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Brotlose Kunst

Heute beginnt der Fastenmonat Ramadan. Der passende Anlass für einen Blick zurück auf eine Zeit, in der Körperkünstler vor Publikum derart extrem hungerten, dass man sie als Stars feierte.

Sein Hungern wurde 2003 als Affront gegenüber unfreiwillig Hungernden in Afrika empfunden: David Blaine in seinem aufgehängten Plexiglaskasten unweit der Londoner Tower Bridge.
Sein Hungern wurde 2003 als Affront gegenüber unfreiwillig Hungernden in Afrika empfunden: David Blaine in seinem aufgehängten Plexiglaskasten unweit der Londoner Tower Bridge.
Keystone

Einmal fiel einem Aufseher der Käfig auf, und er fragte die Diener, warum man hier diesen gut brauchbaren Käfig mit dem verfaulten Stroh drinnen unbenützt stehen lasse; niemand wusste es, bis sich einer mithilfe der Ziffertafel an den Hungerkünstler erinnerte. Man rührte mit Stangen das Stroh auf und fand den Hungerkünstler darin.

Als Franz Kafka 1922 seine Erzählung «Ein Hungerkünstler» veröffentlichte – die obige Passage stammt aus dem gelungenen Psychogramm –, war der Boom um die Extremfaster stark abgeflaut. Es schien, als ob sich das voyeuristische Volk sattgesehen hätte an all den Frauen und Männern, die sich in Glasboxen oder Käfige sperren liessen und dort einen Monat lang oder mehr rumsassen, lasen, rauchten oder schliefen und dabei sichtbar abmagerten.

Die experimentelle Askese ging vergessen

Doch dann kam das unerwartete Revival – nicht in Wien, dem langjährigen Zentrum der Hungerkunst-Bewegung, sondern in Berlin. Ausgelöst wurde es durch den 25-jährigen Seidenkaufmann Siegfried Herz alias Jolly: Er startete die gross angekündigte Jagd nach dem neuen Hungerrekord von 44 Tagen am 13. Februar 1926 im Gasthaus Krokodil. Bereits in den ersten 18 Tagen liessen sich 75'000 sensationslüsterne Hauptstädter anlocken, und als Jolly die Bestmarke tatsächlich realisiert hatte, brach rund ums Lokal eine Hysterie aus, bei der sich Menschen in Ekstase glatt die Kleider vom Leibe rissen. Jolly selbst war so geschwächt, dass er in die Charité eingeliefert werden musste – notabene als berühmter und reicher Mann: Bis zum Schluss hatten ihn 350'000 Besucher fasten sehen wollen; der Gewinn, den er einstrich, betrug 130'000 Mark, für Nachkriegsverhältnisse eine stolze Summe.

Nach Jollys Erfolg tauchten im ganzen Land Trittbrettfahrer auf. Sie gaben sich Pseudonyme wie Ventego, Fastello, Jacky Jack, Don Polo, Daisy, Wolly oder Mass, und sie darbten ohne Vorbereitung für das schnelle Geld, den medialen Ruhm. Die experimentelle Askese, die bei Schauhungernden der ersten Stunde noch im Vordergrund gestanden hatte (weshalb man sie auch zu Künstlern emporstilisierte), ging vergessen.

Hungerkünstler wurden wieder verspottet und belächelt

Statt auf gefüllte Geldtöpfe stiessen die vermeintlichen Heroen jedoch an mentale und körperliche Grenzen: Wolly brach (angeblich wegen eines lachenden Zuschauers) aus der gläsernen Zelle aus, Jacky Jack scheiterte wegen eines Tobsuchtsanfalls, Don Polo erlitt einen Nervenzusammenbruch, Mass starb. Jene, die die Rekordjagd mehr oder minder unbeschadet überstanden hatten, verdienten mickrige 1000 bis 2000 Mark. Der Grund lag auf der Hand: Es waren schlicht zu viele, die um die Publikumsgunst buhlten; die Formel «Attraktivität durch künstliche Verknappung» war noch nicht erfunden.

