«Im Kühlturm in Leibstadt hat sich eine fotogene Patina gebildet»

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Der Schweizer Fotograf Luca Zanier hat die Innenräume von Kraftwerken besucht. Die Aufnahmen von dieser unzugänglichen Welt sind so faszinierend wie irritierend.

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Philippe Zweifel@delabass

Herr Zanier, wer kauft Ihre Bilder: AKW-Gegner oder -Befürworter? Ich hatte nach Fukushima ein bisschen Angst, dass gar niemand meine Bilder kauft. Doch wie sich herausstellte, sind die Arbeiten für beide Fraktionen reizvoll. Aber es geht ja auch nicht um Politik. Sondern um was? Es ist nicht die aktuelle Diskussion rund um Atomenergie, die mich interessiert – ich habe das Projekt ja vor Fukushima in Angriff genommen. Es geht mir um die Ingenieurskunst, die diese Kathedralen der Moderne hervorgebracht hat. Ich will die Räume sichtbar machen, in denen die Energie, die wir so selbstverständlich nutzen, produziert wird.

Können Kraftwerke heute überhaupt keine politische Botschaft haben? Letztlich lösen alle Kraftwerke Kontroversen aus, seien das nun Atom-, Kohle-, Gas- oder Wasserkraftwerke. Und natürlich ist es meine Absicht, beim Zuschauer etwas auszulösen. Aber ich wollte zum Beispiel keine Fässer mit radioaktivem Abfall zeigen, die in den Kraftwerken lagern. Es ging mir hauptsächlich darum, überraschende Perspektiven aufzuzeigen und ungewohnte Einblicke zu ermöglichen; der dokumentarische Anteil rückte dabei in den Hintergrund.

War es nach Fukushima schwierig, die Foto-Erlaubnis zu kriegen? In 90 Prozent der Fälle liess man mich rein. Die Räume und Aufnahmen sind hochästhetisch – dabei wurden die Räume einzig funktionell entworfen. Wie erklären Sie sich das? Natürlich, eine Personenschleuse ist absolut zweckmässig. Trotzdem widerspiegelt die Architektur immer auch den Zeitgeist, und jeder Raum hat seine eigene Geschichte. Im Kühlturm in Leibstadt hat sich nach einer Laufzeit von 20 Jahren eine äusserst fotogene Patina gebildet, wobei im brandneuen Kühlturm in Lünen diese Patina selbstverständlich noch nicht aufzufinden ist; daher weist er eine ganz andere Ästhetik auf. Beim Betrachten meiner Bilder kann ich mir gut vorstellen, dass etwa «Space Odyssey 2001» in einem dieser Räume hätte gedreht werden können. Der Kontrollraum von Beznau wäre auch für einen Science-Fiction-Film prädestiniert.

Welches ist eigentlich Ihr Lieblingskraftwerk? Jedes Kraftwerk hat seinen eigenen Reiz. Die Notausgangsanlage im Zwilag faszinierte mich visuell und erlaubte eine überraschende Perspektive. Diese Faszination hat mich auch dazu bewegt, dieses Bild als Titelbild für das «Powerbook»-Buch auszuwählen.

baz.ch/Newsnet

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