Eine Basler Band schreibt Musikgeschichte

Das hat es noch nie gegeben: The bianca Story sammeln via Internet über 90'000 Euro für ein neues Album – im Gegenzug verschenken die Basler ihre Musik. Damit umgehen sie eines der grössten Probleme der Musikindustrie.

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Elia Rediger, zur Zeit vermutlich der bekannteste Bart Basels und Kopf der Basler Art-Pop-Band The bianca Story, ist überglücklich: «Unser Plattenlabel-Chef Tim Renner rief mich am Montagmorgen an und weckte mich mit den Worten: Wir haben es geschafft!».

Wirklich im Trockenen sind die gesammelten 90'367 Euro aber erst seit Dienstagabend. Dann lief auf der Crowdfunding-Plattform wemakeit.ch nämlich die Galgenfrist für das Projekt ab – wäre der anvisierte Betrag nicht zusammengekommen, hätte die Band keinen einzigen Cent erhalten.

Neue, unkonventionelle Wege

Die Aktion war also so waghalsig wie ambitioniert: Unter dem Motto «Bist du Kumpel?» versuchte The bianca Story (ja, die schreiben sich mit kleinem «b») innerhalb der letzten zehn Wochen 90'000 Euro zusammenzuscharren. Oder wie es im Projektbeschrieb heisst: «Wir versuchen mit euch zusammen ein Loch in das verhärtete Gestein der Musikindustrie zu hauen. Auf der anderen Seite erwartet uns freie Sicht auf ein Land, in dem die Musik frei ist.» Nun stehen sie also da, die Biancas, am anderen Ende des Tunnels, mit 90'000 Euro auf dem Konto und einem breiten Grinsen im Gesicht. Die Aktion passt in ihrer Unkonventionalität und in ihrem sympathischen Grössenwahn gut zu den Baslern. 2009 verkaufte The bianca Story von ihrem «Unique Copy Album» lediglich ein einziges Exemplar – für 10'000 Franken.

Nun beschreitet das Quintett also wieder einen neuen Weg, mitten durch den harten Granit der seit Jahren bröckelnden Plattenindustrie: Die Produktionskosten sind gedeckt, ab dem 29. November gibt es das Album auf der Homepage der Band als Gratis-Download. An den Konzerten gibt es «Digger» zudem als CD gratis auf die Kralle – es wurden immerhin 13'000 Alben gepresst. Mit ihrer Gratisaktion kann die Band ihre Musik nicht nur unglaublich breit streuen, sie eliminiert dabei auch elegant das Problem der illegalen Downloads. «Es ist eine einfache Idee, bei der sich jetzt alle an den Kopf fassen und fragen, warum das bis jetzt noch niemand gemacht hat», erklärt Rediger.

«Wir bezahlen das Label»

Die Idee sei bei der Plattenfirma Motor von Anfang an sehr gut angekommen, was sicher auch an Labelboss Tim Renner – eine Koryphäe im deutschen Musikbusiness – liegt, der immer offen ist für neue Ideen. «Wir fanden das sehr kreativ und gegen den Strom gedacht», erklärt Renner im Interview (siehe Box), «auch unsere Firma Motor stellt die Prinzipien der Musikwirtschaft in Frage». Und Rediger ergänzt: «Tims Aufgabe war, das ganze durchzurechnen».

Nun könnte man meinen, dass die Crowdfunding-Kumpel von The bianca Story der Plattenfirma einen Riesengefallen gemacht haben, indem sie das Label von sämtlichen Kosten befreien. Aber Rediger sieht das anders: «Labels waren ja eigentlich immer schon eine Bank, die Geld aufwerfen, das die Band mit hohen Zinsen wieder zurückzahlen musste.» Jetzt sei es aber so, dass das Geld direkt zur Band wandert. «Wir sind die Unternehmer und bezahlen das Label», bringt es Rediger auf den Punkt.

Die Chartplatzierung ist zweitrangig

Dass «Digger» als Gratis-Album vermutlich kaum Chancen hat, weit vorne in den Hitparaden zu landen (siehe Box), lässt Rediger ziemlich kalt: «Für uns sind Chart-Platzierungen nur die halbe Weisheit. Unsere letzte Platte ist auch nicht so hoch eingestiegen – und trotzdem hatten wir 70 meist ausverkaufte Konzerte.» Das Wichtigste sei, dass die Band ihre neue Platte «freikaufen» konnte. «Diese Geschichte ist stärker als jede Chartplatzierung», findet Rediger. Man kann ihm nur Recht geben in Anbetracht des grossen medialen Echos, das Biancas 90'000-Euro-Baby bereits ausgelöst hat – sogar Blogs aus den USA haben sich bei den Baslern gemeldet. Auch in Deutschland sind die Basler in aller Munde.

Jetzt, da die Album-Produktion gesichert ist, kann sich Rediger mit den ersten Reaktionen auf die neuen Songs (man kann das Album bereits als Vorab-Stream beim deutschen Fachmagazin Musikexpress hören) beschäftigen. «Darüber habe ich mich extrem gefreut! Denn diese positive Nervosität, die man als Künstler hat, wenn man seinen Hörern etwas zeigt, ist immer da.»

Nach den Champagner-Feiern der letzten Tage soll es jetzt möglichst rasch in den Bandraum gehen: Die Deutschland-Tournee steht an. Und am 29. November wird das neue Album in der Kaserne Basel getauft – am offiziellen Release-Tag dieser komplett von den Fans finanzierten Platte.

baz.ch/Newsnet

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