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Der letzte Mohikaner des Feuilletons

Joachim Kaiser ist tot. Der langjährige Redaktor der «Süddeutschen Zeitung» war der Universalgelehrte unter den deutschen Feuilletonisten.

Er war Teil der frühen Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschlands: Musikkritiker Joachim Kaiser ist 88-jährig gestorben.
Er war Teil der frühen Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschlands: Musikkritiker Joachim Kaiser ist 88-jährig gestorben.
Popow (Ullstein, Getty Images)

Er liebte Heinrich Böll, auch, weil der so bescheiden war. Ihm selbst ging Bescheidenheit völlig ab. Joachim Kaiser wusste, was er konnte und wert war. Und er war in einer Zeit aktiv, in der dieses Wissen und Können auch etwas galt. Er schrieb für ein Publikum, das die Werke der Hochkultur und die Teilhabe an ihnen als selbstverständliches Element eines sinnvollen Lebens erachtete – und die, die diese Werke schufen und vermittelten, schätzte, ja verehrte. Zu diesen gehörten nicht nur Dichter und Komponisten, nicht nur Regisseure und Interpreten, sondern auch Kritiker.

Joachim Kaiser war einer der bedeutendsten Kritiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, mit wenigen vergleichbar in seiner breiten Kenntnis der Kulturgeschichte, seiner Beobachtungsgenauigkeit und seiner Fähigkeit, beides so zu vermitteln, dass es interessierte Leser und Zuhörer verstehen können. Mehr noch: dass sie Vergnügen empfinden dabei, Werke erklärt, Interpretationen beurteilt und Leistungen kritisiert zu bekommen.

Von der Note zum Wort

Umfassendes Wissen, feinste Sensibilität und sprachliche Finesse: Diese Qualitäten bewies Kaiser – und da war er der einzige seiner Zunft – in gleich drei Fächern. Er brillierte sowohl in der Theater-, der Literatur- wie in der Musikkritik. Wahrgenommen wurde er am stärksten in Letzterem, wohl weil er in diesem Fach, dem schwersten des klassischen Feuilletons, kaum gleichwertige Konkurrenz hatte: Niemand konnte wie er Noten und Töne in Worte umsetzen.

1928 geboren, wuchs Kaiser im bildungsbürgerlichen Milieu auf. Sein Vater war Landarzt in Ostpreussen und zugleich ein passionierter Kammermusiker. Grössen wie Edwin Fischer und Wilhelm Kempff kamen ins Haus. Der Sohn lernte früh Klavier – er wurde dann ein ordentlicher Amateurpianist – und las, viel zu früh, was die elterliche Bibliothek hergab. Er lernte, etwa bei Thomas Mann, Ironie kennen als Gegengift zur NS-Propaganda. Nach dem Krieg studierte er Philosophie, Germanistik und Musikwissenschaft.

Seine Karriere begründete er 1951 schlagartig, mit einem einzigen Text: einer Besprechung von Theodor W. Adornos «Philosophie der neuen Musik». Ein Buch, das keiner versteht, meinte ein Redaktor der «Frankfurter Hefte». Kaiser behauptete frech, er verstehe es und könne es auch erklären. Der Artikel erschien, brachte Kaiser eine Einladung und die Protektion Adornos ein, die FAZ meldete sich und Alfred Andersch vom Hessischen Rundfunk. «Von da an», erzählte Kaiser später, «hatte ich nie wieder Geldsorgen».

Bei den Grosskritikern

1953, da war er gerade 25, erhielt er eine Einladung zur legendären «Gruppe 47» und gehörte von da an zur führenden Kritikerrunde, neben Walter Jens, Marcel Reich-Ranicki, Fritz J. Raddatz. Martin Walser hat im «Brief an einen ganz jungen Autor», einem hübschen satirischen Text, beschrieben, wie die Grosskritiker die zur Lesung Angetretenen «behandelten» – und bei Kaiser jeder interpretierende Satz sich sogleich vom Anlass loslöste und zu einem Kaiser-Satz wurde.

Seit 1959 gehörte er dem Feuilleton der «Süddeutschen Zeitung» an, das er lange leitete. Er rezensierte die wichtigsten literarischen Neuerscheinungen, rieb sich am Regietheater, das er als selbstherrlich und beliebig empfand, und besprach die Auftritte der grossen Interpreten seiner Zeit: Pianisten wie Horowitz, Rubinstein und Arrau, Dirigenten wie Karajan, Böhm und Bernstein. Für ihn waren sie der Massstab für die vielen jungen Künstler, die er ebenfalls kritisch und fördernd begleitete.

Kaiser war keiner, der in seiner Stube über Partituren hockte. Er ging in die Künstlerzimmer, diskutierte und freundete sich mit den Stars an – und die akzeptierten den Kritiker. Einmal kam Bernstein nach einer nicht ganz gelungenen Aufführung von der Bühne und gestand dem etwas unbehaglich wartenden Kaiser: «Sagen Sie nichts, ich weiss, ich habs vermasselt.»

Er genoss seinen Status

Ein Star war er selber, in München, Bayreuth und an anderen Orten hochkultureller Zusammenballung. Eine Instanz – und das wusste er zu geniessen. Sympathisch blieb er in dieser Rolle, weil es ihm nicht um Macht ging, um das «Machen» von Künstlern, sondern darum, vielen Menschen die eigene Freude an den grossen Werken zu vermitteln. Und er war überzeugt davon, dass die Freude mit der Kenntnis steigt.

München war für den Ostpreussen mit dem rollenden R das ideale Pflaster, weil es dort neben der Bussi-Gesellschaft auch ein der Hochkultur besonders ergebenes Milieu gibt. Dieses erfreute Kaiser unter anderem mit Hunderten von Volkshochschulvorträgen, so wie er sich neben der Tiefenanalyse (in Büchern wie «Grosse Pianisten unserer Zeit», «Beethovens 33 Klaviersonaten und ihre Interpreten») auch für Klassikvermittlung in der Illustrierten «Bunte» oder in CD-Boxen oder Videokolumnen nie zu schade war.

Am Donnerstag ist Joachim Kaiser 88-jährig in München gestorben. Der Nachrufer ist nicht der Einzige, der von ihm angeregt wurde, verständlich und genussvoll über Kunstwerke zu schreiben, ohne ihre Komplexität zu opfern. Kaiser konnte das: über die Widersprüche in Brechts «Massnahme» wie die Trillerketten in Beethovens op. 111. «Ich bin der letzte Mohikaner» hat er etwas melancholisch sein 2008 erschienenes Erinnerungsbuch betitelt. Er hat recht; einer wie er wird wohl nicht mehr kommen.

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