemann Erwin Bach, einem deutschen Musikmanager, der 16 Jahre jünger ist als die Rocklegende; die beiden heirateten vor fünf Jahren. «Als Erwin sagte, er sei bereit, mir sein Organ zu geben, habe ich erst verstanden, wie sehr er mich liebt. Ich hatte wahre Liebe ja bisher in keiner Beziehung erfahren.» Nicht mit ihrem ersten Ehemann Ike, der sie regelmässig geschlagen und misshandelt hatte. Aber auch nicht mit ihrer Mutter, «die mir seit meiner Geburt das Gefühl gegeben hatte, dass ich ihr gleichgültig bin.»

«Wir wissen nicht, warum er das getan hat»

«Halt dir mal kurz die Ohren zu!», ruft Turner ihrem Mann zu, der während dem «Zeit»-Interview auf einem Liegestuhl Platz nimmt. «Ich hör gar nicht zu!», ruft der zurück. Seit der Nierentransplantation sei sie abhängiger von ihrem Mann als bisher, meint Turner. «Und ich bin ja eigentlich eine sehr unabhängige Person.» Die Öffentlichkeit wusste bis vor wenigen Tagen nichts von ihren lebensbedrohlichen Krankheiten, Turner hatte sie geheim gehalten.

In einer Autobiografie («My Love Story»), die nächste Woche erscheint, und im «Zeit»-Interview spricht Turner nicht nur über ihre Krankheiten, sondern auch über ihren Sohn Craig, der sich in diesem Sommer das Leben nahm – im Alter von 59 Jahren und mit einer Waffe, die er von Tina Turners Mutter geerbt hatte. «Wir wissen nicht, warum er das getan hat. Aber es ist passiert, und es ist okay. Weil ich verstanden habe, dass er sich auf den Tod vorbereitet hat … und … es gefällt mir nicht, wie er von uns gegangen ist. Aber ich glaube, Craig war froh zu gehen, das sagt er in den Nachrichten, die er hinterlassen hat».

Für sie selbst sei der Gedanke, dass sie sterbe, «in Ordnung». Ihr Glaube «an etwas Grösseres» helfe ihr dabei. Früher sei sie Baptistin gewesen, heute ist Turner Buddhistin. «Ich bin bereit, wenn die Tür sich öffnet.» Turner ist aber auch Mitglied der Schweizer Sterbehilfeorganisation Exit. «Ich habe so ein Glück, dass ich hier in der Schweiz wohne. Ich möchte nicht krank aus dem Leben kriechen, ich möchte einfach gehen.»

In der Schweiz zu leben, sei ein «Riesenvorteil»

Auch sonst äussert sich Turner sehr positiv über die Schweiz, wo sie seit zwei Jahrzehnten lebt und 2013 den Pass erhielt. Besonders während ihrer Krankheit sei es ein «Riesenvorteil» gewesen, hier und nicht etwa in England oder den USA zu leben, da in der Schweiz die Privatsphäre respektiert würde. Als sie knapp ein Jahr lang mehrmals in der Woche zur Dialyse musste, sei sie nicht durch eine Hintertür, sondern durch den normalen Eingang ins Krankenhaus gegangen. Sie habe dabei aber nicht geredet. «Sonst hätten alle gemerkt, dass da jemand Englisch spricht, vielleicht hätten die Leute meine Stimme erkannt.»

Zu ihrer Stimme hat Turner übrigens ein gespaltenes Verhältnis. «Sie ist sehr tief, sehr dunkel, eigentlich hören sich sonst nur Männer so an.» Als sie ein Kind gewesen sei, habe es fast nur männliche Stimmen gegeben: «Ray Charles, Sam Cooke, ich passte da also gut rein. Meine Stimme ist sogar tiefer als die von Nat King Cole. Ich kann tief singen, ich kann hoch singen, ich kann alles singen – halt nicht schön. Schön ist nicht mein Stil. Nicht im Singen. Und auch sonst irgendwie nicht.»

atob

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