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Der vergessene Zeitgenosse Kandinskys

Das Kunstmuseum Bern will mit einer Retrospektive den heute zu Unrecht kaum mehr wahrgenommenen Otto Nebel als eigenschöpferischen Künstler beleuchten.

Fotografiert von Hannah Höch, 1956.
Fotografiert von Hannah Höch, 1956.
zvg
Januar 1932, Deckfarben, 40 x 30 cm, Blattmasse, Kunstmuseum Bern, Schenkung Otto Nebel.
Januar 1932, Deckfarben, 40 x 30 cm, Blattmasse, Kunstmuseum Bern, Schenkung Otto Nebel.
zvg
1937, Öl (mit Sand und Ei-Zusätzen) auf Leinen mit Gipsgrund,63,5 x 58,5 cm, Otto Nebel-Stiftung, Bern.
1937, Öl (mit Sand und Ei-Zusätzen) auf Leinen mit Gipsgrund,63,5 x 58,5 cm, Otto Nebel-Stiftung, Bern.
zvg
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Mit einer grossen Retrospektive beleuchtet das Kunstmuseum Bern das malerische und literarische Schaffen von Otto Nebel - einem Künstler des frühen 20. Jahrhunderts, den es wieder zu entdecken gilt.

Auf Augenhöhe mit Klee und Kandinsky

Auf den ersten Blick erinnern manche Bilder Nebels an Werke von Paul Klee, Wassily Kandinsky, Lionel Feininger oder Marc Chagall. Doch es wäre ungerecht, Nebel einfach als Epigon, also als Nachahmer, zu bezeichnen, betonte Matthias Frehner, Direktor des Berner Kunstmuseums, am Mittwoch vor den Medien in Bern.

Vielmehr seien diese Künstler wesensverwandt gewesen, hätten an ähnlichen Fragen laboriert und seien zu sehr ähnlichen Schlüssen gekommen, konstatierte Frehner. Dafür spreche auch, dass etwa Klee und Kandinsky Nebel auf gleicher Augenhöhe begegnet und mit ihm freundschaftlich verbunden gewesen seien. Dass Künstler mit einer ähnlichen Geisteshaltung ähnliche Werke schaffen würden, sei in der Kunst nichts Ungewöhnliches, führte Frehner aus. Er erinnerte etwa an Impressionisten in den 1870-er Jahren.

Eigenständige Schöpfungen

Ziel der Retrospektive im Berner Kunstmuseum sei es, den heute zu Unrecht kaum mehr wahrgenommenen Nebel als eigenschöpferischen Künstler zu beleuchten. Die Ausstellung dauert bis am 24. Februar 2013. Nebel war ein Multitalent, das mit visuellen und literarischen Darstellungsformen experimentierte. Die Ausstellung will den Wechselbeziehungen zwischen Bild und Wort nachspüren.

In den 1920-er Jahren schuf Nebel seine ersten «Runenfugen», Gedichte, die aus einer beschränkten Anzahl Buchstaben bestehen. Den Buchstaben ordnete er anschliessend Farben und Formen zu und übersetzte so seine Gedichte ins Bildliche. Geometrische Formen hätten bei Nebel schon früh eine wichtige Rolle gespielt, sagte Therese Bhattacharya-Stettler vom Kuratorenteam der Ausstellung am Mittwoch. Der gelernte Baufachmann Nebel, den die gotische Dombaukunst faszinierte, wandte sich auch der systematischen Untersuchung von Farben und geometrischen Flächen zu.

«Bauen ist mein wahrer, innerster Beruf», sagte Nebel einmal von sich selber. Nebel sei ein minutiös arbeitender, technisch sorgfältig und abwägender Künstler gewesen, betonte auch Ko-Kurator Stefan Biffiger. Der Künstler habe seine Gemälde und Blätter oft richtiggehend «gebaut» und in zähen Arbeitsgängen Schicht um Schicht auf den mehrmals präparierten Untergrund aufgetragen.

Nach Bern emigriert

Otto Nebel kam 1882 in Berlin zur Welt. Nach einer Ausbildung zum Baufachmann und einer Schauspielausbildung wurde er von 1914 bis 1918 zum Kriegsdienst an verschiedenen Fronten eingezogen. Ein traumatisches Erlebnis, das den Künstler zeitlebens prägen sollte. Zunächst war Nebel als Schriftsteller und Maler in Deutschland tätig, wo er unter anderem an der Kunstzeitschrift «Der Sturm» mitarbeitete. Mit dem Maler Rudolf Bauer und der Malerin Hilla von Rebay gründete er die Künstlergruppe «Der Krater».

Als die Nazionalsozialisten Nebels Kunst als entartet verunglimpften, wanderte der Künstler 1933 in die Schweiz aus. Dort musste er zunächst als Flüchtling wegen eines Erwerbsverbots schwierige Jahre durchstehen. Über Wasser hielt ihn ein durch die Vermittlung Kandinskys erwirktes Stipendium der Guggenheim Foundation in Amerika.

200 Werke für das Kunstmuseum

In den Wirren des zweiten Weltkriegs wurde ein beträchtlicher Teil von Nebels Frühwerk zerstört. In den 1940-er Jahren begann sich Nebel mit dem Werk des Philosophen Emanuel Swedenborg zu beschäftigen und trat auch der seinen Lehren folgenden «Neuen Kirche» bei. Daneben beschäftigte er sich auch mit fernöstlichem Gedankengut, etwa dem chinesischen Orakelbuch I Ging.

1952 nahm Nebel das Schweizer Bürgerrecht an. Als Schauspieler in den Berner Kammerspielen und als Sprecher verdiente er sich sein Leben. Daneben konnte er an verschiedenen Kunstausstellungen Erfolge verbuchen. Noch zu seinen Lebzeiten schenkte Nebel rund 200 Werke dem Kunstmuseum Bern. Am 12. September 1973 starb Otto Nebel in Bern.

SDA/jb

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