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Lieber Wellnessen

Junge Kunsthändler folgen Trends statt einem eigenen Geschmack. Das ruiniert Galerien.

Wers hat, investierts heute lieber in Genuss. Und wenn doch mal Kunst gekauft wird, dann nur das Bewährte: Als Investment.
Wers hat, investierts heute lieber in Genuss. Und wenn doch mal Kunst gekauft wird, dann nur das Bewährte: Als Investment.
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Sabina Kohler und Bettina Meier-Bickel (v.l.) von der Rotwand-Galerie. Im Hintergrund Werke von Klodin Erb, welche die letzte Ausstellung der Galerie bestreitet (noch bis 18. März 2017).
Sabina Kohler und Bettina Meier-Bickel (v.l.) von der Rotwand-Galerie. Im Hintergrund Werke von Klodin Erb, welche die letzte Ausstellung der Galerie bestreitet (noch bis 18. März 2017).
Rotwand-Galerie
Wer heute als Galerist mithalten will, muss an die Messen rund um den Globus jetten – zum Beispiel an die Art Dubai. Im Bild ein Werk des thailändischen Künstlers Navin Rawanchaikul.
Wer heute als Galerist mithalten will, muss an die Messen rund um den Globus jetten – zum Beispiel an die Art Dubai. Im Bild ein Werk des thailändischen Künstlers Navin Rawanchaikul.
Francois Nel/Getty Images
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Sie mögen Kunst, haben ein paar Franken auf der hohen Kante und wollen eine Galerie eröffnen? Ganz schlechte Idee. Zürich, einst stolze Galerienstadt, hat offenbar ein Problem. Karma International setzt auf eine Filiale in L.A., Jean-Claude Freymond-Guth ist nach Basel gezügelt. Beat Raeber und Matthias von Stenglin, aka RaebervonStenglin, deren Räume hinterm Escher-Wyss-Platz bald abgerissen werden, haben mit dem Raum auch gleich ihre Partnerschaft quittiert. Und in drei Wochen endet nach neun Jahren die allerletzte Schau bei Rotwand. Was ist da los?

Klar, die Zeiten, als ein Galerist noch den ganzen Tag an seinem Designerpult sass und dabei reich wurde, sind lange vorbei. Heute ist, wer nicht an all die Kunstmessen reist und dort Präsenz markiert und Kontakte pflegt, schnell weg vom Fenster. Also tingelt man umher, organisiert nebenbei die Ausstellungen in der Galerie zu Hause, managt Kunst, Künstler, Backoffice, Angestellte und, wer hat, Familie. Kurz: Die Galerie von heute ist ein Hamsterrad.

Dazu sind die Raummieten in Zürich verflixt teuer; geeignete Räume zu finden, wird immer schwieriger. Kein Wunder, ziehen die Galeristen weg. Oder gleich einen Schlussstrich. Dass es sich dabei um ein spezifisches Zürcher Phänomen handelt, glaubt Bettina Meier-Bickel, die zusammen mit Sabina Kohler die Galerie Rotwand betreibt, aber nicht: «Auch in New York und in London schliessen derzeit Galerien. In Berlin, wo seit jeher ein rasches Auf und Zu herrscht, sowieso.» Es scheint also, dass das Modell Galerie, wie es vor ein paar Jahren noch funktioniert hat, am Ende ist. Bloss: wieso?

Facebook ist nötig

Die erste Frage, die sich stellt: Ist ein fixer Ausstellungsraum überhaupt noch zeitgemäss, in der Ära der Social Media? Wozu in eine Galerie am anderen Ende der Stadt fahren, wenn ich mir die dort ausgestellten Bilder auch bequem auf dem Bildschirm ansehen kann? Ohne Gedränge und, wenn ich will, sogar im Pyjama?

Natürlich ist ein digitales Bild nicht zu vergleichen mit dem Erlebnis vor dem Original. Trotzdem stellen die Neuen Medien einen Galeristen vor ein Problem. Verweigert er sich Facebook, Instagram und Co., ist er faktisch unsichtbar. Postet er auf diesen Kanälen, entscheiden seine Follower aufgrund eines einzigen kleinen Bildchens, ob sie seine Ausstellung ansehen gehen oder nicht.

Im Kampf um Publikum haben sich die Galeristen zunehmend zu Eventplannern entwickelt. Sie locken mit Vernissagen, Finissagen, Konzerten, Diskussionsrunden, Weindegustationen und Modenschauen – und die Leute kommen tatsächlich. Nur: Sind es diejenigen, die sich ernsthaft für Kunst interessieren? Natürlich nicht. Wo also bleiben die ernsthaften Sammler?

