«Die Wände der Kunsthalle sollen vibrieren»

Franz Treichler, Sänger der Gruppe The Young Gods, erklärt, wie man eine Katharsis vertont.

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Ane Hebeisen

Sie vertonen in einem musikalischen Achtstünder die recht verworrene Ausstellung «Morgenröte», die nicht nur geografisch, sondern auch kunstdisziplinär verschiedenste Positionen beleuchtet. Was ist Ihr Ansatz?
Ich bin einer, der Ausstellungen besucht, ohne zuvor die Gebrauchsanweisung zu lesen. Es ist so. Die Ausstellung ist auf den ersten Blick sehr komplex und intuitiv, aber sie ist auch sehr aktuell und direkt. Wenn man die Kunsthalle betritt, sieht man als Erstes Bilder aus Syrien. Aus einem Syrien vor dem Krieg. Gebäude, die heute zerstört sind. Was ist die Vorstellung von Heimat? Kann diese durch einen Krieg zerstört werden? Solche Fragen habe ich mir gestellt. Es gibt auch einen Raum mit Arbeiten eines Botanikers, alte Bergmalerei aus der Schweiz oder zeitgenössische Kunst aus dem Libanon. Es geht um die Frage nach der eigenen Identität, um die Auflösung von Grenzen. Hier setze ich an. Ich lege die Stimmung dieser Ausstellung sehr persönlich aus.

Es ist eine Schau, die eng mit der Biografie der Kuratorin Donatella Bernardi verbunden ist. Sie wohnt wie Sie in Genf. Haben sich ihre Wege zuvor schon mal gekreuzt?
Obschon wir beide lange in der alternativen Kulturszene der Stadt herumgeisterten, habe ich sie erst letztes Jahr kennen gelernt. Für die Ausstellung in Bern haben ich mich intensiv mit ihrer Arbeit auseinandergesetzt. Ihr Vater war Italiener und war in der faschistischen Partei. Nach dem Krieg arbeitete er als Botaniker und hinterliess Tausende von Bildern. Viele davon sind in der Ausstellung zu sehen. Die beiden verband eine komplizierte Beziehung, voller offener Fragen und Rätsel. Die Ausstellung ist auch eine Art Katharsis.

Wie vertont man eine Katharsis?
Die Musik soll die Stimmung der Ausstellung aufnehmen, deshalb wollte ich auch kein konventionelles Konzert geben. Es gibt hier schon genug zu erleben. Donatella Bernardi ist es ein Anliegen, Kunsträume zum Leben zu erwecken. Sie sagte mir, sie wünsche sich, dass die Wände der Kunsthalle in Vibration geraten.

Welche Rolle spielen die Gäste Loten Namling und Aïsha Devi?
Donatellas Vater Luciano hat auf seinen botanischen Expeditionen auch in Tibet haltgemacht. Beide Gäste sind mit dieser Region eng verbunden. Aïsha Devi war früher unter dem Namen Kate Wax unterwegs und hat sehr erstaunliche Musik geschaffen. Sie singt teilweise fast tiefer als Loten. Das will etwas heissen. (lacht)

Ihr Vater ist Brasilianer. Haben Themen wie Heimat und Grenzen in Ihrem Leben eine Rolle gespielt?
Es ist weniger die Heimatfrage – ich habe mich stets als Schweizer gefühlt –, sondern die Frage nach der Identität, die mich im Alter mehr umtreibt als früher. Ich reise mittlerweile jedes Jahr mit meinem Vater nach Brasilien, um auch diese Seite meines Wesens zu ergründen.

Sie sind in letzter Zeit mehr in Museen als auf Konzertbühnen anzutreffen. Was leben Sie dort aus, was Sie auf der Bühne nicht finden?
Eigentlich bin ich ja ein alter Rocker. Ich habe lange damit zugebracht, eine Idee musikalisch auf den Punkt zu bringen. Solche Projekte erlauben es mir, ein Gefühl zu vertiefen, mit der Zeit ganz anders umzugehen und meine Musik viel offener zu gestalten. Das ist eine wertvolle Erfahrung. Wenn ich mit den Young Gods ein Konzert gebe, ist das wie ein Blitzkrieg. Das Projekt in der Kunsthalle ist – wie es Loten so schön ausdrückte – eher eine Meditation.

Und wie gehts mit Ihrer Stammband The Young Gods weiter? Wir sind wieder am Produzieren. Am diesjährigen Cully Jazz Festival haben wir jeden Abend einen kleinen Keller bespielt und mit neuem Material experimentiert. Es war ein kreativer und positiver Prozess. Erste Früchte davon werden wir zum Auftakt des Fête de la Musique am 19. Juni in Genf vorstellen. Ein neues Album ist ebenfalls vorgesehen. Voraussichtlich im nächsten Jahr.

baz.ch/Newsnet

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