Wohin gehört afrikanische Kunst?

In Frankreich und Deutschland wird heftig über die Rückgabe von Benin-Bronzen und -Skulpturen debattiert. Das könnte auch Auswirkungen auf die Schweizer Museen haben.

Aus Messing gegossen: Gedenkkopf eines Oba-Königs aus Benin im British Museum in London. Foto: The Trustees of the British Museum

Aus Messing gegossen: Gedenkkopf eines Oba-Königs aus Benin im British Museum in London. Foto: The Trustees of the British Museum

Christoph Heim@bazonline

«Warum taufen wir das Humboldt-Forum in Berlin nicht Benin-Forum?», fragte kürzlich der Hamburger Kolonialismusforscher Jürgen Zimmerer. Mit dem Humboldt-Forum ist der umstrittene Neubau des Berliner Schlosses in der Nähe der Museumsinsel gemeint, der Ende 2019 eröffnet werden soll. Den künftigen Besuchern wird ein «Ort der Welterkundung und der fruchtbaren Verbindung von Kunst und Wissenschaft» versprochen.

Der neue Name soll die koloniale Vergangenheit der ethnologischen Sammlungen Berlins, die hier ausgestellt werden sollen, bewusst machen. Benin, das ist ein untergegangenes Königreich im Süden Nigerias. Der Königspalast in der einstigen Hauptstadt Edo, die heute Benin City heisst, war mit Tausenden von Metallplatten und Skulpturen verziert. Sie wurden von den Briten im Zuge eines brutal geführten Feldzugs 1897 geraubt und nach Europa verschifft.

Hunderte von Kunstwerken

Die Objekte gelangten in das British Museum in London, sie wurden aber auch an Museen und Sammler in Europa und den USA verkauft. Die grössten Bestände hat heute das British Museum mit rund 700 Kunstwerken. Knapp dahinter liegt das Ethnologische Museum Berlin mit knapp 600 Objekten, dann folgen Museen in Oxford, Wien, Hamburg, Dresden und New York, die ebenfalls über Hunderte von Objekten verfügen. Das Rietberg Museum in Zürich, dessen Bestände zum grossen Teil aus der privaten Sammlung des Bankiers Eduard von der Heydt stammen, besitzt zwei Benin-Bronzen; einige weitere befinden sich in anderen Schweizer Völkerkundemuseen.

Ausser Landes gebracht wurden aber nicht nur die Benin-Bronzen. Experten gehen davon aus, dass 90 Prozent der Kulturgüter Afrikas ausserhalb des Kontinents gelagert werden. Julia Tischler, Professorin für afrikanische Geschichte an der Universität Basel, sagt: «Vieles, was in unseren ethnologischen Museen lagert, wurde geraubt oder unter fragwürdigen Umständen erworben. Generell waren die Terms of Trade unter der kolonialistischen Herrschaft höchst asymmetrisch. Es braucht hier minutiöse Forschungsarbeit, um die Objekte auf ihre Provenienz hin zu untersuchen.»

«Die europäischen Museen und Privatsammler sind moralisch und rechtlich verpflichtet, die Kulturgüter zurückzuführen.»Julia Tischler

In den letzten Jahrzehnten haben viele afrikanische Staaten begonnen, die ihnen im 19. Jahrhundert oder noch früher geraubten Kunst- und Kultge­genstände zurückzufordern. Allerdings verhielten sich die europäischen Museen bei Restitutionsforderungen oft ablehnend und beriefen sich auf die Sorgfaltspflicht gegenüber den Schätzen, die ihnen anvertraut sind. Es kam deshalb einer Revolution gleich, als Ende November 2017 der französische Präsident Emmanuel Macron in Burkina Faso verkündete, Frankreich sei bereit, die aus Afrika stammenden Kulturgüter zurückzugeben. Viele davon befinden sich im Pariser Musée du Quai Branly, das 2006 vom damaligen französischen Präsidenten Jacques Chirac eröffnet worden ist.

Die Franzosen sprechen allerdings nicht von Benin-Bronzen, sondern von Benin-Skulpturen. Letztere stammen nicht aus dem Königtum Benin, sondern aus den Palästen von Abomey, der Hauptstadt des ehemaligen Königtums Dahomey, die von der französischen Armee 1892 erobert und kolonialisiert wurde. Dahomey wurde 1975 in Volksrepublik Benin unbenannt, die sich heute als Rechtsnachfolger von Dahomey versteht. Die Rückforderung aus der ehemaligen französischen Kolonie zeigt jedenfalls schon erste Erfolge, denn Macron erklärte im November 2018, dass 26 Benin-Skulpturen aus dem Quai Branly «unverzüglich» restituiert werden sollten.

