Die Rückkehr eines Widerborstigen

Prince hat mit seinem Label Frieden geschlossen und feiert wieder einmal ein Comeback – mit gleich zwei neuen Alben.

Flotter Vierer: Der kleine Grossmeister Prince (56) macht mit der Frauenband 3rdeyegirl gemeinsame Sache.

Flotter Vierer: Der kleine Grossmeister Prince (56) macht mit der Frauenband 3rdeyegirl gemeinsame Sache.

(Bild: Reuters)

Prince verdient unser aller Mitleid. Jahrzehntelang verweigerte der skurrile Musiker die Zusammenarbeit mit seiner alten Plattenfirma Warner, weil diese seine Schaffenskraft mit einem Knebelvertrag beschnitten hatte. Nun ist der Widerborstige, der sich damals über bizarre Namensänderungen und juris­tische Tricks aus Warners Fängen zu befreien suchte, wie ein geschlagener Hund ins Reich des Bösen zurück­gekehrt. Oder wenigstens sieht es danach aus.

Vor einigen Tagen veröffentlichte Prince mit «Art Official Age» und «PlectrumElectrum» gleich zwei neue Alben bei Warner. Dort zeigt man sich äusserst zufrieden über die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen und den daraus hervorgegangenen Vertrags­abschluss. Prince sei «einer von einer Handvoll Künstlern, die die moderne Musik und Kultur wirklich verändert und neu definiert haben», sagte CEO Cameron Strang. «Art Official Age» und «Plectrum­Electrum» würden «die unglaubliche Breite und Tiefe seines Talents ausloten».

Das Antidot zu Michael Jackson

Warner hatte Prince 1978 erstmals unter Vertrag genommen und generös unterstützt, bis der scheue Allrounder seine kreative Reife erreichte. 1984 zahlte sich die Investition aus, als das Album «Purple Rain» zum Millionen­seller avancierte. Der gleichnamige Kinofilm mit Prince in der Hauptrolle tat das Übrige, um diese «Mischung aus Jimi Hendrix und Charlie Chaplin» (Miles Davis über Prince) zum lasziven Antidot zu Michael Jackson zu erheben.

Die Gründe für Princ’ Versöhnung mit Warner sind offensichtlich: Nach Flirts mit anderen Konzernen und mutigen Vertriebsexperimenten, bei denen er seine Alben gratis an ­Konzertgänger und Zeitungsleser ab­­gab, vollzog Prince den Rückzug ins Internet. Im Cyberspace angekommen, musste er aber feststellen, dass nur ein Bruchteil der Menschen, die «Purple Rain» gekauft hatten, den Weg in seine Onlineshops fanden.

Auf der Suche nach einem Massenpublikum braucht auch Prince die geballte Macht eines Musikmultis. Dazu kommt, dass der Kontrollsüchtige die Rechte an seinem Frühwerk zurückhaben wollte, und die konnte ihm nur eine Firma geben: Warner Music.

Wirklich bemitleidenswert ist Prince allerdings nicht. Schliesslich ist seine Rückkehr ins Haus Warner nur das vorläufig letzte von vielen Comebacks, die der geübte Medienmanipulator über die letzten zwanzig Jahre inszeniert hat. Schon mit dem Dreifachalbum «Emancipation» (1996) schien er die ersehnte kreative Freiheit erlangt zu haben.

Der Annäherungsversuch an den modernen R ’n’ B mit «3121» (2006) brachte ihm viel Anerkennung und Aufmerksamkeit: Prince ist wieder da, hiess es schon oft, aber wirklich weg war er nie. Die Resonanz am Radio und in den Charts hat merklich abgenommen – Prince’ letzter Welthit «The Most Beautiful Girl in the World» liegt tatsächlich zwanzig Jahre zurück –, aber sein Renommee ist weiterhin unversehrt.

Mit dem üppigen Bouquet «Art Official Age» und «PlectrumElectrum» bezirzt Prince Presse und Publikum aufs Neue, überbracht wird das Präsent vom alten Partner Warner. Die neuen Werke klingen unverkennbar nach Prince und könnten doch unterschiedlicher nicht sein. «Art Official Age» ist ein sorgfältig konstruiertes Prince-Album mit delikat orchestriertem Bettgeflüster und vordergründigem Meisterwerkanspruch.

Wären nicht die Irrungen in Richtung Eurodance, hätte dies vielleicht ein Klassiker werden können. «Plectrum­Electrum» ist das weitaus konventionellere Werk, aber auch das überzeugendere. Hier spielt Prince kompakten Rock und Funk. Die Frauenband 3rdeyegirl agiert dabei mit ihm auf Augenhöhe. Und übernimmt schon mal die Führung, ohne einen Druckabfall einzufahren. Ein Schnellschuss mit Niveau.

Die besseren Karten

Das virtuose Handwerk und die geballte Energie täuschen nicht darüber hinweg, dass Prince’ Zeit als Innovator längst vorbei ist und ehemalige Bewunderer wie Pharrell Williams, Kanye West und Will.i.am ihn längst überrundet haben. Dafür hätte Prince heute die besseren Karten als noch in den 90er-­Jahren. Seit dem Niedergang des englischen Konkurrenten EMI hat Warner zwar klingende Aktiva wie Coldplay und Pink Floyd im Portfolio, in Zeiten sinkender Umsätze muss der Konzern notgedrungen an der Zusammenarbeit mit anderen etablierten Grössen wie Prince interessiert ­bleiben.

Reibungsfrei wird die neue alte Partnerschaft sicher nicht verlaufen. Prince hat die Qualität der Kooperation mit Warner auch schon in der Presse moniert: «Jedes Mal, wenn ich die ­Bosse anrufe, sind sie mit ihren Kindern am Strand», stellte er gegenüber dem Fachmagazin Rolling Stone fest. «Wann arbeiten diese Menschen ­eigentlich?»

Prince mag zu Warner zurück­gekehrt sein, aber Ruhe bringt er auch 2014 nicht ins Haus seiner grössten Erfolge und nach eigener Auslegung schlimmsten Demütigungen.

Basler Zeitung

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