Wenn der Saal plötzlich glühte

Nachruf

Meisterdirigent Claudio Abbado ist tot. Nach seinem Rücktritt bei den Berliner Philharmonikern fragte man sich, was nun noch kommen sollte. Es kamen seine besten Zeiten. Ein Nachruf.

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Susanne Kübler@tagesanzeiger

Schon einmal schien der Abschied von Claudio Abbado nahe. Das war im Jahr 2000, er erkrankte an Magenkrebs, und auch sonst standen die Zeichen auf Endzeit. Bereits 1998 hatte er überraschend seinen Rücktritt als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker angekündigt – was sollte danach noch kommen?

Es kamen die besten Zeiten, für Abbado selbst, für seine Musiker, für das Publikum. Denn Abbado tat nur noch, was ihm wirklich am Herzen lag: 2003 gründete er das Lucerne Festival Orchestra, in dem sich all jene trafen, die im Lauf der Jahre von musikalischen Weggefährten zu Freunden geworden waren: Sabine Meyer von den Berliner Philharmonikern, das Hagen-Quartett, die Cellistin Natalia Gutman, viele ehemalige Mitglieder des Mahler Chamber Orchestras. Und weil ein jährliches Treffen zu wenig war, gründete Abbado 2004 auch noch das Orchestra Mozart in Bologna.

Das Geschenk der Häftlinge

In Bologna, an der idyllischen Piazza Santo Stefano, hat er auch gewohnt, und wer in seine Wohnung hochstieg, dem hat er auch dort gezeigt, was ihm wichtig war: die Bücher, den Zitronenbaum, das aus Streichhölzern gefertigte Schiff, das ihm einst nach einem Konzert in einem Gefängnis die Häftlinge schenkten.

Über Musik sprach er kaum, über seine Interpretationen gar nicht. Aber umso enthusiastischer erzählte er von Projekten, die oft noch einen langen bürokratischen Weg vor sich hatten, in seiner Vorstellung aber schon beinahe realisiert waren. Das Teatro Farnese in Parma wollte er wieder eröffnen, ein Kulturzentrum bauen in Bologna, und in ganz Italien ein Jugendmusikwerk nach dem Vorbild des venezolanischen Sistema aufbauen: «Man muss an die Dinge glauben, dann kann man viel bewegen.»

Es ging um mehr als Glamour

Er hat viel bewegt, und dies schon früh. Geboren 1933 in Mailand als Sohn eines Geigers und einer Klavierlehrerin, hat er zunächst Klavier, Orgel und Cello gelernt, sich dann aber schon bald aufs Dirigieren verlegt. Zunächst tourte er mit verschiedenen Kammermusikensembles durch die Gegend, aber bald schon wurde man in den grossen Institutionen auf ihn aufmerksam. Ab 1961 dirigierte er regelmässig in der Mailänder Scala, 1963 debütierte er bei den Wiener Philharmonikern, 1965 bei den Salzburger Festspielen, 1966 bei den Berliner Philharmonikern.

Das war der Anfang einer luxuriösen Karriere, in der es stets um mehr ging als um den Glamour. Zusammen mit dem Pianisten Maurizio Pollini und dem Komponisten Luigi Nono (und unterstützt von den Gewerkschaften und der kommunistischen Partei) organisierte Abbado Konzerte für Arbeiter. Und er beschränkte sich nie auf das gängige Repertoire, sondern setzte konsequent auch neue Werke in seine Programme.

Eher Einladung als Anweisung

So ging er einerseits seinen Weg durch die Institutionen – als Chefdirigent und Musikdirektor beim London Symphony Orchestra, an der Mailänder Scala, an der Wiener Staatsoper und bei den Wiener Philharmonikern, schliesslich bei den Berliner Philharmonikern. Andererseits gründete er das Gustav-Mahler-Jugendorchester und kümmerte sich auch sonst um junge Musiker, junge Komponisten, junge Ensembles.

Anders als sein Vorgänger bei den Berliner Philharmonikern, Herbert von Karajan, inszenierte sich Claudio Abbado dabei nie als Herrscher am Pult. Wenn er dirigiere, empfinde man das eher als Einladung denn als Anweisung, sagte einmal ein Musiker. Fliessend, fast Tai-Chi-artig wirkten seine Bewegungen, er nahm sein Orchester und das Publikum mit auf eine Reise, deren Verlauf nicht immer schon im Detail geplant war. Dass er im Konzert über sich selbst hinauswuchs, dass da plötzlich Dinge passierten, die in den Proben nicht passiert waren: Das spürte man auch im Publikum.

Der Mahler-Zyklus blieb unvollendet

Auch darum waren die letzten Jahre so gut. Früher war Abbado durchaus auch auf Unverständnis gestossen mit seiner Art. Manche Musiker vermissten den klaren Schlag. Als er bei den Berlinern zurücktrat, spöttelte der «Spiegel» unter dem Titel «Menuett in Mitbestimmung» über Abbados Probenarbeit, in der die «musikalische Logistik» ebenso gefehlt habe wie die «sachdienliche Ökonomie».

Beim Lucerne Festival Orchestra wie beim Orchestra Mozart spielten dagegen nur Musikerinnen und Musiker, die genau so spielen wollten. Die sich verführen liessen von einem, der jede Routine vermied. Der auch nur noch Programme spielte, die ihm Herzensangelegenheiten waren: Immer wieder musste das Lucerne Festival in den letzten Jahren kurzfristige Programmänderungen durchgeben – weil Abbado sich nicht mit der Pianistin Hélène Grimaud fand, oder weil er Mahlers 8. Sinfonie eben doch nicht dirigieren mochte (dass der Mahler-Zyklus damit unvollendet blieb, nahm er in Kauf).

Der kühle Saal glühte

Aber eigentlich war jeweils gar nicht so wichtig, was Abbado schliesslich spielte. Aber wie er es spielte – wie er das Orchester einzubeziehen verstand, wie er das Publikum ansteckte, wie er den sonst oft kühl wirkenden KKL-Saal zum Klingen, Leuchten, Glühen brachte –, das waren musikalische Erlebnisse, die man nicht so schnell vergass.

baz.ch/Newsnet

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