Das Schloss der verlorenen Bilder

Immer wieder gingen im deutschen Schloss Friedenstein Bilder verloren. Unter anderem beim spektakulärsten Kunstraub der DDR-Geschichte.

Am Mittwoch stellte der Stiftungsdirektor von Schloss Friedenstein im thüringischen Gotha, Martin Eberle, den mit Hilfe der Kulturstiftung der deutschen Bundesländer erarbeiteten Verlustkatalog vor. «Es ist ein wirkliches neutrales Verlustdokument», sagte er.

Es werde nicht mit dem erhobenen Zeigefinger zum Beispiel auf die 50 glanzvollen Stücke gezeigt, die 1946 von der Roten Armee als Ersatz für Zerstörungen und Plünderungen deutscher Soldaten in die Sowjetunion gebracht wurden.

Damals war das internationale Renommee der Gemäldesammlung zu ihrem Verhängnis geworden. 120 Bilder gelten als Kriegsverluste. Drei, darunter ein Gemälde von Caspar David Friedrich, verbrannten 1931 in München, fünf wurden 1979 beim wohl spektakulärsten DDR-Kunstraub gestohlen, andere legal verkauft.

Führende Kunstsammlung

Das Schlossmuseum, das mit 642 Gemälden noch immer zu den führenden Kunstsammlungen in Thüringen zählt, erhofft sich von der Veröffentlichung, dass vermisste Bilder an ihren angestammten Platz zurückkehren, wie Eberle sagte. Wenn sie im legalen Kunsthandel oder bei Versteigerungen auftauchen, können sie nun nicht mehr einfach weiterverkauft werden.

Mehrere Jahre lang hatte die Wissenschaftlerin Allmuth Schuttwolf in mühsamer Kleinarbeit die Geschichte der Herzoglichen Gemäldesammlung erforscht. Bereits 1997 hatte die Kulturstiftung der Bundesländer die Verlustdokumentation zum Kunsthandwerk gefördert. Seitdem haben etliche Stücke den Weg zurückgefunden.

1958 gab die Sowjetunion 1,5 Millionen Trophäen, darunter 62 Bilder aus Gotha, zurück: Neben Werken von Peter Paul Rubens, Lucas Cranach oder Jan van Goyen auch das Glanzstück «Das Gothaer Liebespaar» eines unbekannten Meisters vom Ende des 15. Jahrhunderts. Wenigstens 50 Gemälde werden noch im Puschkin-Museum Moskau vermutet.

Verhandlungen über Kriegsbeute

Seit mehr als 15 Jahren verhandeln Deutschland und Russland über einen Austausch der Kriegsbeute. «Das ist eine politische Entscheidung», sagte Eberle, der der deutsch-russischen Kunstkommission angehört, mit Blick auf die Duma-Entscheidung 1993. Damals waren die deutschen Kunstwerke zum russischen Eigentum erklärt worden.

Mit den russischen Kollegen gebe es offene und klare Gespräche. «Es beginnt etwas.» Ihm sei es wichtig, einen freien Zugang zu den Gemälden in Russland zu bekommen – und auch mal auf die Kennzeichnungen auf der Rückseite schauen zu können, sagte Eberle.

Mutmasslicher Auftragsklau

Einen schmerzhaften Aderlass hatte Gotha in einer Nacht- und Nebelaktion vor 32 Jahren hinnehmen müssen. Von fünf Bildern – von Frans Hals «Brustbild eines jungen Mannes», Hans Holbeins «Heilige Katharina», Anthonis van Dycks «Selbstbildnis mit Sonnenblume», Jan Brueghels «Leben auf der Landstrasse» und Jan Lievens «Bildnis eines alten Mannes» – fehlt bisher jede Spur.

Experten vermuten einen gezielten Auftragsklau. Seit 2009 gilt der Raub als verjährt. Sollten die Bilder je wieder angeboten werden, könnte das teuer, wenn nicht gar unerschwinglich werden.

Einen Erfolg konnte Eberle jedoch bereits vermelden: Das noch im Katalog aufgeführte Bildnis «Philipp der Gute» ist wieder in Gotha. Die Ernst von Siemens Kunststiftung hat es gekauft und dem Museum als Leihgabe gegeben.

phz/sda

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