Gauguin und die fehlende Wiedergutmachung

Die Provenienzforschung müsste auch miteinbeziehen, unter welchen Umständen ein Kunstwerk entstand. Zum Beispiel «Nafea faa ipoipo?» von Paul Gauguin. Der Franzose hatte Sex mit Minderjährigen und führte sich auf wie ein Kolonialist.

Ein Kunstwerk der Sonderklasse: «Nafea faa ipoipo?» von Paul Gauguin.

Ein Kunstwerk der Sonderklasse: «Nafea faa ipoipo?» von Paul Gauguin.

Der aktuelle Streit zwischen einem Kunstsammler und einem Kunsthändler wirft ein neues Schlaglicht auf Fragen nach der Provenienz von Kunstwerken. Vor allem in Deutschland, aber auch in der Schweiz betreiben Museen in noch nie da gewesenem Ausmass Provenienzforschung. Während die Kunstmuseen vor allem nach Naziraubkunst suchen, durchforsten ethnologische Museen ihre Bestände nach kolonialer Raubkunst, wobei beides, Naziraubkunst und koloniale Raubkunst, oft undifferenziert und voreilig miteinander gleichgesetzt wird.

Dahinter steht auch – im politisch dominanten Diskurs – der Imperativ «Alles muss zurück an seine Vorbesitzer». Provenienzforschung bedeutet jedoch nicht bloss die Frage nach dem – nach heutigem Verständnis – rechtmässigen Eigentümer. Provenienzforschung bedeutet auch die Untersuchung, wie und unter welchen Umständen ein Kunstwerk entstanden ist.

Die kürzlich in Berlin eröffnete Emil-Nolde-Ausstellung beispielsweise entlarvt den Künstler als Nazi und Antisemiten, was zwar aufgrund seiner Biografie nicht überrascht. Die Anstrengung der Ausstellungsmacher, die ideologische Gesinnung Noldes in den Gemälden nachzuweisen, erweist sich jedoch als eher bemühend. Inwiefern wäre also zwischen Emil Nolde als Person und dem künstlerischen Werk Emil Noldes zu unterscheiden?

Immense Wertsteigerung

Eine ähnliche Frage stellt sich auch für Paul Gauguins 1892 auf Tahiti gemaltes Bild «Nafea faa ipoipo?» («Wann heiratest du?»), über dessen Profit sich kürzlich ein cleverer Kunsthändler, Simon de Pury, und ein ebenso gewiefter wie reicher Basler Kunstbesitzer, Rudolf Staechelin, gestritten haben.

Das Bild gilt als eines der teuersten Gemälde weltweit. Für das Gemälde, das zwei tahitianische Frauen zeigt, bezahlte der Emir von Katar offensichtlich 210 Millionen Dollar (BaZ, 22. 5. 2019). Kunstbesitzer und Kunsthändler stritten sich um die Höhe der Provision von 10 Millionen Dollar. Das Londoner Appellationsgericht entschied kürzlich, dass Staechelin dem Kunsthändler den ursprünglich abgemachten Betrag bezahlen muss.

Das Bild, das über Jahrzehnte im Basler Kunstmuseum sorgsam aufbewahrt und gepflegt worden war – kostenlos, versteht sich –, war Teil einer Leihgabe, die Staechelin bekanntlich 2014 zurückzog. Er verschob diese aus steuerlichen und juristischen Gründen in einen amerikanischen Trust. Einen Teil seiner Sammlung übergab er vor einem halben Jahr der Fondation Beyeler als Dauerleihgabe.

Gauguins Gemälde «Nafea faa ipoipo?» hat zwischen 1917, als Staechelins Familie das Bild für 18000 Franken erworben hatte, und 2015, als es für 210 Millionen Dollar an den Emir von Katar ging, eine exorbitante Wertsteigerung (das fast 12000-Fache des ursprünglich bezahlten Preises) erfahren. Der Kunstmarkt funktioniert bekanntlich genauso wie der Markt für alle Waren nach Angebot und Nachfrage – und er fragt auch nicht nach Moral.

Bei solch gigantischen Profiten wie bei «Nafea faa ipoipo?» stellt sich jedoch die Frage der Provenienz in aller Schärfe. Legitimiert blosses Besitzersein das Einstreichen eines so hohen Gewinns unter Vernachlässigung der Nachfahren derjenigen, die dem Künstler Modell gesessen und ihn, ob freiwillig oder nicht, in ihrer Mitte aufgenommen haben?