Auf Forderungen eingehen

«Die europäischen Museen und Privatsammler sind moralisch und rechtlich verpflichtet, die Kulturgüter zurückzuführen», sagt Julia Tischler. «Das ist im Einzelfall kompliziert. Dennoch müssen die Museen ihre Bestände nach unrechtmässig erworbenem Kulturgut durchforsten und auf breiter Front Provenienzrecherchen betreiben.» Sie begrüsst die Forderung von Felwine Sarr und Bénédicte Savoy, wonach die Beweislast umzukehren sei: «Man kann heute nicht mehr von den afrikanischen Staaten verlangen, dass sie sich als rechtmässige Besitzer ausweisen können. Vielmehr sind die Museen gefordert, bei den fraglichen Objekten in ihren Sammlungen einen sauberen Herkunftsnachweis vorzulegen. Nur wenn das gelingt, können die Objekte behalten werden.»

Bénédicte Savoy und Felwine Sarr haben im Auftrag von Macron eine Machbarkeitsstudie für die Restitution von Raubgut aus Afrika vorgelegt. Sie befinden sich gegenwärtig auf Vortragstour in Deutschland, wo das Thema breit diskutiert wird. Savoy und Sarr schlagen den Museen vor, auf Forderungen aus Afrika grundsätzlich einzugehen. Sie fordern von ihnen auch, dass sie sich proaktiv verhalten und die Zusammenarbeit mit afrikanischen Museen suchen.

Anna Schmid, Direktorin des Museums der Kulturen in Basel, das mit über 320?000 Objekten das grösste ethnologische Museum der Schweiz ist, beobachtet die um die Benin-Bronzen entbrannte Debatte gelassen. In den zwölf Jahren, in denen sie das Museum leite, habe sie erst eine Restitution abgewickelt: «Das wurde noch von meiner Vorgängerin eingefädelt. Es ging um einen übermodellierten Schädel eines Maori, den wir zurückgegeben haben.»

Langwieriger Prozess

Grundsätzlich sind Restitutionsforderungen nichts Neues für europäische Museen. «Ich wünsche mir dabei», so Anna Schmid, «eine Ebene, auf der wir vorurteilslos auf Augenhöhe sprechen können. Und weil die Schweiz keine Kolonialmacht war – was nicht bedeutet, dass sie nicht in Koloniales verstrickt war –, sollte dies von hier aus auch viel eher möglich sein. Schliesslich haben wir eine andere demokratische Tradition zur Lösungsfindung, als das in vielen anderen Ländern der Fall ist. Wir könnten also prädestiniert dafür sein, anderen Ländern etwas vorzumachen.»

Sowohl Tischler wie Schmid hegen keine Befürchtungen, dass sich die ethnologischen Museen Europas zu leeren beginnen. Zum einen wird die Restitution von Kulturgut nach Afrika ein langwieriger Prozess sein, müssen doch viele rechtliche Fragen geklärt werden. Zum anderen ist nicht davon auszugehen, dass afrikanische Staaten alles zu­rückhaben wollen, was geraubt worden ist.

Eigentumsübertragung gefordert

Der Forderung von Zimmerer, wonach das Humboldt-Forum zum Benin-Forum umbenannt werden sollte, kann Tischler viel abgewinnen. «In Deutschland steht eine umfassende öffentliche Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus noch aus», sagt die Historikerin. «Man muss Zimmerers Forderung in diesem Zusammenhang sehen. Zudem nimmt er mit dem Namenswechsel die Ansprüche des Humboldt-Forums beim Wort, das von Dialog und Weltoffenheit spricht. Der Name wäre eine Abkehr von der unkritischen Verehrung weisser, männlicher Forscherhelden und würde Fragen aufwerfen, wie die ausgestellten Objekte erworben und Wissen über den ‹Rest der Welt› produziert wurde.»

Dabei sei Benin als pars pro toto, als Teil des Ganzen, zu verstehen, fügt Tischler hinzu. Sie betont, dass es nicht bei einer Namensänderung bleiben dürfe. Sie fordert eine Eigentumsübertragung unrechtmässig erworbener Objekte und sagt: «Kulturgüter, bei denen sich zeigt, dass sie das Museum unrechtmässig besitzt, sollten zurückgeführt und dann, falls die Besitzer das wollen, aus Afrika wieder nach Europa ausgeliehen werden.»

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