Mit Anspruch auf Zeitgenossenschaft

Die erste Liste unter der neuen Direktorin Joanna Kamm zeigt sich mit einem luftigeren Parcours.

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Entspannt ist nicht eben eine Vokabel, die im Zusammenhang mit Kunstmesse fällt. Oder auch nur gern gehört wird, denn welche Messe will schon einen entspannten Auftakt? Doch nur wenige Änderungen haben den Rundgang über die Liste dieses Jahr so viel angenehmer gemacht. So öffnet die selbst erklärte Entdecker-Messe am Pfingstmontag nicht nur eine Stunde früher, man hat auch den Parcours durch das Warteck überdacht. Es wirkt luftiger.

Viele der 77 Galerien haben dies für Installationen genutzt, die auf den gesamten Stand übergreifen, so etwa der Zürcher Gregor Staiger mit einer Kooperation zwischen Raphaela Vogel und Michael Hakimi. Andere wie die Basler Galerie Weiss Falk können nun eine Reihe der witzig-grotesken Skulpturen von Sveta Mordovskaya und einige grössere Arbeiten von Mathis Gasser zeigen (15'000 Franken), der seine eskapistische Auseinandersetzung mit dem Film nun konsequent in das Weltall verlagert.

Eine andere Neuerung ist die Joinery, die sich in der Nähe des Eingangs befindet und das Performanceprogramm ersetzt. Hier werden die Woche über Videos laufen, Performances stattfinden und Gespräche zu Themen des Kunstbetriebs und des Kunstmarktes stattfinden.

Förderprogramme

Joanna Kamm, die neue Leiterin der Messe, kennt die Liste aus der Insider-Perspektive. Mit ihrer Galerie war sie die obligatorischen drei Jahre zu Gast auf der Liste. Und sie weiss aus eigener Erfahrung, dass der Kunsthandel – insbesondere derjenige mit jüngerer Kunst – in den letzten Jahren nicht einfacher geworden ist. 2014 schloss sie ihre Galerie in Berlin. Förderprogramme sollen es den kleineren Galerien auf der Liste ein bisschen einfacher machen, unter anderem wurde die Genfer Galerie Truth and Consequences und Frutta durch die Friends of Liste unterstützt.

Frutta, die Galerie ist in Rom und Glasgow beheimatet, zeigt in Basel eine Solopräsentation der Londoner Künstlerin Holly Hendry. Von der 1990 geborenen Bildhauerin sind nun mehrere Reliefs aus Materialien wie Marmor, Metall und Beton zu sehen, die an Durchschnitte durch anatomische Modelle erinnern, hier jedoch von einem Mensch-Maschine-Organismus (3'000 bis 7'000 Pfund). Hendry lässt Prozesse und Architektur plastisch werden, so beziehen sich ihre Plexiglasskulpturen auf die Sicherheitsschleusen an Flughäfen.

Der Körper

Überhaupt der Körper. Nur weil man sich beim üblichen Eröffnungsrieselregen nicht ganz so eng aneinander vorbeidrücken musste, ist der Körper ja nicht aus der Welt. Emma Hart bringt ihn bei The Sunday Painter durch humorvolle Keramikobjekte ins Spiel (10'000 bis 12'000 Pfund), die teilweise bereits verkauft oder reserviert waren. Oft arbeitet sie dabei mit spiegelnden Glasuren, die Perspektivverschiebungen bewirken. Da wird aus dem Schriftzug Solo das Profil eines Menschen, wenn nicht gar ein Totenschädel.

Bei der Zürcher Galerie Bernhard ist eine Werkgruppe von Heji Shin zu sehen. Es sind Röntgenaufnahmen, Selbstporträts der Künstlerin mit ihrem kleinen Hund, die, was die Transparenz angeht, an Radikalität nichts zu wünschen übrig lassen, aber doch keine persönlichen Informationen bieten. Es sind Arbeiten, die staatliche Zugriffe auf das Individuum thematisieren und nach Wegen der Selbstbehauptung suchen.

Unscharfe Fotografie

Nicht minder interessant ist der fotografische Ansatz des honduranischen Künstlers Oscar Santillán, der von 80M2 Livia Benavides vertreten wird. Mit «Solaris» (12'000 Dollar) hat er ein zirkuläres System geschaffen, in dem die Atacama-Wüste sich selbst abbildet. Santillán hat aus dem Wüstensand eine Kameralinse hergestellt und diese auf die Wüste selbst gerichtet.

Die unscharfe Fotografie ist mit Lichtprismen überzogen, die Wüste genügte sich schon immer selbst. Fotos liegen auch den Textilarbeiten von Hana Miletic bei Lambdalambdalambda (1'800 bis 12'000 Euro) zugrunde, die beim Schlendern durch Brüssel und Zagreb vom Zustand des öffentlichen Raumes auf das soziale Miteinander schliesst. Das Dysfunktionale des öffentlichen Raums ist nun im Webstück aufgefangen. Eine Liste, die sich geändert hat und sich treu geblieben ist.

Liste Art Fair Basel, Burgweg 15. Di–Sa 13–21 Uhr, So 13–18 Uhr. Bis 16. Juni. www.liste.ch

Basler Zeitung

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