Zum Hauptinhalt springen

«Ich mache mich über die Kunstwelt lustig»

Francesco Bonami ist eine Kuratoren-Legende. Weniger bekannt ist, dass er selbst malt.

Lacht hier der Künstler über sein Modell? «Blowing an Orange Balloon» von Francesco Bonami. Foto: PD
Lacht hier der Künstler über sein Modell? «Blowing an Orange Balloon» von Francesco Bonami. Foto: PD

Die Ausstellung kandidiere schon Anfang 2019 für «die seltsamste des Jahres», schreibt eine US-Kunstzeitschrift. Die Rede ist von «50 Times Obrist by Bonami», eine Schau im Engadiner Dorf S-chanf (bis 28. Februar). Sie besteht aus fünfzig imaginären Porträts des Schweizer «Superkurators» Hans Ulrich Obrist, gemalt von einem anderen berühmten Kurator, dem Italiener Francesco Bonami (63). Dieser hat viele künstlerische Grossveranstaltungen geprägt, darunter 2001 die Manifesta in Ljubljana, die Venedig-Biennale 2003 und die Whitney-Biennale in New York 2010. Obwohl er als Künstler ausgebildet ist, hat Bonami in den letzten 30 Jahren nie ausgestellt. Kommendes Wochenende wird er auch an den Engadin Art Talks in Zuoz auftreten.

Francesco Bonami, wie kommt ein international renommierter Kurator auf die Idee, einen anderen Kurator zu malen – und das erst noch 50-mal?

Lassen Sie mich das so ausdrücken: Der Schweizer Kurator Hans Ulrich Obrist ist für mich das, was «Campbell’s Soup» für Andy Warhol war – eine Chiffre, eine Skulptur, eine Ikone. Ich kenne ihn seit Jahren, er ist ein Freund, und er ist einfach überall, sodass jeder in der Kunstwelt seine Silhouette sofort erkennt.

Sind Ihre Bilder verkappte Selbstporträts oder eher Witze auf Kosten des Kollegen?

Weder noch! Wir sind ganz unterschiedlich – er schnell und wendig, ich eher langsam. Obrist macht gar nicht so viele Ausstellungen, sein Wirken vollzieht sich in der Sphäre des Geistes. Darum eignet er sich auch dazu, als Abstraktion dargestellt zu werden.

Ihre Künstlerkarriere haben Sie längst aufgegeben. Warum malen Sie jetzt wieder?

Es begann mit Instagram. Ich wollte dieses Medium selbst ausprobieren. Ich erfand für meinen Account @thebonamist eine Kunstfigur, die ich Childish Bonamino nenne. Diese unterrichtet Malerei wie einst Bob Ross am Fernsehen, ich nenne das «The New Joy of Painting». So begann ich, wieder zu malen.

«Hans Ulrich Obrist besucht den an Grippe erkrankten Harald Szeemann» oder «Hans Ulrich Obrist bläst einen orangen Ballon auf»: Wie kommen Sie auf diese absurden Sujets?

Die Situationen sind erfunden. Es war gar nicht einfach, sich 50 verschiedene Motive auszudenken.

Man wird den Verdacht nicht los, dass Sie sich über Ihr Modell lustig machen, und doch strahlen Ihre Bilder eine gewisse Melancholie aus.

Unser Dasein als internationale Kuratoren hat etwas Melancholisches an sich. Man wird zur öffentlichen Figur, kommt sich selber ein Stück weit abhanden, verliebt sich in das Kunstkarussell, wird abhängig davon, erlebt selten mehr «normale» Momente.

Jene Art Leere, die sich nach einem Sieg einstellt? Die Kunst hat die Welt erobert. Millionäre reissen sich um Werke, die früher als unverständlich galten.

Sieg? Ich weiss nicht. Die Galerien werden grösser und grösser, die Preise steigen. Und doch machen die Protagonisten des boomenden Marktes keinen glücklichen Eindruck. Es gibt immer jemanden, der eine grössere Jacht besitzt.

