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Kritische Kunst ist nicht erwünscht

Die Zerstörung eines Kunstwerks überschattet die zweite Kunstbiennale von Karachi, ein von Frauen geführtes Projekt.

Mit 444 Stelen wollte Adeela Suleman an 444 Opfer einer «ungesetzlichen Tötung» erinnern – nun wurde ihr Werk zerstört. Foto: AP
Mit 444 Stelen wollte Adeela Suleman an 444 Opfer einer «ungesetzlichen Tötung» erinnern – nun wurde ihr Werk zerstört. Foto: AP

Kurz nach der Eröffnung stürmten mysteriöse Sicherheitskräfte herein und zerstörten eine Installation der Künstlerin Adeela Suleman, ein wichtiges Werk der zweiten Karachi-Kunstbiennale. Mit 444 Betonstelen hatte die Pakistanerin im Hof von Karachis Frere Hall, der historischen Stadthalle der Briten, an die 444 Opfer erinnert, die den «ungesetzlichen Tötungen» eines berüchtigten Polizeioffiziers aus der Stadt zum Opfer gefallen waren.

Die Aktion entfesselte in den sozialen Medien einen Sturm der Entrüstung. Menschenrechtsaktivisten solidarisierten sich mit Suleman in einem Die-in vor der Frere Hall. Mutiger Protest und Angst vor neuer Gewalt, mit dieser explosiven Mischung kämpft die Kunstbiennale, die jetzt zu Ende geht, in ihrem zweiten Jahr.

Um ihr junges Projekt nicht zu gefährden, schwieg Niilofur Farrukh, Doyenne der pakistanischen Kunstkritik und Gründerin der Biennale, zunächst zu dem Übergriff. Ein Statement der Biennale warf der Künstlerin sogar vor, die Schau zu «politisieren», ihre Arbeit sei «nicht kompatibel mit dem Ethos» der Biennale. Erst ein Statement von Kurator Muhammad Zeeshan beruhigte die Lage.

Das hasenfüssige Taktieren lag wie ein Schatten über der Biennale, die als Projekt der Selbstermutigung begonnen hatte.

Es kann hochgefährlich sein, in Pakistan für die Kunstfreiheit einzutreten, wie auch der Fall von Sabeen Mahmud gezeigt hat. Die liberale Sozialaktivistin, die Karachis Art Space und Intellektuellen-Treff «The Second Floor-T2F» gegründet hatte, war im Frühjahr 2015 ermordet worden, als sie auf das Schicksal «verschwundener Menschen» aufmerksam machen wollte, die mutmasslich durch den Staatsapparat entführt worden waren.

Und doch: Das hasenfüssige Taktieren hing danach wie ein böser Schatten über dem Rest der Biennale, einem Projekt der mühevollen zivilgesellschaftlichen Selbstermutigung, das vielversprechend begann. Und das als eine der wenigen Organisationen dieser Art weltweit fast ausschliesslich von Frauen geführt wird. Aber man vergisst leicht, dass in dem Land schon 1949 die «All Womens League» gegründet wurde; dass 1983 sechzehn Künstlerinnen aus Lahore das «Women Artists Manifest» proklamierten – auch die heutige Biennale-Chefin Farrukh gehörte damals zu den «Women against Rape».

«Frauen wie Niilofur waren für uns ein Vorbild. Ich bin unter dem Diktator Zia ul-Haq aufgewachsen, wir waren viel ängstlicher», sagt die eine Generation jüngere Videokünstlerin Atteqa Malik. Nun ist sie ihre Mitstreiterin bei der Biennale.

Atlas der Biodiversität

Jenseits der politischen Spannungen konnte sich die zweite Ausgabe der Schau durchaus sehen lassen. Es wimmelt derzeit in der Kunstwelt nur so von Ausstellungen über das Anthropozän, Ökologie, Nachhaltigkeit. Im Gegensatz zur jüngsten Istanbul-Biennale, wo sich Nicolas Bourriaud in Spekulationen über das Posthumane verlor, bleibt die Karachi-Biennale mit ihrem Fokus auf Umweltzerstörung und Klimawandel aber erfreulich konkret.

Sehen konnte man das in der kleinen Galerie der Indus Valley School of Art and Architecture, einem charakteristischen, über hundert Jahre alten Backsteinbau. In ihrem «Mangrove Project» hatten fünf pakistanische Künstlerinnen und Künstler Setzlinge und Samen der heimischen Mangroven-Arten, die durch Umweltveränderungen bedroht sind, in Glasquadern zu einer Art Atlas der Biodiversität installiert. Sanft abstrahierte etwa Sadia Salim das Gehölz, indem sie es mit Porzellan überzog.

Dagegen inszenierte Rashid Rana eine poetische Metapher: In seinem Video «Beauty Lies» steht der pakistanische Künstler nach dem Vorbild von Caspar David Friedrichs «Wanderer über dem Nebelmeer» mit dem Rücken zum Betrachter unbewegt auf einem Gebirge aus Müll.

Ein verlorener Garten

Einer der Spielorte der Biennale ist auch der Ibn-Qasim-Park, eine riesige Grünfläche, die in den letzten Jahren verkommen ist. Der pensionierte Wissenschaftsmanager Almas Bana, einziger Mann in der Biennale-Führung, erinnert sich, hier schon als Kind gespielt zu haben: «Für uns war das wie ein verlorener Garten.» Jetzt ist er froh, dem Ort mit der Karachi-Biennale wieder Relevanz zu geben.

Das verlorene Paradies hat die Schau der Stadt zwar nicht zurückgebracht. Aber eine Marmorskulptur der Künstlerin Hamra Abbas. In die vier Seiten ihres massiven Steinblocks hat sie in Intarsien Fruchtbäume eingelegt, die eine islamische Tradition für diesen Sehnsuchtsort aufrufen. Es bleibt abzuwarten, wie lang diese Arbeit dort stehen bleibt.

Informationen zur Biennale finden sich hier.

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