Grün ist die Hoffnung

Das Théâtre du Peuple in den Vogesen spielt Calderons Läuterungsdrama «Das Leben ein Traum».

Volkstheater mit der Natur im Rücken: «La vie est un rêve» im elsässischen Bussang.

Volkstheater mit der Natur im Rücken: «La vie est un rêve» im elsässischen Bussang.

(Bild: Jean-Louis Fernandez)

Es hat schon bessere Zeiten gekannt, das Vogesendorf Bussang, wo die Quelle der Mosel liegt, die hier, nur 48 Kilometer nordwestlich von Mulhouse, entspringt, ihren Weg zum Rhein jedoch durch Lothringen sucht. Die zwei zentralen Gasthöfe haben dichtgemacht und sind am Verlottern. Bleiben ein Campinglatz, ein Spielcasino und ein begehrtes Wandergebiet. Der grösste Stolz Bussangs aber ist seit 1895 das hölzerne Théâtre du Peuple, das der hier geborene Industriellensohn und Schriftsteller Maurice Pottecher am Waldrand errichtete, um Volk und Arbeiterschaft den Weihen der Kultur zuzuführen. «Par l’art pour l’humanité» prangt noch heute als Leitspruch über dem Bühnentor.

Jeden Sommer laden Laiendarsteller, verstärkt durch Profis, in dieser denkmalgeschützten Theaterscheune, die schon für sich eine Reise wert ist, zu einer grossen, nachmittags angesetzten Produktion. Dieses Jahr ist es der Klassiker «Das Leben ein Traum» («La vie est un rêve») des spanischen Ordensritters, Priesters und Dichters Calderon de la Barca, ein Stück, das seit seiner Uraufführung von 1635 weltweit zum Repertoire der Bühnen gehört.

Darin sperrt der polnische König Basilius seinen Sohn Sigismund in einer Waldhöhle ein, weil die Sterne ihm verhiessen, dass der Thronfolger sich dereinst gegen ihn erheben werde. Zur Probe lässt er Sigismund aber doch einmal an den Hof schaffen und König spielen. Da der Filius sich nicht bewährt, wird er wieder in sein Verlies gebracht, wo ihm die kurze Regentschaft wie ein Traum vorkommt.

Nur das Jenseits zählt

Eine amouröse Intrige bringt ­Sigismund zuletzt erneut auf den Thron. Denn des Königs Neffe Astold, der eigentlich die illegitime Tochter Rosaura von Sigismunds Kerkermeister Clotald liebt, verbindet sich nun mit der königlichen Nichte Estrella (in Frankreich: Etoile), um an die Macht zu kommen. Die verratene Estrella sorgt für Gerechtigkeit, ein Volksaufstand unterstützt sie dabei, Sigismund ­wandelt sich zum geläuterten Herrscher und verzeiht seinem Vater.

So viel in Kürze zum Stück, in dem auch das mithin geflügelte Wort «Ein Unglück kommt selten allein» fällt. Das Leben, so Calderons Botschaft, ist für jedermann nur Schein oder eben Traum – und daher gottgefällig zu führen, da nur das Jenseits zählt. Irgendwelche Sterndeutereien bringen den Menschen höchstens auf Abwege.

Eine griffige Neuübersetzung

Die Bühne des Théâtre du Peuple beherrschen zwei Statuen mit geflügelten Pferden, die sich aufbäumen. Gespielt wird in zeitlosen Kostümen. Die Aufführung aktualisiert den Text aber nicht. Sie richtet sich an Theaterliebhaber, die an zeitgenössischen, oft willkürlichen «Überschreibungen» klassischer Texte nicht viel Gefallen finden.

Unter der Regie von Jean-Yves Ruf und in einer griffigen Neuübersetzung (Denise Laroutis) kommt Calderons Wort voll zur Geltung. Die mittlerweile erprobten Laien, die auch den Zuschauerraum bespielen, pflegen eine vorbildlich rhythmisierte, eher nüchterne Diktion.

Die Rückwand öffnet sich

In der Rolle von Rosauras gebeuteltem Diener gibt ein Profi Bravourstücke zum Besten. Und wie es in Bussang Tradition ist, geht auch die Rückwand der Bühne ins Grüne auf, dieses Mal zunächst einen Spalt breit, aber schon wirkungsvoll kurz nach der Pause, wenn Sigismund erstmals Hoffnung schöpft.

Unter der Leitung von Simon Delétang, der seinen Posten letztes Jahr übernommen hat, zeigt das Théâtre du Peuple ab 7. August abends ferner das Stück «Suzy Storck» der in Epinal lebenden Magali Mougel: die Tragödie einer Frau, die sich wider Willen für Ehe, Familie und Kinder entschieden hat. Und sonntagabends jeweils den Monolog «Moi, Bernard», den der bekannte, früh verstorbene französische Dramatiker Bernard-Marie Koltès hinterliess.

Zur Begegnungsreihe «Impromptu» mit neuen Texten reist im September nebst anderen Alice Zeniter an, die mit dem Roman «Die Kunst zu verlieren» über die nach dem Algerienkrieg vertriebenen Harki, die der Kolonialmacht gedient haben, viel Beachtung fand. Am 31. August und am 1.September schliesslich wird «La vie est un rêve» auch mit deutscher Übertitelung gegeben.

«La vie est un rêve», bis 7. September, jeweils Do bis So, 15 Uhr. www.theatredupeuple.com

Basler Zeitung

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