Bitte erst nach den Wahlen

Das SRF hat eine Reportage über EU-Turbo Robert Menasse versenkt. Nun sorgt die Verschiebung eines weiteren Films für Aufregung.

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Linus Schöpfer@L_Schoepfer

«Feigheit» warf der österreichische Autor und dezidierte EU-Befürworter Robert Menasse SRF vor, nachdem es einen «Reporter»-Film über ihn vom attraktiven Sonntagabend kurzfristig ins Web verschoben hatte. Die Erstausstrahlung im TV erfolgt erst nach den Wahlen vom 18. Oktober.

Filmemacher und Schriftsteller Yusuf Yesilöz musste die Angelegenheit bekannt vorkommen. SRF hat seinen Film «Der Wille zum Mitgestalten» vom anfänglich geplanten 26. August auf den 21. Oktober verlegt. Yesilöz ist 1987 aus der Türkei in die Schweiz geflohen und war Kolumnist der linken Zeitung WOZ. In seinem Film zeigt Yesilöz, wie zwei Politikerinnen und zwei Politiker mit Migrationshintergrund leben, arbeiten und über Identitätsfragen nachdenken.

Zu sehen sind die Basler Grüne Sibel Arslan, die Luzernerin Yvette Estermann von der SVP, der Berner Grüne Hasim Sancar sowie der Zuger SP-Mann Rupan Sivaganesan. Yesilöz wurde von SRF am 10. Juni über die Verschiebung seines Films informiert. Der Film könne erst nach den Wahlen gezeigt werden, weil die vier Porträtierten für ein Amt kandidierten und eine Ausstrahlung unfair gegenüber den anderen Kandidierenden sei, so die Erklärung von SRF.

«SRF hat völlig überreagiert»

Die Frage, ob er die Verschiebung nachvollziehen könne, kommentiert Regisseur Yesilöz nicht. Die Protagonisten seines Films sind weniger zurückhaltend. Der Sender habe völlig überreagiert, meint Sibel Arslan. «Wenn SRF mit seinen übrigen Sendungen so kritisch verfahren würde, dürfte es keinen einzigen Bericht mehr zeigen, in dem kandidierende Politiker über die Flüchtlingskrise reden», so die Grossrätin. «Etwas gar mutlos» habe SRF reagiert, meint Kantonsrat Rupan Sivaganesan. Wie wolle man glaubwürdig Partizipationswillen veranschaulichen, wenn man dafür keine aktiven Personen mehr zeigen dürfe?

«Die Verschiebung des Films ist unverständlich und peinlich», sagt der Berner Grossrat Sancar. Dieser Meinung ist auch SVP-Nationalrätin Yvette Estermann: «Im August war der Wahlkampf doch noch gar nicht im Gang.» Im Übrigen sei ein Politmoratorium von zwei Wochen vor den Wahlen vernünftig, so wie das andere Medien praktizierten – «aber doch nicht zwei Monate».

Relativ beliebige Argumentation

Der gehässige Wahlkampf und der knappe Ausgang der RTVG-Abstimmung Mitte Juni scheinen am Leutschenbach noch immer nachzuwirken. Der Sender ist offenkundig darauf bedacht, jeden Anschein politischer Parteinahme und besonders eines Linksdralls zu vermeiden. Die Kontroverse um einen angriffigen «Kassensturz»-Beitrag – die SVP hatte eine Beschwerde beim Ombudsmann eingereicht – dürfte die Sensibilität noch erhöht haben.

Die Einschätzung der politischen Filme scheint dabei relativ beliebig zu sein: Der Yesilöz-Film wurde als allzu politisch bewertet und wird deshalb nach dem 18. Oktober gezeigt. Die Veröffentlichung, besser: Versenkung des Menasse-Films als Web-Podcast am 13. Oktober dagegen wurde ganz anders begründet – nämlich mit seinem eminent politischen Charakter, der eine «thematische Anbindung an die Wahlen» nötig mache.

baz.ch/Newsnet

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