Zum schwindenden Interesse kam noch der Skandal. Man fand heraus, dass ausgerechnet Jolly, der neue Held, bei seinem Rekord betrogen hatte: Vom 28. Tag an waren ihm stets um Mitternacht 200 bis 300 Gramm Schokolade verabreicht worden – durch dünne Messingröhren, die seine Helfer in die Luftzufuhrlöcher des Glaskäfigs steckten. Doch Jolly war nicht der Erste und nicht der Letzte, der das Brotlose dieser Kunst wirklich wörtlich genommen hatte; der Imageschaden wurde gross und grösser, und so fanden sich die Hungervirtuosen am Ende wieder da, wo sie vor der Blütezeit der Bewegung begonnen hatten: als belächelte oder verspottete Freaks auf unbedeutenden Jahrmärkten.

Opernaufführung musste wegen Hungerkünstler unterbrochen werden

Die zentrale Frage ist natürlich, wie eine derart unspektakuläre Darbietungsform überhaupt ein solcher Publikumsmagnet werden konnte. Peter Payer, Historiker und Wiener Stadtforscher, und Werner Michael Schwarz, der sich im Buch «Anthropologische Spektakel. Zur Schaustellung exotischer Menschen, Wien 1870–1910» mit der artverwandten Disziplin der Völkerschau befasste, kommen zum selben Schluss: Es gab um die vorletzte Jahrhundertwende eine «obsessive Faszination für den menschlichen Körper», «eine Gier nach Sensationen und anthropologischer Exotik» (die durch Präsentationen von Albinos, Hermaphroditen, Zwergwüchsigen und siamesischen Zwillingen befriedigt wurde) sowie «ein Streben nach wissenschaftlich messbarer, sportlicher Höchstleistung». Als zusätzlicher Kitzel kam bei den Hungerkünstlern hinzu, dass ihre Experimente «im Grenzbereich zur Schwindelei» angesiedelt waren, wie Peyer festhält.

Wie sich das Zeitgeistphänomen erst zur Attraktion entwickelte und letztlich als Desillusion endete, lässt sich anhand von Giovanni Succi besonders schön aufzeigen. Succi, der berühmteste aller Extremfaster, gab seine Premierenshow 1886 in Mailand. In diesen 30 Tagen wurde er so populär, dass eine Opernaufführung in der Scala, der er beiwohnte, unterbrochen werden musste, weil alle Besucher nur noch den Hungerkünstler anstarrten.

Glaskästen und Käfige für die Glaubwürdigkeit

Nach Auftritten in halb Europa hungerte der adrette Star dann 1896 in Wien, in einem Zimmer des Prunkhotels Royal. Dabei wurde der Italiener immerfort von Wissenschaftlern untersucht; die Bulletins mit der Veränderung des Gewichts, der chemischen Zusammensetzung der Ausscheidungen und dem körperlichen und psychischen Zustand wurden täglich im «Illustrierten Wiener Extrablatt» publiziert. Als Succi bereits in die nächste Stadt weitergereist war, wurde plötzlich bekannt, dass ein Arzt, der dem Fastenkönig am 25. Tag unangemeldet einen Besuch abstattete, diesen beim Genuss von Beefsteak und Sekt überrascht hatte.

Um die Glaubwürdigkeit ihrer «Kunst» wiederherzustellen, liessen sich die Körperkünstler fortan in die erwähnten Glaskästen und Käfige sperren – wobei sie, die christliche Ikonografie zitierend, vorab ein «letztes Abendmahl» einnahmen. Dass auch die Schauboxen den unstatthaften Fastenbruch nicht verhindern konnten, machte spätestens Jollys heimlicher Schokoladenkonsum klar.

Brüste als Provokation für den Hungernden

Auch wenn das öffentliche Hungern ab den 1960er-Jahren von der Bildfläche verschwand, kam es 2003 zu einem bizarr anmutenden Kurzcomeback: Der amerikanische Illusionist David Blaine hungerte 44 Tage lang in einem aufgehängten Plexiglaskasten neun Meter über Boden unweit der Londoner Tower Bridge. Die Aktion namens «Above the Below» kam schlecht an: Man empfand die unpolitische Selbstdarstellung als Affront gegenüber unfreiwillig Hungernden in der Dritten Welt oder monierte, die Magersuchtproblematik oder der Fastenmonat Ramadan würden persifliert.

Blaines Kasten wurde mit Golfbällen und Farbbeuteln beworfen, Frauen zeigten ihre Brüste, um ihn zu provozieren, ein Boulevardblatt liess einen ferngesteuerten Helikopter kreisen, mit dem Bild eines lachenden Cheeseburgers versehen. Am originellsten aber war der Protest einer Drittweltorganisation – ihre Aktivisten traten in den Hungerstreik.

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