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Kommt der Kunstzirkus an sein Ende?

Vor dem Hintergrund der Klimadebatte und im Zeitalter der um sich greifenden Flugscham stellt sich die Frage, ob solche Veranstaltungen noch zeitgemäss sind.

Die Art Basel Hongkong stand unter Druck der Galeristen, die nicht einsehen wollten, warum sie für eine Messe bezahlen sollten, an der kaum noch Kunden auftauchen würden.
Die Art Basel Hongkong stand unter Druck der Galeristen, die nicht einsehen wollten, warum sie für eine Messe bezahlen sollten, an der kaum noch Kunden auftauchen würden.
Art Basel

Der Entscheid der Art Basel, die Messe in Hongkong abzusagen, war absehbar. Der Kunstmarkt funktioniert nun einmal nicht ohne Menschen, und wenn diese aufgrund der chinesischen Seuche mit Namen Coronavirus nicht mehr reisen wollen und dürfen, dann macht es auch keinen Sinn, eine Messe zu veranstalten. Die Art Basel Hongkong, die am 19. März eröffnet werden sollte, stand unter Druck der Galeristen, die nicht einsehen wollten, warum sie für eine Messe bezahlen sollten, an der kaum noch Kunden auftauchen würden.

So haben schon vor einem Monat zwei Dutzend Galeristen Forderungen nach einer Preis­reduktion gestellt, denen Marc Spiegler als Direktor der Art Basel teilweise nachgekommen ist. Und vor einer Woche gab Spiegler mit seinen Co-­Direktoren bekannt, dass man eine Absage ernsthaft prüfen werde, aber sich zuerst mit allen Beteiligten und Vertragspartnern absprechen müsse.

Die bange Frage der Galeristen lautet: Ist die finanziell angeschlagene MCH Group genügend liquide, das Geld zurückzuzahlen?

Nun kann man davon ausgehen, dass man mit der Absage in Basel und Hongkong auf die WHO gewartet hat. Die Weltgesundheitsorganisation hat am 30.Januar die Epidemie mit dem Coronavirus als weltweite Gefahr klassifiziert. Das ist bei der Frage, ob die Versicherungen für die bereits getätigten Ausgaben der Messe aufkommen werden, von entscheidender Bedeutung.

So gibt es auf der Kostenseite der Art Basel Hongkong einen Mietvertrag mit dem Convention Center in Hongkong, der nun annulliert werden muss. Es gibt Verträge mit Bewachungs- und Ticketunternehmen, mit Messebaufirmen und Zulieferern, mit Cateringfirmen und, last but not least, mit Sponsoren, allen voran die UBS, die ja auch nur zum Zahlen bereit sind, wenn die Messe stattfindet.

Schliesslich hat die Art Basel auch mit den teilnehmenden Galerien Verträge, bei denen sie Vorkasse gemacht hat. Wenn man beispielsweise davon ausgeht, dass 250 Galerien jeweils 50'000 Franken schon überwiesen haben, dann würden auf den Bankkonten der Messe 12,5 Millionen Franken liegen, von denen nun vertragsgemäss 75 Prozent an die Galerien zurückbezahlt werden sollten. Die bange Frage der Galeristen lautet: Ist die finanziell angeschlagene MCH Group genügend liquide, das Geld zurückzuzahlen? Die andere Frage ist, ob die rund drei Millionen Franken, die der Messe von diesem Geld bleiben, ausreichen, um die aufgelaufenen Kosten zu zahlen.

Macht es Sinn, im Monatsrhythmus Tausende von Kunstwerken über die Kontinente zu ­schicken?

Auch für die international operierenden Galerien ist der Ausfall beträchtlich. Wer seine Kunst nicht mit dem Schiff nach Hongkong geschickt hat, sondern das mit Luftfracht tun wollte, kann sie noch zurück­rufen. Auch die Flüge und Hotelzimmer können noch annulliert werden. Schwerer wiegt das entgangene Geschäft, das man in Hongkong machen wollte. Noch schwerer der Verlust dieses Forums des Austauschs, auf dem der Galerist aus Europa und den USA die Kundschaft aus Asien treffen und die vielleicht schon bestehenden Beziehungen pflegen konnte. Denn kein Kunstmarkt boomt stärker als jener in Fernost.

Gut möglich, dass der Kunstmarkt wegen dem Ausfall der Kunstmesse in Hongkong vermehrt ins Internet abwandert. Möglicherweise nimmt wegen der Absage der Art Basel Hongkong 2020 auch der Brand «Art Basel» Schaden. Vor dem Hintergrund der Klimadebatte und im Zeitalter der um sich greifenden Flugscham, die auch bei den Galeristen und ihren Kunden festzustellen ist, wird laut darüber nachgedacht: Ist der internationale Kunst­zirkus noch zeitgemäss? Macht es Sinn, im Monatsrhythmus Tausende von Kunstwerken über die Kontinente zu ­schicken, damit Tausende von Kunden, die im Flugzeug anreisen, sich auf diesem Luxusmarkt eindecken können?

So schrecklich der Coronavirus bislang in China gewütet hat, vielleicht hat er auf den ­entfesselten Kunstmarkt eine heilende Wirkung?

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