Eignet sich die Kunst denn überhaupt für den materiellen Wettbewerb?

Seltsamerweise: ja. Die Könige wollten auch immer den besten Maler ihrer Zeit als Statussymbol am Hof haben, ob es Velazquez, Michelangelo oder Goya war. Zum Glück brauchten diese Maler aber nicht auch noch dem breiten Publikum zu gefallen und auf Instagram-Follower zu sammeln.

Die zeitgenössische Kunst wird mit Werten wie Subversion, Freiheit oder auch Experiment assoziiert. Wie steht es heute um diese Werte?

Die Freiheit ist definitiv weg. Und auch der Underground ist nicht mehr der gleiche. Eine kraftvolle subversive Geste wird heute sofort mit Aufmerksamkeit belohnt. Wer im Underground ausharrt, gilt als einer, der es nicht geschafft hat, als Loser.

Ist Banksy ein Loser?

Natürlich nicht, er ist sehr schnell zu einem Teil des Establishments geworden. Seine Inszenierung mit Anonymität und Street-Art gehört dazu. Es herrscht ein grosses Bedürfnis nach solchen Figuren, die irgendeine Art von Dissidenz vortäuschen. Ich nenne sie Fake-Dissidenten – auch Ai Weiwei gehört dazu.

Ai Weiwei? Warum soll der ein Fake sein?

Glauben Sie denn, ein richtiger chinesischer Dissident wäre so sichtbar? Wir sprechen hier von dem Mann, der der Regierung half, das olympische Stadion zu entwerfen!

Er half den Architekten Herzog & de Meuron aus der Schweiz.

Trotzdem, wäre er ein echter Systemkritiker, wäre das nicht möglich. Die richtigen Dissidenten kennen wir nicht. Sie malen, leben und sterben irgendwo in Vergessenheit – sie sind, eben, totale Verlierer.

Das klingt desillusioniert. Spielen Sie darum den Narren auf Instagram?

Nein. Ich bin einfach keine sehr ernsthafte Person. Ich mache mich über Menschen lustig, über mich selbst, über die heiligen Rituale der Kunstwelt.

Sie vertreten die These vom «Ende der zeitgenössischen Kunst». Was meinen Sie damit?

Damit meine ich das Ende des kreativen Konzeptwettbewerbs, wie wir ihn in der Kunst seit Marcel Duchamp erlebt haben. Ich wünsche mir die alte Zeit nicht zurück. Ich beobachte nur und stelle fest: Ideen haben ausgedient. Heute will man nicht denken, sondern Storytelling.

Das klingt jetzt doch schwer nach Kulturpessimismus.

Ist aber nur eine nüchterne Feststellung. Die Mehrheit der Menschen, die sich für Kunst interessieren, sehen sie heute als Spiel an. Das verleiht dem ganzen Betrieb infantile Züge.

Diese Entwicklung haben Sie doch aktiv mitgestaltet.

Das kann man wohl so sagen. Ich begann als Künstler, dann war ich Kritiker, dann wurde ich Kurator …

Hätten Sie mit Ihrem heutigen Wissen etwas anders gemacht?

Nein, ich habe all das mit Freude gemacht. Die Einflussnahme der Kuratoren sollte man nicht überschätzen. Politiker sind weitaus gefährlicher.

Auch diese wirken heute wie Kunstfiguren – Donald Trump könnte eine Erfindung des Italieners Maurizio Cattelan sein, dessen Karriere Sie kräftig mitangeschoben haben.

Trump ist wie Berlusconi eine Karikatur seiner selbst. Er ist auf seinen Vorteil bedacht und darum berechenbar. Matteo Salvini, der bald Italiens Premierminister werden könnte, ist gefährlicher. Er ist intelligent und hat nichts zu verlieren.

Im Programm der Engadin Art Talks sind Sie als Kurator angekündigt – warum nicht als Künstler?

Ich behalte Distanz. Ich nehme mich nicht so ernst – brauche mich aber auch nicht zum Narren zu machen.

Kunstraum 107S-chanf, bis 28.2.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch