Ein Kloster wird zur Wunderkammer

Julia Steiner stellt derzeit im Kloster Schönthal aus. Der Betrachter begegnet dabei rätselhaften Objekten, die nicht auf alle Fragen Antworten liefern.

220 Objekte zeigt die Künstlerin Julia Steiner. Woher sie kommen, wird dem Betrachter dabei vorenthalten.

220 Objekte zeigt die Künstlerin Julia Steiner. Woher sie kommen, wird dem Betrachter dabei vorenthalten.

(Bild: Heiner Grieder)

Noch nie wusste man angesichts dieser Gouachen ja so recht, ob Julia Steiners Welten sich zu neuem Leben auftürmen oder im Begriff sind einzustürzen. In ihrer Einzelausstellung im Kloster Schönthal in Langenbruck ist diese Ambivalenz des Werdens und Vergehens omnipräsent.

Sie hat die Schau «Fragmente der Welten» für eine der seltenen Präsentationen ihrer Objektsammlung genutzt. Seitdem sie diese zuletzt vor sieben Jahren im Kunstzeughaus Rapperswil gezeigt hat, dürfte sie noch einmal um einiges gewachsen sein. Bis 2016 hat Steiner daran gearbeitet, doch was macht jemand, der bislang selbst die Pinsel gesammelt hat, mit denen ihre oft grossformatigen Gouachen entstehen? Wohl kaum einfach aufhören.

Keine Erklärung für den Betrachter

Im ehemaligen Kirchenraum des Klosters liegen nun auf zwei Tischen 220 Objekte auf den Schachteln ausgebreitet, in denen sie verwahrt werden. Alle sind nummeriert, die Ziffern verweisen auf ein Buchprojekt, das diese Werkgruppe «Fragmente der Welten» einzeln und als Ensemble abbildet.

Das Narrative wird weitgehend vermieden. Woher die alten Perlmuttknöpfe stammen, die nun durch das Hinzufügen eines Zweiges eine Baumkrone bilden oder die kurzärmeligen Shirts, die alle auf einem Bügel hängen, ist vermutlich für die 1982 geborene Künstlerin nicht unerheblich, dem Betrachter jedoch wird jede Erklärung verweigert.

Rätselhafte Wunderkammer 

Daher der Eindruck des Rätselhaften und Hybriden, das jeder Wunderkammer Ehre machen würde. Oft sind es die Eingriffe Steiners, die das Objekt, das bis dahin eher am Vergehen war, zu etwas macht, das wird. Und nicht selten geschehen diese mit Nadel und Faden, wodurch auch etwas Zeichnerisches entsteht. So stickt sie ein rotes sternförmiges Muster in einen Keks oder sie erweitert einen hellen Pullunder um einen Kopf, der trotz unschuldigem Weiss etwas maskenhaft Unheimliches bekommt.

Es ist ganz stimmig, dass diese «Fragmente der Welten» an einem Ort gezeigt werden, an dem in einem religiösen Sinne von Entstehen und Vergehen erzählt wurde und der zugleich von einer sich ständig erneuernden Natur umgeben ist. Dazu passt, dass im Büro mehrere Weidezweige stehen, die bereits Wurzeln geschlagen haben und wie im Glas erstarrt sind.

«Fragmente der Welten – Growing Time» heisst diese Arbeit, und viele dieser Fragmente haben ja etwas Groteskes. So ersetzt Julia Steiner etwa die abgeschlagenen Köpfe einer Figurengruppe durch Muscheln. Den Anspruch auf Vollständigkeit erhebt dies nicht, aber auf eine ganz eigene Sicht auf die Welt.

Der Umgang mit dem Material

Überhaupt lässt sich einiges in die Arbeiten von Julia Steiner, die durch den Hell-Dunkel-Kontrast geprägt sind, hineinlesen. Neben der Werkgruppe «Fragmente der Welten» sind in Langenbruck auch neuere Gouachen und Lithografien aus dem Jahr 2013 zu sehen. Was diese Arbeiten so interessant erscheinen lässt, ist einerseits Steiners Umgang mit dem Material – man muss sie fast für Kohlezeichnungen halten –, andererseits eine Identität von Prozess und Dargestelltem.

Denn immer hat man den Eindruck, kosmische Kräfte vor sich zu sehen, die Materie schaffen, die vor sich hin köchelt, kristalline Strukturen oder doch zumindest Triebe ausbildet. Die Welt jedenfalls ist in Aufruhr und insofern ist die Sammlung der Objekte ein weniger dramatisches Pendant. Es sind jedoch beide Pole, die das Werk von Julia Steiner ausmachen.

Kloster Schönthal, Langenbruck. Fr 14–17 Uhr, Sa/So 11–18 Uhr. Bis 19. Mai. www.schoenthal.chHelvetia Art Foyer, 5.6.–3.10.

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