Zwischen Poons und Koons

Von Kunst kennt man in der Regel den Preis, der sich mitunter in schwindeleregenden Höhen bewegt. Doch was ist der Wert?

Auf dem Weg in sein Atelier. Larry Poons ist 81 Jahre alt. Er lebt in East Durham und malt immer noch.

Auf dem Weg in sein Atelier. Larry Poons ist 81 Jahre alt. Er lebt in East Durham und malt immer noch.

Am letzten Sonntag wurde in der Fondation Beyeler die Ausstellung «Der junge Picasso» eröffnet. Diese Schau der Extraklasse dauert bis Anfang Mai. Es werden Tausende Besucherinnen und Besucher erwartet.

Am Dienstag vergangener Woche konnte das Basler Kunstmuseum sieben Bilder entgegennehmen. Eine Schenkung der Christoph Merian Stiftung. Diese wiederum hatte die Werke von Picasso, Dubuffet, Giacometti, Klee und Léger aus dem Nachlass des Basler Ehepaares Frank und Alma Probst geschenkt erhalten.

Seit vorgestern läuft im Basler Kino Atelier der Film «The Price of Everything». Es geht um den Kunstmarkt, speziell jenen am Hotspot New York City. In diesem sehenswerten Film setzt sich der amerikanische Regisseur Nathaniel Kahn mit Kunstauktionären, Künstlern und Sammlern auseinander. Das verbindende Element auf einen simplen Nenner gebracht: Geld. Überraschenderweise geht es in den 90 Minuten nicht in erster Linie um das Wesen der Kunst oder des Künstlers, sondern darum, ob eine Sammlung, die bei Sotheby’s zur Versteigerung kommt, tatsächlich die horrenden Preise erzielen wird, die alle erwarten.

Es geht um absurde Summen. 20, 30, 40 Millionen Dollar für ein bisschen Farbe auf einem Stück Leinwand. Nathaniel Kahn besucht auch den Grossmeister der künstlichen Geldscheffelei, Jeff Koons, in seinem Atelier. Es ist eine eigentliche Kunstwerkstatt, eine Manufaktur. Dutzende Mitarbeiter arbeiten nach genauen Anweisungen an den Werken von Koons.

Nur noch Lobbykunst

Ungefähr in der Mitte des Films schnöden zwei New Yorkerinnen einmal, es werde Koons wohl sehr schaden, dass einige seiner Werke nun in den Lobbys der Wolkenkratzer Manhattans oder eines exklusiven Altersheims in Florida aus- beziehungsweise aufgestellt seien. Lobby-Kunst ist offensichtlich nicht mehr Grosskunst, weil zu wenig exklusiv.

Grosskunst findet man dagegen in den Lofts und hyperteuren Wohnungen der Stadt am Hudson River. Eng an eng sind da Werke von Andy Warhol, Damien Hirst oder Robert Rauschenberg zu sehen.

Der Kernsatz des Films, der ihm auch als Titel dient, fällt in einem Gespräch der beiden Ladys, fast beiläufig: «Du kennst von allem den Preis», sagt die eine Kunstexpertin aus der High Society zur anderen, «aber kennst du auch den Wert?»

Diese Sammler in New York, die absurde Summen für Bilder ausgeben, weil diese in den letzten Jahren immer mehr zu Kapitalanlagen geworden sind, als zu irgendetwas anderem, sie könnten auch einfach Banknoten daheim an die Wand klatschen. Von Ausnahmen abgesehen ist nicht klar ersichtlich, ob es diesen Reichen wirklich um das Bild geht, oder einfach ums Prestige, um die erhoffte Kapitalvermehrung, die zu erwarten ist, wenn die rare Ware Kunst immer gesuchter wird.

Richten wir den Blick auf Basel und Riehen statt auf New York: Die Bilder aus der Blauen und der Rosa Periode Picassos sind mehr als 100 Jahre alt. Sie galten zum Zeitpunkt ihres Entstehens als Avantgarde, als neuer Schritt in der Kunst.

Warum werden Tausende Menschen nach Riehen pilgern, um diese 75 Bilder zu sehen? Wegen ihres Preises – mit den Versicherungen wurde eine Garantiesumme von rund vier Milliarden Franken abgedeckt – oder wegen ihres Werts?

Die Antwort liegt auf der Hand: Wären die Bilder nichts wert, würde kein Mensch den Eintrittspreis für den Besuch der Fondation bezahlen.