Was Kunstliebhaber geflissentlich übersehen, ist das, wofür dieses Bild (und weitere Werke) – jenseits der Bedeutung für die europäisch-kunsthistorische Entwicklung der Malerei – steht: die exotisierenden Fantasien eines französischen Mannes und Künstlers über Tahiti und seine (jungen) Frauen.

Diese Fantasien finden sich in seinen Gemälden wieder. Ende des 19. Jahrhunderts war das europäisch-wissenschaftliche Menschheitsbild geprägt vom Evolutionismus, der davon ausging, dass die Menschen in anderen Teilen der Welt auf einer Stufenleiter der menschlichen Entwicklung vom Primitivsten bis zum halbwegs Zivilisierten zu verorten sind. An der Spitze dieser Pyramide rangierten die Europäer. Diese Ideologie rechtfertigte damals auch den Kolonialismus, das Unterwerfen, Beherrschen und Ausbeuten anderer Gesellschaften und Kulturen.

Der Maler als Kolonialist

Gauguin hat zwar die Kolonisierung heftig kritisiert, weil dadurch der (vermeintlich) harmonische Urzustand der «edlen Wilden» – der Primitiven – zerstört werde. Er versuchte der europäisch-bürgerlichen Gesellschaft (auch seiner Ehe, aus der fünf Kinder hervorgingen) und ihrem Profitstreben zu entkommen, um in einem angeblichen glückseligen Paradies des menschlichen Urzustands zu leben. Aus heutiger Sicht steht jedoch gerade er selber für Kolonialismus, Gewalt und Ausbeutung. Nicht nur wählte er französische Kolonien in Polynesien – zuerst Tahiti und zuletzt die Insel Hiva Oa (Marquesas) – für seine Aufenthalte aus, denn sie boten ihm auch eine (wenn auch minimale, dennoch machtvolle) Infrastruktur, auf die er als Franzose zurückgreifen konnte. Wie er schrieb, wollte er dort «ein Leben in Ekstase, Ruhe und Kunst» und «in einer amourösen Harmonie mit den rätselhaften Wesen» seiner Umgebung führen.

In seiner autobiografischen Erzählung «Noa-Noa» schrieb er: «Ich sah viele junge Mädchen mit sanften Augen, wahre Tahitianerinnen. […] Alle wünschten sich, genommen zu werden, brutal und wortlos. Alle haben den Wunsch nach Vergewaltigung, den Akt männlicher Autorität […].» Doch abgesehen von seinen verschriftlichten sexuellen Fantasien und Unterstellungen, die auch in seinen Gemälden anklingen, hat er zudem ein Leben geführt, das dem kolonial-männlichen Überheblichkeitsanspruch entsprach. Er nahm sich 13- und 14-jährige Mädchen ins Haus und lebte mit ihnen seine erotisch-sexuellen Wunschträume aus – und sie dienten ihm auch als Modelle. Kindsmissbrauch also.

Ob die junge Frau im Vordergrund von «Nafea faa ipoipo?» eine von diesen «Bräuten» war, die vermutlich schon vor der Ankunft Gauguins einem jungen Tahitianer versprochen war, dann aber ins «Blickfeld» Gauguins gelangte? Ob eine oder mehrere dieser jungen Frauen schwanger wurden, was mit diesen Kindern eines Weissen, der sich um keine sozialen Verflechtungen und Verpflichtungen vor Ort kümmerte, geschah, ist meines Wissens nicht bekannt.

Gauguin litt an Syphilis und starb auf den Marquesas daran. In der Südsee gab es vor Ankunft der ersten Europäer diese Krankheit nicht. Gauguin hat zur Verbreitung dieser Seuche beigetragen, egoistisch und eurozentrisch, ohne Rücksicht auf das «Paradies». Das ist eine Form von sexueller Gewalt. Über das Schicksal all dieser Frauen wissen wir kaum etwas. Gauguins Gemälde spiegeln die Unterwerfung tahitianischer Frauen wider; sie wurden zu Objekten des begehrlichen Blicks Gauguins als Maler und französisch-kolonialem Mann.

Und das Fazit? Angesicht der 210 Millionen Dollar, die «Nafea faa ipoipo?» auf dem Kunstmarkt erzielt hat, wäre es angebracht, die Hälfte davon als Reparationszahlungen an die polynesischen Gemeinden, in denen Gauguin gelebt hat, auszurichten. Das sollte in allen weiteren, ähnlich gelagerten Fällen und zwar bei jedem Weiterverkauf so gehandhabt werden.

Brigitta Hauser-Schäublin: Die Basler Ethnologin und Publizistin lehrte zwischen 1992 und 2016 an der Universität Göttingen.

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