Bettina Meier-Bickel sieht hier zwei Probleme. Erstens: Die ältere Sammlergeneration, die jahrzehntelang mit Leidenschaft Kunst ankaufte, hat genug. Ihre Lager sind voll, manche bauen ihren Bestand sogar bereits wieder ab. Zweitens: Auf eine neue Generation von Sammlern wartet man bisher vergeblich. Angesichts der Wirtschaftslage ist nicht jeder imstande (oder willens), von seinem Salär einen Teil für Kunst abzuzwacken. Andererseits scheint das Problem weniger beim Budget zu liegen als im fehlenden Enthusiasmus. Kunstangefressene, die bereit sind, auf Ferien zu verzichten, um sich einmal jährlich etwas Kleines in einer Galerie auszusuchen, sind heute rar.

Mit den Ohren statt den Augen

Meier-Bickel beobachtet, dass sich die Prioritäten verschoben haben. «Wer sich heute etwas leisten will, der geht gut essen, geht wellnessen, geht auf Reisen. Erlebnisse werden höher gewichtet als Besitz.» Tatsächlich scheint Besitz – jedenfalls langfristiger – nicht mehr so wichtig zu sein. So, wie man sich heute eine Designertasche mietet, sie ein paar Wochen lang trägt und dann gegen das nächste Modell eintauscht, genauso tut sich die Generation iPhone schwer damit, sich für ein Kunstwerk zu entscheiden, um dann Tag für Tag damit zu leben. Ausserdem: Wozu ein Vermögen für ein einziges Kunstwerk ausgeben, wenn man sich täglich Tausende kostenlos auf dem Smartphone ansehen kann?

Natürlich gibt es sie vereinzelt noch, die jungen Sammler. Aber tendenziell sind sie nicht auf Entdeckungen aus. Sondern auf Investment. «Sie orientieren sich über die aktuellen Bestseller, konsultieren Shortlists und kaufen dementsprechend», sagt Bettina Meier-Bickel. Nicht der eigene Geschmack sei ausschlaggebend, sondern die wirtschaftliche Performance eines Künstlers. «Mit den Ohren sammeln statt den Augen», nennt das Meier-Bickel.

Das hängt auch mit der Zugänglichkeit von Informationen zusammen. Heute braucht es nur ein paar Klicks, um zu erfahren, in welcher Sammlung ein Künstler hängt, wie seine Karriere verläuft, wie seine Zukunftsprognosen aussehen. Wer will, holt sich News vom Kunstmarkt via Pushmeldung aufs Smartphone.

Kunst als Abbild von persönlichem Geschmack? Als etwas, womit man sich umgibt, weil es gut ist fürs Gemüt? Das war gestern. Wer heute sammelt, will sich positionieren, je schneller, desto besser. Und weil keiner Zeit hat, sein Sammlerprofil selbst zu definieren, schaut man halt, was die Tastemaker kaufen. Kunst als Experimentierfeld? Als Spiegel der Individualität? Vergesst das, Leute. Keiner wagt sich heute beim Sammeln noch auf die Äste raus. Sicherheit!, lautet die Devise.

Die Grossen profitieren

Aber wie sollte es auch anders sein, angesichts des immer grösser werdenden, völlig unübersichtlich gewordenen Angebots? Man braucht sich nur die jährlich wachsende Fülle von Kunstmessen anzusehen, um zu verstehen, warum Kunstkäufer überfordert sind. Und übersättigt. Dazu kommt die politische Unsicherheit, es kriselt an allen Ecken und Enden. Die Flüchtlingsströme, die bröckelnde EU, Trump, Le Pen: Wer hat bei diesen ungewissen Zukunftsaussichten schon Lust, Kunst zu kaufen?

Die wenigen, die es tun, investieren in sichere Werte. In grosse Namen – mit denen kleine und mittlere Galerien nicht dienen können. Davon profitieren die grossen. Mit mehreren, rund um den Globus verteilten Filialen haben sie eine Reichweite, von der ein kleiner Galerist nur träumen kann. (Und einen entsprechenden Umsatz. Dass sie dieselben Mieten an Kunstmessen zahlen wie One-Man-Galerien, ist eine andere Geschichte.)

Die Folge: Die Grossen entwickeln sich zunehmend zu einem Brand. Und das hat wiederum zur Folge, dass der Kunstmarkt je länger, je mehr wie die Modeindustrie funktioniert: Man kauft Kunst bei Gagosian, so, wie man Handtaschen bei Prada kauft. Das Modell bzw. der Künstlername ist sekundär. Hey, so funktioniert die Marktwirtschaft, mag man argumentieren. Okay. Was aber auf der Strecke bleibt, sind die Vielfalt, die Individualität. Und, was noch schlimmer ist: die Entwicklung des eigenen Geschmacks.

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