Was ist genau ihr Wert? Das muss jeder und jede selber entscheiden, denn er lässt sich nicht in Franken und Rappen, Dollar und Cents bemessen. Er liegt darin, ob uns diese Bilder anzusprechen vermögen. Haben sie noch eine Botschaft? Lösen sie Gefühle aus?

In der Blauen und der Rosa Periode entwickelte Pablo Picasso eine Kunst, die damals zwar neu und überraschend gewesen sein mag, zugänglich war sie auf jeden Fall. Sie rührt. Und weil dies seit über 100 Jahren so ist, darf davon ausgegangen werden, dass es auch so bleiben wird. Die Kunst hat sich als solche erwiesen. Der Faktor Zeit ist bei dieser Beweisführung ein wesentlicher. Ob der alte Spruch, «Kunst kommt von Können» gilt, sei an dieser Stelle einmal dahingestellt, aber ohne Zweifel hat Kunst etwas mit Konservieren zu tun, um ein anderes K-Wort zu wählen. Sie hält Gefühle, Gedanken oder Gesinnung fest. Seien es Gefühle, Gedanken, Gesinnung des Künstlers oder des Betrachters. Oder geht es um ein anderes K-Wort, ums Kitzeln? Diese Kunst kitzelt unsere Gefühle, unsere Gedanken, unsere Gesinnung.

Die Kunst und ihr Preis

Bei der Betrachtung des Film «The Price of Everything» stört dies am meisten: Kunst wird auf ihren Preis reduziert. Dem Regisseur ist das natürlich aufgefallen. Als Gegenstück zu Koons hat Regisseur Nathaniel Kahn Larry Poons aufgestöbert. Der alte Mann, etwas gebeugt, etwas schrumpfelig und schwerhörig, aber vif, mit schnellen, wachen Augen, lebt in einem alten Haus samt Scheune, deren weisse Farbe abblättert. Das Anwesen steht in East Durham, New York. Das ist in der Nähe von Albany. Zu Deutsch: in der Pampa.

Poons war befreundet mit Rauschenberg, de Kooning, Kline. Dann fiel er raus aus dem Kreis der Stars des Kunstmarktes der 60er- und 70er-Jahre und geriet weitgehend in Vergessenheit. Aber er malt immer noch. Wie ein Besessener, auch wenn es kalt ist in der Scheune; Hauptsache das alte Tonbandgerät spielt Beethoven.

Bei Poons ist die echte Leidenschaft des Künstlers zu sehen, zu spüren, greifbar. Darum geht es. Um den Willen, dem Inneren Ausdruck zu verleihen, koste es, was es wolle.

Banknoten an den Wänden

Wenn wahre Kunst nur das ist, was überdauert, was uns wie die Venus von Milo oder die Mona Lisa auch Hunderte Jahre nach ihrem Entstehen noch zu bannen vermag, können wir heute noch gar nicht wissen, ob nun Poons oder Koons – oder beide – diesen Stempel verdienen. Dann können die absurden Preise überübermorgen schon Stoff für endloses Gelächter sein, wenn sie sich schneller in Luft auflösen als Farbe trocknet. Vielleicht hätten ein paar dieser Sammler in dem Fall tatsächlich lieber ein paar Banknoten an die Wand geheftet. Oder geklebt.

Gerhard Richter, ein anderer alter Maler – er feiert heute seinen 87. Geburtstag – sagt in «The Price of Everything», es sei nicht fair, dass eines seiner Bilder so viel koste wie ein Haus. Er sähe es am liebsten, wenn seine Werke in Museen hängen würden, und nicht bei Privaten. Doch Museen können diese Preise, die heute auf Auktionen erzielt werden, gar nicht mehr zahlen. Die Chance, dass sich die öffentlichen Ausstellungshäuser auf dem freien Markt einen Richter oder einen Koons sichern können, sind marginal. Unsichtbare Grosskunst? Steuern wir dahin?

In einer perfekten Welt («In a perfect world», pflegen die Amerikaner zu sagen) wird es auch weiterhin Menschen wie Frank und Alma Probst geben, die über das Geld verfügen, um sich echte Kunst zu kaufen, das Auge, diese zu erkennen und die Herzensgüte, diese Kunst am Ende ihres Lebens wieder uns allen zurückzugeben.

Im Film heissen die edlen Spender Stefan T. Edlis und Gael Neeson. Sie schenkten dem Art Institute of Chicago vor vier Jahren 42 herausragende Werke zeitgenössischer Kunst.

Basler Zeitung

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