Basler Raubkunst wurde in London angeboten

Um Verfahrenskosten einzutreiben, verkauft die Stadt antike Objekte sehr dubioser Herkunft.

Die illegale Herkunft konnte nur bei vier Fünfteln der beschlagnahmten Gegenstände nachgewiesen werden. Der Rest der verbleibenden Sammlung geht an die Antikenhändlerin zurück.

Die illegale Herkunft konnte nur bei vier Fünfteln der beschlagnahmten Gegenstände nachgewiesen werden. Der Rest der verbleibenden Sammlung geht an die Antikenhändlerin zurück.

(Bild: Keystone)

An der Londoner «Frieze Master» Messe sah ein Student des Archäologen Christos Tsirogiannis am Stand des Basler Antikenhändlers Jean-David Cahn zwei prächtige attische Lekythoi aus Marmor. Diese dienten ursprünglich zur Aufbewahrung von Olivenöl, aber auch als Grabbeigaben. Das Alter der beiden Vasen, die jeweils über 100'000 Pfund kosteten, wurde im vierten Jahrhundert vor Christus angesiedelt. Nähere Angaben über die Provenienz fehlten allerdings.

Das machte Tsirogiannis stutzig, der am Scottish Centre for Crime and Justice Research, Department of Criminology, der Universität Glasgow tätig ist. Er ist spezialisiert auf antike Raubkunst und hat Zugang zu den Archiven der italienischen und griechischen Kunstraubdezernate.

Hier finden sich auch Dokumente über einen der grössten Kunstraubfälle der Gegenwart, dessen Spuren nach Basel führen. Der gebürtige Sizilianer Gianfranco Becchina betrieb in den frühen Siebzigerjahren am Blumenrain in Basel die auf antike Kunst spezialisierte Galerie Palladion Ancient Art. Der Handel florierte prächtig, denn damals fragten sowohl Sammler wie auch Museen noch nicht sehr genau nach der Herkunft der Stücke. So deckten sich Sammler wie George Ortiz, Auktionshäuser und Museen wie der Louvre oder das Getty Museum in Malibu bei ihm ein.

Schmuggler- und Händlerring

Die meisten seiner Kunstobjekte stammten allerdings aus Raubgrabungen in Italien und Griechenland. Unter den Autositzen wurden Gegenstände in die Schweiz geschmuggelt. Um sie besser transportieren zu können, wurden sie teilweise zertrümmert und in Basel wieder zusammengesetzt. Schliesslich flog der Ring von Schmugglern und Händlern in Italien auf und im Zuge ihrer Ermittlungen schalteten die italienischen Behörden auch die Basler Polizei ein. In fünf Lagern Becchinas wurden daraufhin Tausende Kunstgegenstände, Fotografien und Dokumente beschlagnahmt.

Neben Becchina spielte auch seine damalige Frau Ursula-Marie Becchina-Juraschek eine wichtige Rolle bei diesem illegalen Kunsthandel. «Von Beginn an wusste die Beschuldigte von der illegalen Herkunft dieser Gegenstände, war sie doch im Zeitraum der Einfuhren bei ihrem Ehemann Mitarbeiterin mit Einzelunterschrift und über seine Geschäfte vollumfänglich informiert», heisst es in einem Bericht der Basler Staatsanwaltschaft. Trotz dieser schweren Anschuldigungen musste das Verfahren wegen Verjährung und aus Mangel an Beweisen eingestellt werden. Ihr früherer Ehemann, Gianfranco Becchina, geniesst seine Altersruhe unbehelligt auf einem Landsitz in der Toskana.

Nicht nur, dass die dubiose Antikenhändlerin ungestraft davonkommt, sie erhält auch noch zahlreiche antike Objekte zurück. Denn die illegale Herkunft konnte nur bei vier Fünfteln der beschlagnahmten Gegenstände nachgewiesen werden. Bei 1287 Gegenständen konnte nicht geklärt werden, woher sie genau stammen, auch wenn in den meisten Fällen logisch ist, dass sie durch Raubgrabungen ans Tageslicht gekommen sind. Trotzdem müssen sie jetzt an die Beschuldigte herausgegeben werden.

Da jedoch Ursula-Marie Becchina-Juraschek die ihr vom Gericht auferlegten Verfahrenskosten nicht zahlen wollte oder konnte, beantragte das Basler Betreibungsamt den Arrest der antiken Gegenstände. Mit dem Verkauf der wertvollsten Stücke sollte diese Schuld beglichen werden. Dies ist nun offenbar geschehen. Der Vorsteher des Konkursamtes, Gerhard Kuhn, bestätigte der BaZ, dass mehrere Objekte verkauft worden sind und das Verwertungsverfahren abgeschlossen ist. Der grosse Rest der verbleibenden Sammlung geht nun an die Antikenhändlerin zurück.

Kritische britische Medien

Zwei Stücke aus diesem Konvolut sind an der Frieze Masters in London aufgetaucht und sorgten dort für grosses Aufsehen. Sowohl der Guardian wie die London Times berichteten darüber. Denn Christos Tsirogiannis konnte die Lekythoi aufgrund beschlagnahmter Dokumente klar dem Becchina-Bestand zuweisen. Der Kunsthändler Jean-David Cahn hatte dazu einzig vermerkt, dass sie aus dem Schweizer Kunsthandel stammen, ohne Becchina zu erwähnen. Dem Guardian erklärte Cahn, dass er die beiden Vasen im Auftrag des Kantons Basel-Stadt verkaufe, was allerdings von Gerhard Kuhn dementiert wird. Cahn sei nur bei der Schätzung der Objekte beigezogen worden, die dann an eine Person – nicht Cahn – verkauft worden seien. Über den Verkaufspreis und den neuen Besitzer wollte der Vorsteher des Konkursamtes keine Angaben machen.

Die BaZ versuchte Jean-David Cahn gestern erfolglos telefonisch in New York zu erreichen, wo er an der Tefaf Fall ausstellt. Er gehört der Internatio-nal Association of Dealers in Ancient Art (IADAA) an, die 1993 in London gegründet worden ist. Die Mitglieder halten sich «an einen bindenden Verhaltenskodex, der entwickelt wurde, um den Interessen ihrer Kunden und der Erhaltung von Kulturgütern zu dienen». Die IADAA arbeitet mit dem Art Loss Register zusammen, der weltweit grössten Datenbank von gestohlenen Kunstwerken. Seit 1996 prüft jedes Mitglied der IADAA bei allen Objekten von einem Verkaufswert von mehr als 5000 Euro, ob sie im Art Loss Register als gestohlen gemeldet sind. Allerdings werden hier nur bereits bekannte Objekte erfasst, die aus Sammlungen und Museen gestohlen worden sind. Bei unklaren Provenienzen empfiehlt die Association die nötige Zurückhaltung.

Basler Zeitung

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