Im Theater des zweifelhaften Erinnerns

Mit einer eindrucksvollen und üppig besetzten Themenschau zum Dialog von Kunst und Archäologie verabschiedet sich die Direktorin Dolores Denaro vom Centre Pasquart.

  • loading indicator

Eine Stadt aus Holz füllt das Entrée des Centre Pasquart. Das vom französischen Künstlerpaar Anne und Patrick Poirier geschaffene Modell einer antiken Stadt verweist auf unser kulturelles Gedächtnis. Nach der griechischen Göttin der Erinnerung «Mnemosyne» benannt, greift das neun Meter lange Holzmodell neben Strukturen antiken Städtebaus auch jene des menschlichen Gehirns auf. Im Zentrum stehen das Theater des Erinnerns, das Theater des Vergessens und das Amphitheater des Träumens.

Welch ein gelungener Auftakt für eine Ausstellung zum Dialog zwischen Kunst und Archäologie! Die Schau mit 30 internationalen Positionen widmet sich unter dem griechischen Titel «Arkhaiologia» einem Thema, das bereits im 19. Jahrhundert in Blüte stand und just wieder an Aktualität gewinnt. «Auf vielen Kunstmessen ist das Thema Archäologie präsent», sagt Dolores Denaro. Die Direktorin verabschiedet sich nach zehn Jahren im Centre Pasquart mit dieser grosszügigen und eindrucksvollen Ausstellung.

Die Archäologie als Wissenschaft erblühte im 18. Jahrhundert, als der deutsche Gelehrte Johann Joachim Winckelmann erste Ausgrabungen in Pompeji vornahm. Seit der Renaissance galt die Antike als kulturelles Vorbild, doch durch die Funde der in Lava konservierten römischen Stadt nahm die Sehnsucht nach der grossen Vergangenheit neue Formen an. Zahlreiche Museen entstanden. Die Schauplätze der Geschichte im Mittelmeerraum wurden zu viel besuchten Reisezielen, und etliche Statuen fanden in Form von Replika Einzug in bürgerliche Salons.

Eine Göttin auf Flussfahrt

Eine Nachbildung ist auch Pablo Bronsteins «Large Column». Das 3,50 Meter hohe Objekt des argentinischen Künstlers ist die Reproduktion einer korinthischen Säule, die an der Wand lehnt wie ein einsames Überbleibsel aus einem Tempel. Doch die makellose Kunstharzoberfläche der Säule erinnert bei genauer Betrachtung eher an die peinlich pompös wirkenden Zitate historischer Baustile in moderner Umgebung und erzählt so von der Zeitgebundenheit von Stil und Schönheit.

Unser Umgang mit historischen Schätzen ist ein Thema, das einige Künstler der Schau umtreibt. Der Genfer Beat Lippert liess 2010 ein Papiermachée-Modell der berühmten Nike von Samothrake, die im Louvre ruht, auf einem Floss über die Seine fahren. Mit der Flussfahrt, die per Video dokumentiert wurde, möchte Lippert zur Diskussion stellen, wie Museen mit Relikten des Altertums umgehen und wo die berühmten Kunstwerke zu Hause sind. Viele Künstler beschäftigt die Frage, wie unsere Zeit von Archäologen der Zukunft wahrgenommen werden könnte. Karl-Heinz Appelt ernennt in seinen Arbeiten Blechdosen zu «Leitfossilien der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts». Traurig-schön und berührend sind die Bilder des Franzosen Eric Rondepierre, der die Zersetzungsspuren auf Zelluloidfilmen der Kinofrühzeit dokumentiert.

Um Kultur und Vergänglichkeit geht es auch in der spektakulären Ausgrabung von Daniel Spoerris letztem grossen Kunstmahl, das 1983 mit über 100 Gästen in einem Park bei Paris stattfand. Teller und Besteck wurden anschliessend vergraben. Im vergangenen Jahr wurden 45 Objekte dieses «Déjeuner sous l’herbe» von professionellen Archäologen wieder ausgegraben. Löffel und Salzstreuer werden nun, sorgsam beschriftet, in Vitrinen präsentiert. Hier wird ein Kunst-Scherz mit Laboratoriums-Ernst erzählt.

Fabelreiche Fantasiestadt

«Arkhaiologia» ist eine umfangreiche Schau mit grossen Namen und starken Gegensätzen. Ai Weiwei ist mit der weithin bekannten neolithischen Urne mit Coca-Cola-Schriftzug vertreten. Sophie Calle mit einer wunderbaren Recherche zu einem zerstörten Kunstwerk. Daniel Richter und Jonathan Meese gestalteten einen Raum, der einem norddeutschen Bischhofsgrab aus dem 14. Jahrhundert gewidmet ist, mit jener grossspurigen Schnodderigkeit, die Meese-Fans für Genialität halten. Formal im scharfen Kontrast dazu stehen Arbeiten wie Jan Fabres «Skull» aus schillernden Skarabäusflügeln oder Béatrice Gysins Alabasterplatten, die schmelzenden Eisschollen gleichen.

Eine ganze Ausgrabungsstätte mit Scherben und Münzen in schummerig beleuchteten Erdlöchern bringt Simon Fujiwara in die Salle Poma. Der britische Künstler behauptete 2010 während der Londoner Kunstmesse «Frieze», unter dem Messegelände im Regent’s Park seien Reste einer römischen Siedlung gefunden worden. Er präsentierte von Bühnenbildnern gestaltete Grabungsstellen, die viele Kunstfreunde für echt hielten. Mit enormem Aufwand wurde der fantastische Ausgrabungs-Fake in die Salle Poma übertragen. Der Boden wurde um 1,50 Meter angehoben, um Grabungslöcher gestalten zu können, die im schwach beleuchteten Saal wie Geheimniskammern glimmen. Kleine Tafeln behaupten, dass man Teile eines Marktes oder eines Freudenhauses vor sich habe. Oder das mysteriöse «Carnivore Café», in dessen Töpfen neben Geflügelknochen auch Menschengebeine gefunden worden seien. Fujiwara umwebt seine «Frozen City» mit fantasievollen Fabeln und greift so jene Sensationsgier auf, die manche History-Doku dominiert. Das Vergangene ist immer auch ein guter Resonanzraum für abenteuerliche Fantasien.

Die Ausstellung dauert bis 27. November. Ende Oktober erscheint eine Publikation.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...